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5. KW: Langlebigkeit: Das unkalkulierbare Risiko für Versicherer?

Autor: Elke Pohl, Berlin

Immer mehr Menschen werden älter als 80 oder 90 Jahre. Sogar die 100 wird immer öfter erreicht. Ist ein Ende der steigenden Lebenserwartung zu erwarten? Wenn man einigen Wissenschaftlern glauben darf, könnte das Beispiel der 117 Jahre alten Italienerin Emma Morano-Martinuzzi, die bislang als der älteste Mensch der Welt gilt, künftig Schule machen. Mehr noch halten die Wissenschaftler in absehbarer Zukunft Lebenserwartungen von 130, 140 oder von 160 Jahren für keine Ausnahme. Und was bedeutet das für die Versicherer?

Und tatsächlich: Unsere durchschnittliche Lebenserwartung verlängert sich alle vier Jahre um zwölf Monate. Unter anderem dank geringer Säuglings- und Kindersterblichkeit schaffen es immer mehr Menschen bis ins hohe Alter. Zudem haben Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock herausgefunden, dass das Zeitfenster, in dem die meisten Menschen sterben, immer kleiner wird. Während beispielsweise in der alten BRD im Jahre 1956 die Hälfte aller Frauen innerhalb einer Zeitspanne von 15,7 Jahren rund um das mittlere Todesalter von 70,9 Jahren starben, waren es 2013 nur noch 12,9 Jahre um das Alter 82,9 Jahre. Gleichzeitig, so das MPIDR, hätten immer weniger Menschen das Privileg deutlich länger zu leben als der Durchschnitt. "Das Ausmaß, in dem die Menschen von der Verlängerung des Lebens profitieren, gleicht sich immer mehr an", fasst Alexander Scheuerlein, Forscher am Institut, zusammen.

Wie kalkulierbar ist das Risiko?

Langlebigkeit ist also eine Tatsache, die noch an Gewicht zunehmen wird. Ist sie ein versicherbares Risiko? Dieser Frage, die für alle Versicherer mit biometrischen Risiken im Portfolio von existentieller Bedeutung ist, geht eine aktuelle Studie der Zurich Gruppe Deutschland nach, die sie gemeinsam mit namhaften Experten aus Wissenschaft und Praxis erstellt hat.

Das Ergebnis: Während die vergangenen und gegenwärtigen Entwicklungen sehr gut bekannt sind und zum Teil auch plausibel erklärt werden können, haftet Prognosen ein Restrisiko an, sogar ein ziemlich großes. "Kinder, die heute geboren werden, haben statistisch gesehen nicht nur eine viel höhere Lebenserwartung als Menschen, die etwa 1950 geboren worden sind", macht Jacques Wasserfall, Leiter Finanzen Aktuariat Leben bei Zurich, das Problem deutlich. "Ihr Leben wird zudem von ganz anderen Effekten bestimmt und beeinflusst, als wir heute glauben, sodass es möglich ist, dass sie deutlich älter werden, als wir uns gegenwärtig vorstellen können."

Dazu kommt ein aktuelles Problem: Die anhaltende Niedrigzinsphase verhindert, dass Versicherungsunternehmen eventuell auftretende Deckungslücken in der Rentenversicherung durch Zinserträge auffüllen können. Die Frage, die sich unausweichlich daraus für jeden Rentenversicherer ergibt ist die, ob er alle denkbaren Risiken ausreichend berücksichtigt hat, um Rentenzusagen erfüllen zu "Die Grundfrage für Versicherer lautet: Wie viel werden wir brauchen, um Rentenversprechen auch denn erfüllen zu können, wenn viele Versicherte eines Kollektivs deutlich älter als angenommen werden?", verdeutlicht Wasserfall.

Prognosen werden zunehmend schwierig und unsicher

Zumindest was die heute 50-Jährigen betrifft, hat die erwähnte Studie ergeben, ist über ausreichend große Versichertenkollektive sehr gut berechenbar, wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung sein wird und was an Kapital dafür notwendig ist. Es sind aktuell keine positiven oder negativen Einflussfaktoren erkennbar, die deutliche Veränderungen in der Lebenserwartung verursachen werden. Zwar hat sich die Lebenserwartung für 50-Jährige in den letzten rund 130 Jahren von damals 18 Jahren (Männer) bzw. 19,3 Jahren (Frauen) auf 29,9 bzw. 34,2 Jahre erhöht, aber unendlich sei dieses Fortschreiten nicht. Man geht von einem natürlichen „Verfallsdatum“ des menschlichen Körpers aus, das laut Studie allerdings noch nicht beziffert werden kann.

Bei den Jüngeren wird eine Vorhersage dennoch deutlich "Wir müssen uns zum Beispiel fragen, ob es sinnvoll ist, jungen Kunden eine Garantie zu geben, die in 40 Jahren eingelöst werden muss", gibt Wasserfall zu bedenken. Die Finanzierung und die Rolle von Garantien in der Altersversorgung müssen nach seiner Meinung neu überdacht und dabei verschiedene Anspar- und Auszahlmöglichkeiten in Betracht gezogen werden. Grundsätzlich gelte aber nach wie vor: Wer viel in eine Rentenversicherung einzahlt, kann eine höhere Rente beziehen oder früher in Rente gehen. Wer wenig einzahlt, muss länger arbeiten oder seine Ansprüche zurückschrauben. Klingt hart, aber so ist leider die Realität.

Langlebigkeitsrisiko - Was ist das genau?

Unter dem Langlebigkeitsrisiko wird die Gefahr verstanden, dass die Personen eines gegebenen Kollektivs im Mittel länger leben als vorab kalkuliert. Das Langlebigkeitsrisiko wird in vier verschiedene Komponenten unterteilt:

Basisrisiko: Darunter wird die Gefahr verstanden, dass sich die mittlere Lebenserwartung im versicherten Kollektiv von derjenigen in der Bevölkerung unterscheiden kann.

Trendrisiko: Darunter wird die Gefahr verstanden, dass sich die Sterblichkeit im versicherten Kollektiv systematisch ändert.

Schwankungsrisiko: Es befasst sich mit der Volatilität der zukünftigen Lebenserwartung. Sind die Basis und der Trend der Sterblichkeit quantifiziert, so ist darüber hinaus die Gefahr der zufälligen Abweichung vom Mittelwert zu beachten.

Katastrophenrisiko: Es wird durch die Gefahr definiert, dass sich die mittlere Langlebigkeit eines gegebenen Kollektivs durch unvorhersehbare, plötzliche Ereignisse wesentlich ändert.

Quelle: Zurich Studie "Ist die Langlebigkeit in Deutschland ein versicherbares"; www.zurich.de

Eigene Lebenserwartung wird regelmäßig unterschätzt

Das Langlebigkeitsrisiko ist sowohl für die Versicherer als auch für die Kunden von großer Bedeutung, erklärt Dr. Johannes Lörper, Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Für den Einzelnen steht die Frage im Raum, ob sein gespartes Einkommen und seine Rente bis an sein Lebensende reichen werden, um seinen Lebensstandard zu halten oder ob er etwas an diesem mittel- bis langfristig ändern muss. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, dass die Deutschen ihre eigene Lebenserwartung und damit auch den notwenigen Kapitalbedarf systematisch unterschätzen.

Und die Versicherer müssen langfristig die Finanzierbarkeit ihrer Verpflichtungen sicherstellen. Wenn sich herausstellt, dass die Menschen systematisch länger leben, als in der Kalkulation angenommen, hätte das entsprechend gravierende Folgen für die Unternehmen und damit für die Versicherten. "Wir Aktuare gehen davon aus, dass unter anderem die verbesserte medizinische Versorgung, eine gesündere Lebensweise, der gestiegene Wohlstand sowie der höhere Bildungsgrad maßgeblich zu einem Anstieg der Lebenserwartung geführt haben. Darüber hinaus gibt es weniger tödliche Arbeits- oder Autounfälle und es sterben nicht mehr so viele Menschen an den Folgen von schweren Naturkatastrophen oder "

Sterbetafeln ermöglichen längerfristige Kalkulation

Als Grundlage für die Kalkulation von Rentenversicherungs-Tarifen werden Sterbetafeln, wie die der DAV herangezogen. "Die Sterbetafeln der DAV gründen auf einer Vielzahl an Quellen, von denen die Analysen zu den Beständen der Versicherer die wichtigste ist. Darüber hinaus werden Daten des Statistischen Bundesamtes, der Human Mortality Database, der Gerontology Research Group zu Supercentenarians und der Deutschen Rentenversicherung Bund genutzt" verrät Lörper das Procedere. Im Unterschied zu den Daten des Statistischen Bundesamtes spiegeln sich in den DAV-Sterbetafeln die langfristigen Trends zur Lebenserwartung wider, die permanent seit der Mitte des letzten Jahrhunderts beobachtet werden. Dieser methodische Unterschied ist der Hauptgrund dafür, dass die Sterbetafeln von einer deutlich höheren Lebenserwartung ausgehen. „Darüber hinaus hat uns der Gesetzgeber verpflichtet, aufgrund der großen, auch gesellschaftspolitischen Bedeutung von Rentenversicherungsprodukten Sicherheitspuffer in die Sterbetafeln einzubauen“ fügt er an. Außerdem sei aber auch zu betrachten, dass die DAV in ihren Berechnungen von einem speziellen Grundkollektiv ausgeht: Lebensversicherungen schließen vielfach Personen mit höherem Bildungsstand und höherem Einkommen ab, die nachweislich älter werden.

Überschüsse kommen Kunden zugute

Ist im Vertragsverlauf die tatsächliche Sterblichkeitsentwicklung günstiger als in der vorsichtigen Kalkulation der Tarife angenommen, entstehen Überschüsse, die den Versicherungsnehmern zu 90 % zugute kommen. Diese Überschüsse werden bei Rentenversicherungen in der Regel für Rentenerhöhungen eingesetzt. Auch Lörper hält Prognosen zur Lebenserwartung von heute 30-Jährigen für ein schwieriges "Denn die kritische Lebensphase tritt ab dem Alter 65 bis 70 ein. Und wer kann heute mit Sicherheit sagen, welche externen Faktoren unser Leben in 35 oder 40 Jahren beeinflussen ", gibt er zu bedenken.

Zudem sei die Lebenserwartung nur eine von zwei Stellschrauben bei Rentenversicherungen ist. Die Entwicklung des Zinses hat hierbei ebenfalls eine sehr große Bedeutung.

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