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Insurtechs: Geht eine BU-Versicherung auch digital?

News-Datum: 14.08.2017
Verfasst von: Elke Pohl
Thema: [keine Angabe]
Referenz: JURION 2017, 364558

Die Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert das digitale Angebot des Insurtech-Unternehmens Getsurance für eine digitale Berufsunfähigkeitsversicherung. Vieles davon klingt einleuchtend. Aber wie argumentiert das Technologieunternehmen dagegen?

Bereits im April dieses Jahres gab Getsurance bekannt, dass es noch 2017 mit einem eigenen Versicherungsprodukt im Bereich BU auf den Markt kommen will: Getsurance Job. Dafür bekommen die Berliner 2 Mio. EUR, wurde vermeldet. Investiert haben Picus Capital, die IBB Beteiligungsgesellschaft und die Schweizer Großbank PostFinance. Im Mai 2016, kurz nach dem Start von Getsurance, erhielten die Gründer laut gruenderszene.de bereits 500.000 EUR in einem Angel-Investment von den Geschäftsführern der Rating-Agentur Franke und Dornberg. Getsurance Job ist nach eigener Aussage die erste komplett digitale BU-Versicherung in Deutschland. Man biete zudem als einziger Versicherer drei verschiedene Leistungspakete, sodass auch körperlich Tätige bezahlbaren Basisschutz finden. Das kleinste Paket gebe es für eine Krankenschwester ab 11 EUR monatlich, so Firmengründer Viktor Becher.

Makler, Vertreter oder Versicherer?

Gestartet war das Unternehmen von den Brüdern Johannes und Viktor Becher als Versicherungsmakler, also als unabhängiger Vermittler für verschiedene Versicherungsprodukte. Recht schnell habe man sich aber darauf konzentriert, eine digitale Versicherung gegen Berufsunfähigkeit zu entwickeln, heißt es von Getsurance. "Vorhandene Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit erfordern einen langwierigen Antragsprozess, der nicht kundenfreundlich ist", erklärt Johannes Becher den Ansatz. Das Getsurance-Produkt solle sich in wenigen Minuten online abschließen lassen, dank automatischer Risikoprüfung. Der Markt dafür sei groß: Getsurance geht von 22 Mio. unterversicherten Menschen in Deutschland aus. Der derzeitige Status von Getsurance alias Young Finance GmbH ist laut Impressum übrigens der eines Versicherungsvertreters. Hier heißt es wörtlich: Derzeit vermitteln wir ausschließlich Versicherungen der folgenden Gesellschaft: Squarelife Lebensversicherungs-AG, Landstraße 33, 9491 Ruggell, Liechtenstein. Da bleiben Fragen offen, zumal sich Firmengründer Viktor Becher selbst als Versicherer bezeichnet.

Verweis auf einen Tarif, den es noch gar nicht gibt

Nun hat sich die Verbraucherzentrale Hamburg mit dem BU-Tarif befasst. Dazu hat sie sich die beiden im Internet abrufbaren Versicherungsbedingungen für die Tarife Job Comfort und Job Premium angesehen. Anders als es die Gründer behaupten, sind die Bedingungen nicht einfach, so das Urteil. So gebe es eine Reihe von Ausschlusskriterien, die den Versicherungsschutz für zahlreiche Menschen unmöglich macht. Längerer Medikamenteneinnahme und stationäre Behandlungen in den vergangenen Jahren seien Ausschlusskriterien für die beiden Tarife. Stattdessen werde man in dem Fall auf den Tarif Job Basic verwiesen, für den es noch gar keine Bedingungen gebe. Psychische Erkrankungen seien ganz vom Versicherungsschutz ausgenommen. Und das, obwohl diese in den letzten Jahren zahlenmäßig zu den Hauptgründen für eine Berufsunfähigkeit aufgestiegen sind. Getsurance kontert laut einem Bericht von Pfefferminzia.de diese Kritik mit der Bemerkung, dass Comfort und Premium nur dann nicht angeboten werden können, wenn die Krankheit nicht folgenlos ausgeheilt ist.

Ohne Risiko-Überschüsse

Der Tarif Job Basic, so geht die Kritik weiter, sei gar kein BU-Tarif, da hier nur bei Folgen eines Unfalles geleistet werde. Da bei diesem "Auffangtarif" nur Unfälle und damit maximal 10 % der BU-Fälle erfasst würden, blieben 90 % der Fälle unberücksichtigt. Was den Einfluss psychischer Erkrankungen betrifft, bekommt man im Basic-Tarif anders als bei Comfort und Premium zwar generell einen Schutz, aber nur dann, wenn es in den vergangenen Jahren vor Antragstellung keinerlei Untersuchung oder Beratung zu psychischen Problemen gab. Getsurance beschwert sich und behauptet, dass man der einzige Anbieter sei, der überhaupt Menschen mit psychischen Vorerkrankungen versichert. Ob das so absolut stimmt, sei dahingestellt.

Ein weiterer Kritikpunkt der Verbraucherzentrale betrifft die Differenzierung der Beitragshöhe nach dem Anteil körperlicher Arbeit, nicht nach dem Beruf. Menschen mit einem hohen Anteil körperlicher Arbeit müssten dadurch noch mehr zahlen als bei anderen Versicherern. Modellkunden, kontert Getsurance, würden die Wirklichkeit nie tatsächlich abbilden. "Wir sind meistens unter den drei günstigsten Tarifen am Markt", behauptet das Unternehmen. Auch die Behauptung der Verbraucherzentrale, Getsurance würde seinen Versicherten keine Überschüsse gutschreiben, weist das InsurTech zurück. "Unsere Tarife sind so kalkuliert, dass Risiko-Überschüsse gar nicht erst entstehen", so ihr Argument.

Das Geld soll sicher sein

Schließlich bemängeln die Verbraucherschützer fehlende Bestandteile in BU-Verträgen, wie sie sonst üblich sind, wie etwa eine Dynamik im Leistungsfall, sowie den Sitz des Versicherers in Liechtenstein. "Dieser Versicherer nimmt also nicht an Schlichtungsverfahren durch den in Berlin ansässigen Versicherungsombudsmann teil", urteilt die VZ Hamburg. Zudem wird angeführt, dass im Falle von Zahlungsschwierigkeiten weder deutsches noch EU-Recht gelt. Falsch, kontert Getsurance. "Der liechtensteinische Insolvenzschutz für Versicherte ist besser als der deutsche. Das von Versicherten eingezahlte Geld gilt in Liechtenstein als Sondervermögen und ist vor dem Zugriff durch Gläubiger geschützt."