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Oktober 2016: Wettbewerb belebt das Geschäft

Anfang November werden viele, die privat krankenversichert sind, unerfreuliche Post von ihrem Versicherer bekommen. Bereits in den letzten Wochen konnten sie in den Medien lesen, dass sie die Ankündigung von Beitragssteigerungen in zweistelliger Höhe für 2017 enthalten wird. VersicherungsPraxis24 sprach mit Dr. Volker Leienbach, Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung, über die Gründe und Konsequenzen.

Einige seriöse Tageszeitungen haben vor kurzem gemeldet, dass die Beiträge für die private Krankenversicherung 2017 für viele Versicherte im zweistelligen Prozentbereich steigen werden. Der PKV-Verband hat dies im Grundsatz bestätigt. War das aus Ihrer Sicht wirklich unvermeidlich?

Leienbach: Die Beiträge zur Krankenversicherung – egal ob gesetzlich oder privat – steigen grundsätzlich, weil auch die Behandlungskosten in unserem Gesundheitssystem Jahr für Jahr steigen. Ein wesentlicher Treiber dabei ist der medizinische Fortschritt, der uns allen mehr Lebens- und Versorgungsqualität beschert, aber eben auch seinen Preis hat. So haben sich die Gesundheitsausgaben in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt. Eine Krankenversicherung kann auf diesen Anstieg auf zwei Arten reagieren: Entweder sie erhöht die Beiträge oder sie schränkt bestimmte Leistungen ein. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) tut regelmäßig beides. Die private Krankenversicherung (PKV) steht für eine lebenslange Leistungsgarantie. Hier müssen die Versicherten keine nachträglichen Kürzungen fürchten, aber der medizinische Fortschritt muss finanziert werden. Dabei dürfen die PKVen die Beiträge nicht bei jedem Anstieg der Ausgaben erhöhen. Das Gesetz erlaubt dies erst, wenn der Zuwachs eine bestimmte Schwelle überschreitet. Diese Vorschrift führt manchmal zu einem Wechsel von längeren Phasen der Stabilität – wie sie sehr viele Privatversicherte erst in den letzten Jahren wieder erlebt haben – und dann sprunghaft ansteigenden Beiträgen.

Gibt es aktuell Gründe, die diesen Anstieg verstärken und besonders deutlich machen?

Leienbach: Als Sondereffekt kommt jetzt das anhaltende Niedrigzinsumfeld dazu. Weil die Menschen mit zunehmendem Alter auch immer mehr medizinische Leistungen benötigen, trifft die PKV systematisch Vorsorge. Unsere Versicherten zahlen in jungen Jahren mehr Beiträge, als sie an Kosten verursachen. Diese zusätzlichen Einnahmen werden für die höheren Ausgaben im Alter angespart: Die Versicherung legt sie gewinnbringend am Kapitalmarkt an. Bei dieser Geldanlage sind die PKV-Unternehmen sehr erfolgreich: So erzielten sie selbst im Jahr 2015 noch eine Verzinsung von durchschnittlich 3,7 %. Allerdings basiert dieser Erfolg vor allem auf höher verzinsten Anlagen aus früheren Jahren. Durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank sind die Erträge bei jeder neuen Geldanlage heute viel geringer. Diese Entwicklung muss die PKV einkalkulieren. Was die Zinsen nicht mehr hergeben, muss – so ist es gesetzlich vorgeschrieben – durch eine Erhöhung der Vorsorge ausgeglichen werden. Davon sind Privatversicherte jetzt also ebenso betroffen wie andere Sparer auch. Dennoch: Auch in der Niedrigzinsphase haben Privatversicherte einen exzellenten Schutz zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Und sie werden auch davon profitieren, wenn die Zinsen wieder steigen.

Neben der Vollversicherung sollen ja auch die Zusatzversicherungen deutlich teurer werden. Wie sehen hier die Prognosen aus?

Leienbach: Die Beitragsentwicklung bei den Zusatzversicherungen ist unauffällig und bewegt sich im üblichen Rahmen.

Die „Wirtschaftswoche“ hat nach dem Bekanntwerden der Beitragserhöhungen einen Beitrag veröffentlicht, „warum sich die PKV kaum noch lohnt“. Danach zeigten „die bevorstehenden Beitragserhöhungen der PKV, dass die Abhängigkeit von den Bedingungen am Kapitalmarkt nicht in jedem Fall zu einer besseren Finanzierbarkeit der Kosten geeignet ist“ und dass die privat Versicherten trotz Altersrückstellungen im Alter mit hohen bis untragbaren Beiträgen rechnen müssten. Wie sehen Sie das?

Leienbach: Wer den erwähnten Artikel liest, muss zu dem Schluss kommen, dass die reißerische These „PKV lohnt kaum“ nicht einmal von den Fakten gedeckt wird, die der Autor liefert. Völlig unhaltbar wird das Ganze, wenn man dann noch zwei wichtige Punkte in Betracht zieht, die der Artikel unterschlägt – und die leider auch an anderer Stelle oft übersehen werden, wenn es um einen Vergleich der Altersbeiträge in GKV und PKV geht.

So müssen freiwillig gesetzlich Versicherte im Rentenalter nicht nur auf die gesetzliche Rente, sondern auf alle Einkünfte, wie Betriebsrente, Mieteinnahmen, Kapitalerträge, Einkünfte ihrer Ehepartner, ihren GKV-Beitrag zahlen – bis hin zum Höchstbeitrag von z.Zt. 665 EUR. Auch auf die berufsständische Versorgung fällt der volle Beitragssatz an – von z.B. 50.000 EUR Altersvorsorge sind fast 8.000 EUR an die GKV abzuführen. Privatversicherte bleiben von all dem „verschont“. Unerwähnt bleibt zudem die Möglichkeit des Tarifwechsels. Wer seinen PKV-Beitrag im Alter reduzieren und Leistungen entsprechend denen der GKV erhalten möchte, der muss nicht etwa in die GKV wechseln, sondern kann dieses Ziel auch im PKV-Standardtarif erreichen, der vergleichbare Leistungen wie die GKV bietet. Der Durchschnittsbeitrag dort beträgt etwa 280 EUR im Monat, von denen bei Rentnern bis zu 140 EUR durch einen Zuschuss der Rentenversicherung abgedeckt werden können. Zugleich ist der Selbstbehalt auf 306 EUR jährlich begrenzt.

Die Vorteile der PKV liegen sicher vor allem in der größeren Flexibilität bei der Wahl der Leistungen. Wie wollen Sie aber einem älteren Versicherten klar machen, dass er hier Abstriche machen muss, wenn er im Rentenalter aus finanziellen Gründen in den Standardtarif wechseln muss – gerade dann, wenn er mehr Leistungen in Anspruch nimmt?

Leienbach: Ganz ehrlich, auch hier sollten wir die Kirche im Dorf lassen! Zunächst einmal: Die übergroße Mehrheit der Privatversicherten hat keinerlei Probleme mit der Bezahlbarkeit des Beitrages, gerade auch im Alter nicht. Schließlich zahlen sich dann die über die Versicherungszeit angesammelten Alterungsrückstellungen aus. Außerdem fällt der gesetzliche 10-%-Zuschlag mit Alter 60 weg – und mit Renteneintritt entfällt auch der Beitrag fürs Krankentagegeld. Es gibt einen Zuschuss von der Rentenversicherung und gegebenenfalls mehr Beihilfe. Wer dann dennoch Probleme hat, der argumentiert typischerweise in etwa so: Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich in der gesetzlichen Kasse geblieben. Aber genau das kann er doch haben! Der Standardtarif bietet einen der GKV absolut vergleichbaren Leistungsumfang und ist dabei oft sogar noch günstiger, als es der Beitrag in der gesetzlichen Krankenkasse wäre.

Wie wird Ihrer Einschätzung nach die Entwicklung der PKV bei den Voll- und Zusatzversicherungen im nächsten Jahr und generell in der nächsten Zukunft aussehen?

Leienbach: Erfreulicherweise hält der Trend zu mehr privater Vorsorge seit vielen Jahren an: So stieg die Zahl der Policen im Bereich der PKV zuletzt auf insgesamt 33,56 Mio. im Jahr 2015. Seit zwei, drei Jahren – das muss man sehen – ist es vor allem die Zusatzversicherung, die hier treibt. In der Vollversicherung haben wir dagegen einen leichten Rückgang, der einem Sondereffekt geschuldet ist: Seit einigen Jahren wächst die Zahl der abhängig Beschäftigten in Deutschland, auch deshalb, weil vermehrt vormals Selbstständige eine Arbeitnehmertätigkeit aufnehmen. Viele Freiberufler, die zuvor privatversichert waren, werden damit Pflichtmitglied in der GKV – oft gegen ihren Willen.

Dazu kommt, dass der Wettbewerb mit der GKV durch die alljährliche Anhebung der Versicherungspflichtgrenze immer schwerer wird: Im kommenden Jahr muss ein Arbeitnehmer 1.350 EUR mehr verdienen als heute, damit er zu uns wechseln darf. Das ist natürlich eine Erschwernis, die den Kreis der Versicherten mit Wahlfreiheit immer mehr einschränkt.

Was wollen Sie als Verband tun, um das Neugeschäft wieder zu beleben und welche Wünsche haben Sie dabei an die Politik?

Leienbach: Die PKV befindet sich schon seit einigen Jahren in einem Reformprozess zugunsten der Versicherten und des Verbraucherschutzes. Wir haben uns für einen Mindestschutz in der PKV stark gemacht und für eine Begrenzung der Vermittler-Vergütung. Zu Beginn dieses Jahres sind unsere Leitlinien in Kraft getreten, die Versicherten den unternehmensinternen Tarifwechsel erleichtern und dabei deutlich über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen. Auch in anderen Bereichen ist die Branche auf einem guten Weg: Gemeinsam mit der Bundesärztekammer und der Beihilfe haben wir ein Konzept für eine neue ärztliche Gebührenordnung (GOÄ) erarbeitet. Dabei wollen wir die persönliche Zuwendung des Arztes im Verhältnis zur sog. Gerätemedizin aufwerten. Das Konzept erfasst nicht nur alle medizinischen Leistungen auf dem neuesten Stand, sondern es schafft auch einen Mechanismus zur Integration künftiger Innovationen. Wir wollen alles dafür tun, dass eine derart novellierte GOÄ in Kraft treten kann.

Und was wünschen Sie sich von der Politik, damit es in Zukunft nicht mehr zu solch großen Beitragserhöhungen kommt?

Leienbach: Wir haben der Politik konkrete Vorschläge vorgelegt, wie man das abschwächen könnte. Aktuell dürfen wir die Beiträge wie erwähnt nur anpassen, wenn bestimmte Schwellenwerte bei den Ausgaben überschritten werden. Der zweite zulässige, sog. auslösende Faktor ist eine Erhöhung der Lebenserwartung. Hier könnten die Schwellenwerte variabler gestaltet und/oder weitere Sachverhalte – wie etwa die Entwicklung des Zinsniveaus – berücksichtigt werden.

Nächstes Jahr ist ja auch eine Bundestagswahl – erwarten Sie, dass das Thema Bürgerversicherung eine Rolle spielen wird?

Leienbach: Die Menschen wissen, dass Deutschland eines der leistungsstärksten Gesundheitssysteme der Welt hat. Diese gute Versorgung müssen wir auch in Zukunft sichern – und zwar unter schwieriger werdenden Bedingungen angesichts unserer alternden Gesellschaft. Nur die PKV sorgt dafür finanziell vor und trägt damit sehr zur Stabilisierung bei. Zudem hält das duale System beide Teile auf Trab, die GKV ebenso wie die PKV. Hier gilt wie sonst im Leben: Wettbewerb belebt das Geschäft – zu Gunsten aller Versicherten.

Dagegen wäre das Einheitssystem einer sog. Bürgerversicherung für alle Bürger in Deutschland viel nachteiliger als das bewährte duale System. Die Verfechter kommen immer mit dem Thema unterschiedlicher Wartezeiten. Dabei sind sie im internationalen Vergleich geradezu rekordverdächtig kurz. Wenn es bei uns mal zu sechs Wochen Wartezeit auf einen Facharzttermin kommt, wird das skandalisiert. Doch in allen Ländern mit Einheitssystem sind eher sechs Monate Wartezeit angesagt, schauen Sie nur mal nach Großbritannien oder in die Niederlande. Da flüchten serienweise Patienten über die Grenze in deutsche Krankenhäuser.

Die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrer medizinischen Versorgung liegt heute bei historischen Spitzenwerten über 90 % – da gibt es keine Bereitschaft zum Risiko einer ideologisch motivierten Radikaloperation.

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Dr. Volker Leienbach ,
Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung