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Dezember 2020: Vermittler sind in der Krise unverzichtbar

Vor kurzem hat der Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler e.V. (BDVM) eine Bilanz über das zurückliegende Jahr gezogen, das naturgemäß stark von den Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt war. Dazu gehören vor allem die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowohl bei den Kunden als auch bei den Versicherern, aber auch rechtliche Auseinandersetzungen darüber, was eine Betriebsschließungsversicherung leisten kann und was nicht. Mit Hans-Georg Jenssen, dem Geschäftsführender Vorstand des Verbandes, sprach Versicherungspraxis24 über die aktuellen Probleme und Herausforderungen.

Die Versicherungswirtschaft macht in den letzten Monaten vor allem mit der Betriebsschließungsversicherung von sich reden - daneben gibt es aber ja noch eine ganze Reihe anderer Sparten. Wie ist dort die Lage?

Jenssen: In vielen Bereichen der Gewerbe- und Industrieversicherung ist die Lage angespannt. Bei den Versicherungsunternehmen hat Corona wie ein Katalysator vieles beschleunigt. Die Bestände werden jetzt schlagartig saniert, was zu deutlich höheren Prämien oder gar einem kompletten Rückzug führt. Für die Kunden bedeutet das, dass sie in einer ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Situation die höchsten Prämiensteigerungen akzeptieren müssen und dass es teilweise sogar schwer wird, überhaupt noch einen 100-prozentigen Versicherungsschutz zu bekommen.

Welche Sparten sind dabei besonders betroffen?

Jenssen: Insbesondere in der D&O- und der Cyber-Versicherung ist die Situation schwierig, während die Kfz- und die Feuer-Versicherung weiterhin profitabel und deshalb unproblematisch sind. Generell gibt es in der Industrieversicherung massive Forderungen und die Risikokollektive werden immer enger geschnitten - am liebsten wäre den Versicherern der Kunde, der seine Risiken selbst trägt, was ja dem Kollektivcharakter des Versicherungsprinzips widerspricht. Dazu kommt, dass durch die Solvency-II-Reform risikoarmes Verhalten belohnt wird und durch Corona zusätzliche Risiken entstanden sind. Nun muss man neu darüber nachdenken, welche Gefahren vorhanden sind und sieht, wie klein die Welt geworden ist. Dies muss als Risiko neu kalkuliert werden.

Sie haben es ja schon angedeutet, dass viele Unternehmen in einer wirtschaftlich schwierigen Lage und von Umsatzeinbrüchen betroffen sind und sich deshalb schwer tun, weiterhin die Prämien für Versicherungsschutz zu zahlen - wie werden die Makler mit dem Spagat, beiden Seiten gerecht zu werden, fertig?

Jenssen: Die Kunden können die Forderungen der Versicherer oft nicht nachvollziehen und es gibt dadurch schon einen gewissen Unmut. Aufgabe des Maklers, der ja immer auf Seiten des Versicherungsnehmers unterwegs ist, ist es, ihm die Zwänge, in denen die Versicherer stecken, zu erklären und die Spielräume auszuloten. Aber sie können natürlich nicht den Job des Versicherers machen.

Was könnte passieren, wenn sich beide Seiten nicht einig werden?

Jenssen: Wenn sich die Risiken nicht zu vernünftigen Preisen abdecken lassen, wird sich die Frage stellen, ob sich das Hebammenrisiko wiederholt, bei dem ja auch einerseits die Bedeutung der Hebamme klar war, andererseits aber die Versicherer die Risiken nicht tragen wollten. Grundsätzlich wird es dabei darauf ankommen, dass die Vermittler ihre Rolle erfolgreich ausfüllen, denn die Alternative ist, dass der Staat sonst immer mächtiger wird. Generell gilt ja bei allen Berufsgruppen, je lauter sie sind, um so mehr Beachtung finden sie. Für ein geregeltes Verfahren ist das Know-how der Versicherungswirtschaft wichtig und die Versicherer haben auch einen gewissen Spielraum, wobei der natürlich auch durch die Rückversicherer beeinflusst wird. Insgesamt gilt aber auf den Vermittler bezogen „Nie war er so wertvoll wie heute“ - die Kunden schaffen das alleine nicht. Mit den Herausforderungen durch die aktuelle Situation wären die meisten Versicherungsnehmer überfordert.

Sehen Sie in der jetzigen Situation auch Anzeichen für positive Veränderungen?

Jenssen: Positiv ist sicher, dass der Wert des Maklers von den Kunden deutlicher gewürdigt wird. Die Digitalisierung, die jetzt ja stärker in den Vordergrund gerückt ist, kann den unmittelbaren menschlichen Kontakt nicht ersetzen, aber sie kann bestimmte Prozesse optimieren. So wurden mit dem verstärkten Homeoffice neue Arbeitsformen geschaffen, die auch die Gewinnung neuer Mitarbeiter erleichtern könnten, wenn sie beispielsweise nicht fünfmal pro Woche 100 Kilometer zu ihrer Arbeitsstelle fahren müssen, sondern nur zweimal. Außerdem wurde das Bewusstsein dafür gestärkt, wie wichtig es ist, vernünftig abgesichert zu sein, und auch die Erkenntnis, dass es in einer komplexen Welt keine einfachen Lösungen gibt und wie wichtig Risikomanagement ist. In einer Vielzahl von Fällen gab es auch Solidarität von Seiten der Versicherer, beispielsweise durch Stundungsangebote.

Die Corona-Pandemie hat ja, wie Sie schon erwähnten, der Digitalisierung einen kräftigen Aufschwung beschert - was bedeutet das konkret für die Arbeit der Makler?

Jenssen: Die Makler haben gelernt, dass man Verbindung zu seinen Mitarbeitern halten kann, ohne ständig mit ihnen in einem Büro zu sitzen - mit einem Laptop kann man praktisch überall arbeiten und auch mit dem Kunden kommunizieren. Das Bewusstsein dafür ist deutlich gestiegen. Aber die digitale Kommunikation muss noch verbessert werden, vor allem an den Schnittstellen zwischen Makler und Versicherer muss die Verschlüsselung von E-Mails noch sicherer werden, damit man, vergleichbar mit dem Einwurf in einen Briefkasten, den Empfang einer Nachricht nachweisen kann. Außerdem müssen für alle Beziehungen zu Versicherern die gleichen Regeln gelten - so wie ein Makler ja auch nicht 50 Briefkästen hat. Deshalb arbeitet der BDVM zusammen mit anderen Verbänden an einem Projekt zur Normierung der digitalen Kommunikation und zur Erstellung von klaren Regeln, zum Beispiel, was passiert, wenn sich ein Postfach nicht öffnet. Ziel ist es, dass in Zukunft in einem Maklervertrag neben der Courtagevereinbarung festgehalten wird, dass beide Seiten einem digitalen Code of Conduct verpflichtet sind. Damit kann die analoge Welt zu fairen Regeln in die digitale Welt überführt werden.

Um auf meine Anfangsfrage zurückzukommen - was sollte und müsste getan werden, damit sich solche rufschädigenden Auseinandersetzungen um die BSV, wie sie aktuell stattfinden, nicht wiederholen?

Jenssen: Die Situation ist ja so, dass die Versicherer zu Recht sagen, wir können Pandemien nicht versichern. Das betrifft natürlich die Zukunft, auf die Vergangenheit bezogen kommt es auf die konkreten Klauseln in den bestehenden Verträgen an. Aus Sicht des BDVM sollten die Versicherungsunternehmen eine angemessene Rolle spielen und für ein geregeltes Auszahlungsverfahren sein. Damit können sie den Staat entlasten, der sich andererseits finanziell beteiligen muss, weil das die Versicherungswirtschaft nicht alleine stemmen kann. Es sollte also eine Mischfinanzierung geben, auf deren Basis die Prämie errechnet wird für eine „Pandemus“-Versicherung, analog zur Extremus-Versicherung. Dabei entsteht ein gewisser Anspareffekt und der darüber hinausgehende Teil sollte durch den Staat und über den Kapitalmarkt finanziert werden. Es sollte eine freiwillige Versicherung sein, aber wer darauf verzichtet, bekommt im Schadenfall weniger Hilfe als jetzt. Das sind erste Ansätze, die wir schon in einem Papier festgehalten haben, wobei der BDVM bei den Gesprächen, die der GDV geführt hat, bisher nicht beteiligt war. Aber wir hoffen, dass sie in Zukunft in die Überlegungen einbezogen werden.

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Hans-Georg Jenssen,
Geschäftsführender Vorstand des Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler e.V. (BDVM)