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Mai 2016: Riester-Rente: Grundsätzlich sehr erfolgreich

Die Riester-Rente steht aktuell verstärkt in der öffentlichen Diskussion. Dabei überwiegen die Stimmen, die sie kritisch sehen – nicht nur auf Seiten der Verbraucherschützer. So stellte beispielsweise der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer fest, die Riester-Rente sei gescheitert und führe zu einer massenhaften Altersarmut. Private Vorsorge müsse ergänzend, nicht ersetzend sein. Aus seiner Sicht wird die Rentenpolitik ein zentrales Thema im Bundestagswahlkampf 2017 sein. VersicherungsPraxis24 fragte Dr. Peter Schwark, Mitglied der Geschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), für wie stichhaltig er die Kritik an der Riester-Rente hält.

Herr Dr. Schwark, wie viele Riester-Verträge gibt es aktuell? Es heißt ja, dass die Entwicklung seit 2008 stagniert – stimmt das nach Ihren Beobachtungen?

Schwark:   Nach den neuesten Zahlen des Bundesarbeitsministeriums sind es 16,5 Mio. Riester-Verträge, davon knapp 11 Mio. reine Versicherungsverträge. Das sind insgesamt  200.000 mehr als im Vorjahr. In der Versicherungswirtschaft gab es 370.000 Neuverträge, einschließlich Veränderungen durch Anbieterwechsel.

Wie beurteilen Sie auf dieser Basis die Entwicklung der Riester-Rente?

Schwark: Grundsätzlich ist die Riester-Rente in Deutschland sehr erfolgreich. Das Produkt gibt es ja erst seit 2002 und es traf damals auf einen entwickelten Nachfragemarkt. Bei einem auf Freiwilligkeit beruhenden Produkt kann man keine 100-%ige Nachfrage erwarten, zumal ja auch andere Vorsorgeformen wie die betriebliche Altersvorsorge parallel ausgebaut wurden. Zum Vergleich: In Österreich startete man 2003 ebenfalls mit einer sog. prämiengeförderten Rente, heute ist man dort bei 1,6 Mio. Verträgen. Das gilt dort als Erfolgsgeschichte – dabei ist die Durchdringung relativ gesehen geringer als bei Riester hierzulande.

Dann gab es den oben angeführten Einbruch bei der Nachfrage also gar nicht?

Schwark: Doch. Bis 2011 hatten wir ein ganz gutes Wachstum, danach gab es Sättigungstendenzen. Außerdem wurde die Berichterstattung über die Riester-Rente zunehmend kritisch, ausgelöst durch eine Studie, die der heutige Vorstand des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein, verfasst hatte. Danach müsse man sehr alt werden, damit sich die Riester-Rente überhaupt lohnt. Die Studie hatte aber mehrere methodische Fehler. So wurden weder die Überschussbeteiligung noch die staatliche Förderung und die Steuervorteile berücksichtigt. Auch diese medial sehr intensiv verbreitete Studie hatte ihren Anteil an der rückläufigen Nachfrage.

Die Riester-Rente sollte ja vor allem Menschen mit geringem Einkommen helfen, ihre spätere Rente aufzustocken. Konnte das erreicht werden?

Schwark: Zunächst: Die Riester-Rente hatte nie das Ziel, eine spezifische Versorgung für Geringverdiener zu werden. Sie sollte vor allem die planmäßige Absenkung des Rentenniveaus aller gesetzlich Rentenversicherten ausgleichen und die Lücke schließen, die dadurch entstand. Eigentlich waren deshalb die Versicherten mit einem mittleren Einkommen die Kernzielgruppe. Den Geringverdienern wollte der Gesetzgeber bei der Förderung mit besonders attraktiven Angeboten entgegenkommen, weil er um deren begrenzte Sparfähigkeit wusste. Und dort wurde sie auch überproportional gut angenommen. Nach dem letzten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung von 2012 haben 40 % derjenigen mit einem Bruttoeinkommen bis 1.500 EUR einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Insbesondere Frauen und Familien profitieren von der Riester-Förderung: 70 % der Zulagen gehen an Frauen. Wenn man die Riester-Förderung und die betriebliche Altersversorgung zusammenrechnet, haben 71 % der Arbeitnehmer eines von beiden oder beide Vorsorgeformen abgeschlossen und 58 % derjenigen, die weniger als 1.500 EUR brutto haben. Damit hat sich der Zweck der Riester-Rente, eine zusätzliche Altersversorgung in breiten Teilen der Bevölkerung zu schaffen, erfüllt.

Können Menschen mit einem niedrigen Einkommen überhaupt etwas sparen?

Schwark: Es reicht ja bei sehr niedrigen Einkommen bereits, 5 EUR im Monat zurückzulegen, um die vollen Zulagen zu bekommen. Eine Alleinerziehende oder ein Alleinerziehender mit einem Kind kann mit 60 EUR Jahresbeitrag 454 EUR an Förderung bekommen.

Dann würden Sie also sagen, dass das Argument, Riester-Sparen lohne sich nicht für Geringverdiener, weil sie im Alter ohnehin auf die Grundsicherung angewiesen sein werden, nicht stichhaltig ist?

Schwark: Das ist vor allem ein psychologisches Problem. Keiner sollte sich alleine auf die Solidargemeinschaft verlassen, sondern versuchen, auch privat vorzusorgen. Etwas zurückzulegen ist immer sinnvoll, denn niemand weiß, was kommt. Nur: Die Behauptung, dass so viele Menschen Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen und es in Zukunft noch mehr werden, halte ich für überzogen. Insbesondere bei denen, die in einer Partnerschaft leben, ist das sehr unwahrscheinlich. Es sind heute 3 % und das sind meistens Menschen, die überhaupt keinen Anspruch auf die gesetzliche Rente haben. Aber es ist natürlich schwierig, in der öffentlichen Debatte mit reinen Fachargumenten durchzudringen gegen gewichtigere Stimmen wie den bayerischen Ministerpräsidenten.

Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, um die Riester-Rente wieder attraktiv zu machen?

Schwark: Es ist ja bereits viel geschehen: Wir haben die einmaligen Abschlusskosten um 40 % reduziert und schütten nie weniger als 90 % der Überschüsse an die Versicherten aus. Damit erfüllen wir die neuen Vorgaben des Gesetzgebers. Aber wir wollen Riester noch weiterentwickeln. So sollten die Fördersätze an die Einkommensentwicklung endlich angepasst werden: Aktuell müssen die Versicherten immer mehr Eigenleistungen aufwenden, um die gleiche Förderung zu bekommen. Der Höchstbeitrag von 2.100 EUR reicht für so manchen qualifizierten Facharbeiter nicht mal mehr aus, um 4 % des eigenen Einkommens anzusparen. Für Geringverdiener sollte es zudem Freibeträge auf die Grundsicherung im Alter geben. Die Politik muss hier jetzt ein starkes Signal setzen, um mit der Verunsicherung der Menschen aufzuräumen.

Glauben Sie, dass das kommen wird?

Schwark: Ich habe das Gefühl, dass die Bundesregierung derzeit bemüht ist, die Diskussion in ruhigere Bahnen zu lenken und das Vertrauen der Menschen nicht zu enttäuschen. Niemand kann ernsthaft glauben, das alte Niveau bei der gesetzlichen Rente lasse sich ohne schmerzliche Zusatzlasten auf Kosten der jungen Generationen wieder herstellen.

Die Versicherungswirtschaft wird ja auch kritisiert, dass bei ihren Produkten die Kosten zu hoch seien. Wie sehen Sie das?

Schwark: Das würde ich nicht unterschreiben. Die Verwaltungskosten wurden ja bereits abgesenkt. Und wenn man die Effektivkosten vergleicht, sind Versicherungsprodukte nicht teurer als Bank- oder Fondsprodukte. Die Effektivkosten liegen bei klassischen Rentenverträgen bei einem Prozentpunkt der Rendite, wie bei einem mittleren Rentenfonds – das entspricht ca. 12 % auf den Beitrag. Sicher gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Versicherungsunternehmen. So sind Direktversicherungen extrem kostengünstig. Aber freiwillige Vorsorge erfordert Kosten für die Kundenansprache und Beratung, wenn wir sie effektiv in die Breite tragen wollen. Die höchsten Kosten entstehen durch verlorene Zeit, wenn die Bürger zu spät mit der Eigenvorsorge beginnen.

Glauben Sie, dass  wir auf einen „Rentenwahlkampf“ zusteuern?

Schwark: Noch vor der Sommerpause will das Bundesarbeitsministerium einen Gesetzentwurf zur betriebliche Altersversorgung vorlegen. Ob es danach noch einen „Rentenwahlkampf“ geben wird, ist noch nicht geklärt. Es gab früher ja einen Konsens in Deutschland, die  Rente nicht zum Wahlkampfthema zu machen. Das würde sehr teuer werden. Der letzte Wahlkampf mit der Rente ab 63 und der Mütter-Rente als Resultat kostete Beitrags- und Steuerzahler 160 Mrd. EUR. Deshalb wird die Politik diesmal sicher versuchen, das Thema bereits vorher ein gutes Stück abzuarbeiten, beispielsweise bei der Frage der Anrechnung der Eigenvorsorge auf die Grundsicherung. Demnächst werden die Babyboomer, die aktuell noch für die gute Situation in der Rentenversicherung sorgen, selbst in Rente gehen. In Zukunft wird es also nicht nur weniger Beitragszahler geben, sondern auch mehr Rentner. Der 2002 gefundene Kompromiss bei der Frage der Generationengerechtigkeit muss gewahrt werden.

Glauben Sie, dass man diese Lücke durch Migranten lösen könnte?

Schwark: Ich bin nicht der Meinung, dass man das heute schon einrechnen sollte. Es ist zunächst eine sehr große Herausforderung, die Flüchtlinge in Bezug auf die Sprache oder die Berufstätigkeit zu integrieren. Wir brauchen eine gute Partizipation im Arbeitsmarkt, erst dann kann man sehen, ob die aktuelle Zuwanderung ein Plusgeschäft für das Sozialwesen wird. Das demografische Problem insgesamt kann man über die Zuwanderung in keinem Fall lösen. Dafür ist der absehbare Umbruch zu groß.

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Dr. Peter Schwark ,
Mitglied der Geschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)