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12. KW: Finanzberatung ohne § 34f GewO: Wollen Sie Tippgeber eines Fintech werden?

Die Finanzberater stöhnen unter den Anforderungen der Registrierungspflicht nach § 34 f Gewerbeordnung. Damit ist dem Fintech-Unternehmen „youvestor AG“ die Aufmerksamkeit der Branche für ihr Angebot einer Tippgeberschaft gegen eine Bestandsprovision und ohne Registrierungspflicht sicher. Ist das Angebot realistisch?

Dynamik der Fintechs

Fintechs, das sind die seit einigen Jahren die klassische Finanzbranche verunsichernden Newcomer, die allerlei Dienstleistungen, von denen man bisher angenommen hatte, dass das nur Banken können oder dürfen, über das Internet anbieten. In einer Aufstellung der zehn größten Fintech-Anbieter weltweit, die das „Handelsblatt“ unter dem 03.02.2016 veröffentlichte, sind Anbieter von Firmenkreditmodellen und Zahlungsverkehrslösungen, unmittelbar gefolgt von Anbietern von Private Equity-Beteiligungen und Vermögensverwaltungslösungen. Die größten Anbieter kommen aus China, den USA und Großbritannien. Die Kunden scheinen derzeit mehrheitlich noch aus dem institutionellen bzw. dem B2B-Bereich zu stammen. Die meisten Fintechs sind seit wenigen Jahren aktiv und entwickeln eine enorme Dynamik, die vor allem den etablierten Banken zu schaffen machen dürfte. Einige in Deutschland tätige Banken nutzen aber auch von Fintech – Unternehmen entwickelte Softwarelösungen, insbesondere im Zahlungsverkehr.

Den Finanzberatern könnte das egal sein, wenn die Fintechs nicht massiv ins Finanzberatungsgeschäft drängen würden. Allerdings ist schwer zu beurteilen, ob das Angebot der youvestor nun einer dieser Schritte zur Eroberung der Kundschaft der traditionellen Finanzberater bzw. Finanzmakler ist oder schon die erste Verzweiflungstat eines Anbieters, der schon alles probiert hat und damit keinen Erfolg hatte. Norbert Porazik und Tim Bröning, Geschäftsführer des Pools Fonds Finanz wurden in procontra online vom 23.09.2015 mit der Aussage zitiert: „Fintechs nehmen keine Kunden weg, weil sie keine haben.“ Wenn das stimmt, würde das die These von der Verzweiflungstat stützen.

Strukturvertrieb contra Fintech

Der auf „procontraonline“ ausgetragene Disput zwischen dem Strukturvertrieb DVAG und Dennis Just vom Fintech-Unternehmen Knip, weist darauf hin, dass gerade die großen „alten“ Player am Beratungsmarkt besonders sensibel auf den Fintech-Angriff reagieren. Helge Lach von der DVAG hatte im Blog auf der DVAG – Homepage gefragt, ob die User (Kunden) wissen, was sie erwartet, wenn sie sich bei einem Fintech-Anbieter registrieren. Ahnt der Kunde zum Beispiel, welchen Nachteil die Umdeckung der Lebensversicherung haben kann? Just hält dagegen, dass der von bestimmten Beratern untergrabene Vertrauensschwund beim Kunden überhaupt erst der Grund dafür sei, dass es die Knip gäbe, die hart daran arbeite, Transparenzdefizite beim Kunden zu beseitigen.

Maklerpools müssen reagieren

Finanzberater, die mit Maklerpools zusammenarbeiten, erwarten zu Recht, dass ihr Pool auf die neuen Konkurrenten so reagiert, dass ihr Geschäft geschützt bleibt. Das tun sie laut vielfacher Berichte in den Fachmedien bereits zunehmend, indem sie z. B. Kundenapps entwickeln, mit denen ihre Poolmitglieder beim Kunden glänzen können. Ob die Maklerpools jedoch letztendlich die besseren Fintechs sind, wird die Zukunft zeigen.

Beratung bei Fintechs

Wer mit Erfahrung in der Finanzbranche tätig ist, fragt sich sicherlich, welche Kunden sich gerne von einem Computer beraten lassen wollen. Es werden vermutlich die Nerds sein, die ihre Anlageentscheidungen, genauso wie Einkäufe aller Art, schon jetzt gerne alleine mit sich und ihrem Computer treffen. Für die große Mehrheit der Anleger und Kunden gilt jedoch eher, dass das Wissen um die Finanzmärkte und -produkte, unabhängig vom Bildungsniveau, eher gering ausgeprägt ist. Der persönliche Einsatz eines Beraters vor Ort beim Kunden erscheint auf unabsehbare Zeit unverzichtbar.

Zurück zu youvestor

Soweit bekannt, ist youvestor der einzige Anbieter, der mit Finanzdienstleistern zusammenarbeiten will. In der Tat kann es für einen Versicherungsmakler oder –vermittler interessant sein, seine Kunden mit Anlagebedarf an youvestor weiterzuleiten, dennoch 0,7 % Bestandsprovision (im Durchschnitt) zu beziehen und so die Aufwendungen für den 34 f GewO zu sparen. Die Beratungspflicht liegt dann bei youvestor, die sie auf der Basis einer eigenen 34 f – Registrierung, offenbar ausschließlich per Internet, wahrnimmt. Der Kunde bekommt dann von youvestor einige Musterdepots mit Investmentfonds zur Auswahl. Ein Angebot für den Fall, dass der Kunde keine Investmentfonds haben will, scheint es nicht zu geben. Weitere Details finden sich auf der Homepage von youvestor.

Die Tippgeber–Lösung von youvestor fühlt sich wie eine trickreiche Umgehung der mühsam eingeführten Beraterregeln, die in allen Facetten deutlich von einem persönlichen Beratungsgespräch ausgehen, an. Auch die Voraussetzungen für ein Haftungsdach scheinen erfüllt, jedoch erscheint nicht sicher, dass die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen beachtet werden. Ob das Konzept auf die Dauer von BAFin und Gesetzgeber akzeptiert wird, bleibt offen. Eine gewisse Rechtsunsicherheit für youvestor, aber auch für deren Tippgeber scheint deshalb gegeben.

Problempunkt Kommunikation zwischen Tippgeber und Kunde

Der Tippgeber schließt mit youvestor eine sog. Tippgebervereinbarung. Darin werden unter Punkt 2 Rechte und Pflichten ausführlich festgelegt, z. B. was der Tippgeber bei der Kontaktaufnahme dem Kunden sagen darf und was nicht. Vor allem soll er nicht auf den Interessenten einwirken, „um dessen Abschlussbereitschaft mit der youvestor herbeizuführen“. Stattdessen darf er allgemeine Angaben zu youvestor machen wie z. B. Größe, Sitz, verantwortliche Personen usw. und auf die Internetseite verweisen. Danach folgen sieben Punkte dazu, was nicht Gegenstand der Kommunikation sein darf. Er darf z. B. keine Anlageberatung und auch keine Anlagevermittlung durchführen, er darf kein konkretes Portfolio benennen usw.

„Worst case“ könnte es natürlich zu einem heftigen Kursverlust der Anlage kommen und damit zu Vorwürfen und Schadenersatzforderungen des Anlegers. Die youvestor könnte sich mit Hilfe von Beratungsprotokoll und andere Beratungsdokumentation freizeichnen. Der Kunde könnte aber ohnehin der Meinung sein, dass eigentlich der Tippgeber, der ihn ja auch in anderer Hinsicht, zum Beispiel bei Versicherungslösungen berät, zu dieser Anlage verholfen hat. Jetzt müsste der Tippgeber beweisen, dass er im Zusammenhang mit dem Weiterleitungsvorgang keine Anlageberatung geleistet hat. Das dürfte schwierig werden, wenn der Tippgeber tatsächlich, wie von der youvestor beworben, ein Finanzdienstleister, z.B. ein Versicherungsmakler, ist. Vorsichtshalber müsste in diesem Fall auch der Tippgeber ein umfangreiches Protokoll des Kontaktgesprächs anfertigen und vom Kunden unterzeichnen lassen, um gegebenenfalls diesen Nachweis zu erbringen. Fraglich ist, ob der Kunde nach Unterzeichnung eines solchen Protokolls noch zu youvestor will.

Kundenverlustrisiko

Auch wenn der Tippgeber sich streng an die Tippgebervereinbarung gehalten haben sollte, wird er in den Augen des Kunden im Falle von Vermögensverlusten der Urheber des Übels sein, diesen Kunden verlieren und wahrscheinlich Rufschaden erleiden. Um dieses Risiko einschätzen zu können, genügt es sicher nicht, die recht plakative aber wenig erhellende Video-Darstellung der Vorgehensweisen von youvestor beim Management des Fondsdepots anzuschauen. Da sind schon tiefere Einblicke nötig, die youvestor ihren Tippgebern hoffentlich verschafft. Das muss vom Tippgeber, der ja ggfls. seinen Kunden an youvestor weiterleitet, aber auch eingefordert werden, denn eine diesbezügliche Verpflichtung hat youvestor wahrscheinlich nicht.

Fazit

Unzweifelhaft bringen die Fintechs frischen Wind in die Finanzbranche. Das ist natürlich positiv und könnte viele neue Ideen, aus denen sich kluge Lösungen ergeben, bringen. Florian Daumann, Finanzberater aus Frankfurt ist sich jedoch sicher: „Dass Fintechs in absehbarer Zeit die Kundenberatung übernehmen könnten, das ist kaum zu befürchten.“ Finanzberater sollten jedoch aufmerksam die Entwicklung verfolgen. Manche Fintech-Lösungen könnten ihre Arbeit in der Zukunft deutlich erleichtern. Den persönlichen Kontakt zum Kunden werden sie aber kaum ersetzen.