Einloggen nicht vergessen oder Gratistest nutzen!

Sie können nur als eingeloggter User auf die Inhalte des Wissenspools zugreifen. Bitte loggen Sie sich deshalb mit Ihren Zugangsdaten ein oder bestellen Sie die VersicherungsPraxis24 über unser Registrierungsformular - selbstverständlich mit der Möglichkeit zum 4-Wochen-Gratistest!

2. KW: Die eigene Lebenserwartung wird chronisch unterschätzt

Autor: Elke Pohl

Statistisch gesehen steigt die Lebenserwartung pro Jahrzehnt um ca. 2,5 Lebensjahre an. Nimmt man für eine Generation 30 Jahre an, so lebt die heutige Generation Mitte, also die 30- bis 59-Jährigen, im Durchschnitt 15 Jahre länger als ihre Großeltern.

Wird diese Verlängerung der Lebenserwartung nicht bei den zu treffenden Absicherungsmaßnahmen für das Alter und die Versorgung einkalkuliert, kann keine realistische und an die dynamischen Entwicklungen angepasste Vorsorge getroffen werden.

  • So besitzt eine Frau im Alter von 50 Jahren derzeit beispielsweise eine Restlebenserwartung von 36,1 Jahren, das heißt, sie wird dem statistischen Durchschnitt zufolge ihren 86. Geburtstag erleben.

  • Zugleich besteht aber eine 17 %ige Wahrscheinlichkeit, dass sie 95 Jahre alt wird. Dabei wird bei diesen Zahlen der medizinische Fortschritt wahrscheinlich sogar noch unterschätzt.

  • Nach einer ergänzenden Berechnung des Statistischen Bundesamtes mit etwas optimistischeren Annahmen ergibt sich sogar eine Wahrscheinlichkeit von 22,5 % für das Alter 95.

  • Die durchschnittliche Lebenserwartung von in diesem Fall 86 Jahren ist nur der „Normalfall“ und damit für die individuelle Planung des Lebensabends eigentlich irrelevant.

Die eigene Lebenserwartung wird unterschätzt

Im Auftrag der Ergo Versicherungsgruppe hatte das Marktforschungsunternehmen Ipsos in 2015 rund 1.000 Frauen und Männer im Alter von 16 bis 70 Jahren nach ihrer Einschätzung zur eigenen Lebenserwartung befragt. Weniger als 20 % der Bundesbürger erwarteten demnach, 90 Jahre und älter zu werden. Verglichen mit den Berechnungen der Versicherungsmathematiker zur durchschnittlichen Lebenserwartung der privat Rentenversicherten ist dies allerdings deutlich zu pessimistisch. Nach deren Berechnungen werden demnach zwischen 55 und 70 % voraussichtlich das Alter 90 Jahre erreichen. Der Umfrage zufolge schätzen insbesondere die Befragten unter 40 Jahren die eigene Lebenserwartung nicht richtig ein. Während nach aktuellen Berechnungen ca. 71 % von ihnen 90 Jahre oder älter werden, schätzen nur 13 % der Befragten dieser Altersgruppe die eigene Lebenserwartung insofern als richtig ein.

Die eigene Lebenserwartung wird also chronisch unterschätzt. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass sich die meisten Menschen an der Generation ihrer Eltern, Schwiegereltern oder Großeltern orientieren und deren Todeszeitpunkt quasi als mentaler Anker für die Schätzung der eigenen Lebenserwartung fungiert. Jochen Ruß vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften charakterisierte so sinngemäß auf einer Veranstaltung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) die allgemeine Unterschätzung der eigenen Lebenserwartung.

Prognosen bieten deutliche Varianz

Die Prognosen des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Aktuarvereinigung weichen zum Teil stark voneinander ab. Häufig wird kritisiert, dass die Schätzungen der Deutschen Aktuarvereinigung zu vorsichtig seien und deshalb von zu hohen Lebenserwartungen ausgegangen werde. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die entsprechenden Prognosen in der Vergangenheit sogar zu niedrig waren.

Anlässlich eines Pressegesprächs beim GDV im Jahr 2013 wurden die Prognosen des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Aktuarvereinigung aus dem Jahr 1987 verglichen mit der tatsächlichen Entwicklung in Deutschland. Auf Basis der Prognosen des Statistischen Bundesamtes hätten von den Männern, die im Jahr 1987 gerade 65 Jahre alt waren, knapp 22 % das Alter 85 erreichen sollen. Die Prognose der Deutschen Aktuarvereinigung ging damals von etwas über 26 % aus. Bereits damals hatte also die Aktuarvereinigung einen stärkeren medizinischen Fortschritt erwartet als das Statistische Bundesamt. Tatsächlich haben aber sogar über 32 % der im Jahr 1987 65-jähringen Männer im Jahr 2007 ihren 85. Geburtstag erlebt. Beide Prognosen haben also die Wahrscheinlichkeit noch deutlich unterschätzt. (Quelle: GDV (2013): Werkstattgespräch "Blackbox" Lebensversicherung – Was drin steckt und was raus kommt. Vortragsfolien zu einem Pressegespräch. Berlin, 11.12.2013)

Ältere und aktuellere Umfrageergebnisse

Umfragen des DIA noch in 2005 zeigten zudem, dass die Deutschen die Dynamik beim Anstieg der Lebenserwartung nicht in vollem Umfang erfasst haben. Männer unterschätzten ihre tatsächliche Lebenserwartung im Durchschnitt um fünf Jahre. Frauen leben durchschnittlich sogar sieben Jahre länger als sie vermuteten. Dies zeigt im Vergleich zu den MLP-Studienergebnissen, dass heute noch stärker unterschätzt wird als vor zehn Jahren.

Eine repräsentative Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag des Finanz- und Vermögensberaters MLP aus dem Jahr 2013 kam zu dem Ergebnis, dass die Deutschen ihre Lebenserwartung im Durchschnitt auf 81,3 Jahre schätzten. Die tatsächliche Lebenserwartung nach Daten der Deutschen Aktuarvereinigung lag mehr als acht Jahre darüber. Besonders groß war der Unterschied zwischen angenommener und tatsächlicher Lebenserwartung bei Frauen: Sie rechneten im Schnitt damit, 80,9 Jahre alt zu werden. Tatsächlich liegt ihre Lebenserwartung mit 92 Jahren aber mehr als elf darüber. Bei Männern beträgt der Unterschied annähernd sechs Jahre (angenommen: 81,7; tatsächlich: 87,4). Die repräsentative Befragung von 1.045 Bundesbürgern wurde im Auftrag von MLP für die aktuelle Ausgabe des Kundenmagazins "Forum" durchgeführt.

Tendenziell lässt sich aus den erhobenen Daten der MLP-Studie auch ein Zusammenhang zwischen der Einkommenshöhe und der geschätzten Lebenserwartung ablesen: Befragte, die ein monatliches Nettoeinkommen unter 500 bzw. 1.000 EUR zur Verfügung haben, rechnen lediglich mit einem Alter von 78,4 bzw. 79,2 Jahren. Wer dagegen einen Verdienst von 3.500 bis 4.000 EUR bzw. mehr als 4.000 EUR aufweist, schätzt die eigene Lebenserwartung auf 83,2 bzw. 83,5 Jahre.

Auch regionale Unterschiede wurden festgestellt: Während die Sachsen mit 79 Jahren die geringste Lebenserwartung annahmen, zeigten Bürger in Schleswig-Holstein mit 86,1 Jahren die optimistischste Einschätzung. NRW lag bei 80,1 Jahren, die Bayern bei 80,9 Jahren.

Fazit

Die Ruhestandsplanung sollte berücksichtigen, dass man mit einer signifikanten Wahrscheinlichkeit seine Lebenserwartung deutlich überleben kann. Folglich sollte nicht der Normalfall als Richtschnur dienen, der darin bestehen würde, dass man ungefähr bis zu seiner Lebenserwartung lebt, sondern dass man länger leben könnte. Aufklärung über diese Sachverhalte ist somit unbedingt erforderlich.

Eine solche Aufklärung kann beispielsweise auch die Akzeptanz von lebenslangen Renten erhöhen und dazu beitragen, dass Menschen das wollen, was sie rational betrachtet tatsächlich benötigen, bedarfsorientiert eben.

Wer hierzu noch mehr erfahren möchte, dem sei z.B. die Veröffentlichung "Länger leben als das Geld reicht: ein unterschätztes Risiko" der Autoren Alexander Kling und Jochen Ruß für die Lebensversicherung von 1871 a. G. empfohlen http://rente.lv1871.de/pdf/L-V4000_Whitepaper.pdf.