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Dezember 2016: GDV - Anpassung an veränderte Grundlagen

Die Versicherungswirtschaft befindet sich aktuell in einem Transformationsprozess, der nicht ohne teilweise schmerzhafte Anpassungen bewältigt werden kann. Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) muss sich dem stellen und wird, möglicherweise stärker als früher, von der Öffentlichkeit und den Mitgliedsunternehmen kritisch beobachtet. Im Gespräch mit VersicherungsPraxis24 stellte GDV-Präsident Dr. Alexander Erdland dar, wie der Verband die Lage in der Branche und seine eigene Situation einschätzt.

Sie haben vor kurzem auf einer Tagung gesagt, dass die Versicherungsbranche insgesamt sich in einer Phase der Veränderung befinden würde. Haben Sie das positiv oder negativ gemeint?

Erdland: Veränderungen sind immer ambivalent. Der Veränderungsprozess ist mitunter mühsam oder sogar schmerzhaft. Wenn das Ergebnis stimmt, haben sich die Anstrengungen aber gelohnt. Nehmen Sie die Digitalisierung, die sicherlich viel in unseren Unternehmen verändert. Wenn am Ende aber effizientere Abläufe und innovative Produkte stehen, profitieren alle – Kunden und Unternehmen.

In einer Untersuchung hat der GDV im September festgestellt, dass die Zahl der Erstversicherer unter BaFin-Aufsicht um 25 % auf 336 Unternehmen zurückgegangen ist, dies sei aber kein Anzeichen für grundlegende Veränderungen in der Angebotsstruktur oder einen starken Konsolidierungsprozess. Verschließen Sie mit dieser Aussage nicht doch die Augen vor der Realität?

Erdland: Der Blick auf die Einzelunternehmen gibt nicht das ganze Bild wieder. Der nominelle Rückgang ist auch darauf zurückzuführen, dass innerhalb von Versicherungsgruppen Unternehmen bzw. Marken zusammengeführt wurden. Wir rechnen zudem damit, dass wir künftig wieder mehr Versicherungsunternehmen im Markt haben – Stichwort Digitalisierung und Insurtechs.

Ist die zunehmende Zahl der Run-offs und Bestandsübernahmen in diesem Zusammenhang normales Geschäft oder doch ein Alarmzeichen?

Erdland: Es ist vor dem Hintergrund des extremen Niedrigzinsumfeldes völlig normal, dass Unternehmen ihren Versicherungsbestand analysieren und nach Optimierungsmöglichkeiten suchen. Bestandsübernahmen und erst recht Run-Offs sind nach wie vor Einzelfälle und überdies keine Alarmzeichen, sondern ein Element des angesprochenen Veränderungsprozesses. Die Bündelung von Beständen bei spezialisierten Anbietern kann Skaleneffekte generieren und damit zu niedrigeren Verwaltungskosten führen – davon profitiert natürlich auch der Kunde.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hat zum gleichen Zeitpunkt festgestellt, dass die Finanz- und Versicherungsdienstleistungsbranche praktisch der einzige Wirtschaftszweig in Deutschland ist, bei dem die Beschäftigtenzahl in diesem und nächsten Jahr zurückgehen wird. Gibt es hier wirklich kein Licht am Horizont oder neue Chancen für altgediente Mitarbeiter im Innen- und Außendienst?

Erdland: Die Versicherer brauchen qualifizierte, erfahrene Mitarbeiter. Wenn für die Branche ein Rückgang der Beschäftigtenzahl prognostiziert wird, hat das auch demografische Gründe – in vielen Bereichen fehlt den Unternehmen schlicht der Nachwuchs.

Das Thema Stellenabbau betrifft demnächst auch den GDV. Können Sie konkretisieren, wie viele Stellen wo abgebaut werden sollen und was Sie darüber hinaus an Kosteneinsparungen planen?

Erdland: Der GDV arbeitet an einem umfangreichen Zukunftsprogramm. In der digitalisierten Mediendemokratie müssen Verbände auf vielen sich verändernden Themenfeldern dynamisch agieren. Das setzt schnelle Entscheidungsprozesse voraus. Deshalb strafft der GDV seine Gremien und verändert den Zuschnitt seiner Dienstleistungen. Zahlreiche bisher ständig tagende Gremien fallen weg, gestärkt wird die Projekt- und Themenarbeit. Der Verband will die Chancen und Kommunikationswege der digitalen Welt konsequent nutzen. Die IT- und Serviceleistungen werden unter einem Dach zusammengefasst. Dies soll die Mitgliedsunternehmen auch auf der Kostenseite entlasten. Das hat natürlich Konsequenzen für die Führungsstruktur des Verbandes und für die Mitarbeiter. Es kommt daher zu einem begrenzten Stellenabbau.

Reagieren Sie damit auch auf Kritik aus den Reihen der Mitglieder an Ihrer Arbeit? Es gab ja zuletzt einige Kritik an Ihren ersten Aussagen zur Rentenreform und an Ihren Zahlen zur Berufsunfähigkeitsversicherung?

Erdland: Wie gesagt, unsere Branche steckt in einem Veränderungsprozess – der GDV ist selbstverständlich gefordert, diesen Prozess so eng und so gut wie möglich zu begleiten. Dazu können auch Veränderungen an Verbandsstruktur und Arbeitsprozessen erforderlich sein. Darüber hinaus ist mir nicht bekannt, dass ein Mitgliedsunternehmen Verbandspositionen zur Rentenpolitik oder statistische Veröffentlichungen kritisiert hätte.

In den letzten Monaten hatte der GDV mehrere Initiativen gestartet, u.a. zu sprachlich verbesserten Muster-Standmitteilungen und zur Vertriebs-Complicance. Wie wurde das von der Branche angenommen und konkret umgesetzt?

Erdland: Dem erweiterten Verhaltenskodex für den Vertrieb sind mittlerweile rund 230 Unternehmen beigetreten. Das ist ein deutliches Signal, das Widerhall findet: BaFin-Präsident Felix Hufeld hat unseren Vertriebskodex als positives Beispiel herausgehoben, insbesondere die verankerte Umsetzungskontrolle durch Wirtschaftsprüfer. Bei den Muster-Standmitteilungen sind wir ebenfalls ein großes Stück vorangekommen. Dabei ist klar, dass Empfehlungen unverbindlich sein müssen. Zudem benötigen Unternehmen immer einen gewissen zeitlichen Vorlauf. Das aktuelle unverbindliche Muster für die Standmitteilungen hat der GDV erst im Frühjahr 2016 veröffentlicht.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für das neue Jahr – wird die Niedrigzinsphase anhalten und werden alternative Investments, z.B. in die Infrastruktur oder erneuerbare Energien, wie aktuell wieder gefordert eine größere Rolle spielen?

Erdland: Wir gehen davon aus, dass wir beim Zins den Tiefpunkt gesehen haben – aus der Niedrigzinsphase sind wir aber noch lange nicht heraus. Daher hält auch die Suche nach alternativen Anlagemöglichkeiten an. Die Gestaltung der Rahmenbedingungen ist aber mitunter komplex und langwierig – wie die aktuellen Diskussionen über die Autobahnfinanzierung und -verwaltung in Deutschland zeigen.

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Alexander Erdland ,
Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.