Thema der Woche

 

Helmut Kapferer
Bankkaufmann, Fachjournalist und Fondsmanager

Steueroasen: Zehn Fragen und Antworten

1. Wann ist eine Steueroase eine Steueroase?

Eine genaue allgemeingültige Definition gibt es nicht. Es handelt sich um Länder und Plätze, mit geringen Steuersätzen, die Personen und Firmen anbieten, dort Geschäfte zu machen. In Steueroasen existieren meist wenig staatliche Kontrolle und noch weniger gesetzliche Normen in Bezug auf Finanzgeschäfte. Steueroasen (Englisch: „Tax haven“) zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie immer bestreiten, Steueroase zu sein. Steueroasen sind oft gleichzeitig Stationen der Geldwäsche, wo u.a. auch Drogen- und Mafiagelder gewaschen werden. In Steueroasen werden meist sog. Briefkastenfirmen eröffnet, wobei ein Verwalter eingesetzt wird, der oft für tausende von Briefkastenfirmen verantwortlich zeichnet.

 2. Welche Steueroasen gibt es?

Weltweit dürften es einige Hundert sein. Die Liste führen natürlich die bekannten Namen, wie Panama, Bermuda, Marshall Inseln, Mauritius, und Mini-Südseestaaten und -plätze wie Niue und Vanuatu an. Weniger bekannt ist eine starke Konzentration an Steueroasen in Europa. Da geht es u.a. um die britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey sowie die Isle of Man, auch um Malta. Aber es geht auch näher an Deutschland z.B. den Niederlanden.

Sogar Deutschland selbst ist weltweit bekannt für sein löchriges Finanzkontrollsystem, was mit dem Multimilliarden-Steuerschaden bei den sog. CumEx-Geschäften, in den neben deutschen auch Banken und Großanleger aus aller Welt verstrickt sind, in jüngster Zeit wieder einmal eindrucksvoll bestätigt wurde. Stark im Aufschwung als Steueroasendestination ist derzeit der US-Ostküstenstaat Delaware.

3. Warum dulden die etablierten Staaten die Tätigkeit der Steueroasen überhaupt?

Dass die Tätigkeit der Steueroasen bekämpft werden muss, ist ein Lieblingsthema der Politik. Zu wirksamen konkreten Folgerungen führte das bisher nicht. "Fegt erst mal vor Eurer eigenen Tür!" kann man eigentlich jedem Politiker entgegnen, der ein anderes Land zu Maßnahmen gegen die jeweiligen Steueroasen auffordert. Die unter 2. aufgeführten Steueroasen zeigen, dass viele der wirtschaftlich führenden Länder kein Interesse daran haben können, Steueroasen zu bekämpfen.

Leider nimmt die Anzahl der Steueroasen und deren Nutzung derzeit eher zu. Auch für deutsche Finanzberater besteht Bedarf, sich mit dieser Entwicklung auseinanderzusetzen. Es geht schließlich um Wettbewerb mit einem mächtigen Gegenpart, den Anbietern von Steuervermeidungskonzepten sowie Anlagen mit "Superrenditen", und um die Fähigkeit, zu diesem Thema sachkundig argumentieren zu können.

4. Wie entwickelt sich das Geschäft der Steueroase, und wie hoch sind die Steuerschäden?

Die Einrichtung und Verwaltung von Konten in Steueroasen kann man getrost als Wachstumsindustrie bezeichnen. Das Recherchenetzwerk "ICIJ" rechnet damit, dass ungefähr 10 % des Bruttosozialproduktes aller Länder der Welt in Steueroasen geparkt sind. Nach Sichtung der im Internet verfügbaren Listen zu den "Tax haven" genannten Steueroasen ergibt sich der Eindruck, dass es deutlich mehr als 100 Steueroasen auf dieser Welt gibt. Schätzungen zum alljährlichen Schaden aller Volkswirtschaften schwanken um die Billionendollargrenze.

5. Welches Interesse haben Anbieter von Finanzverträgen über Steueroasen zu operieren?

Dubiose und betrügerische Anbieter wollen das von Anlegern ergaunerte Geld so vor jeglichem Zugriff des jeweiligen Anlegers, vor Gerichten und Staatsanwaltschaften in Sicherheit bringen. Das gilt vor allem für Anlageangebote, bei denen der betroffene Anleger in der Regel keine Kenntnis davon hat, dass sein Geld in Steueroasen fließt und deshalb, meist dauerhaft, für ihn nicht mehr verfügbar ist.

Es gibt aber auch Anbieter, die Anlegern gezielt Konten und Anlagen in Steueroasen empfehlen. Sie arbeiten meist mit Vermittlern, die im persönlichen Gespräch mit Interessierten Geld vor dem Fiskus und dem Zugriff von aktuellen und Ex-Ehefrauen/-männern, Geschäftspartnern usw. in Sicherheit zu bringen vorgeben und zwar ohne, oder mit nur einer symbolischen, Steuerbelastung.

6. Inwieweit sind Finanzberater vom Thema Steueroasen betroffen?

In beiden Fällen findet eine Kapitaltransaktion ohne Mitwirkung des etatmäßigen Finanzberaters statt. Häufig führt das dann dazu, dass der bisherige Berater ausgebootet wird. Schließlich hat der erfolgreiche Steueroasenvermittler mit seiner Kenntnis von der erfolgten Steuerhinterziehung ein sehr wirksames Erpressungsmittel an der Hand, das sehr häufig auch genutzt wird. Leider ist der Ablauf dann meist auch so gestaltet, dass der Anleger keine rechtliche Handhabe hat, um dagegen vorzugehen.  

Bei kaum einem der großen deutschen Anlageskandale der letzten Jahre fehlte eine Steueroasendestination bei den jeweils im Nachhinein ermittelten Abläufen. Wo das viele Geld jeweils hingekommen ist, wissen die Ermittler also meist ohne eine Chance zu haben, dies jemals beweisen zu können. Seriösen deutschen Finanzberatern, denen ihre Kunden durch die sagenhaften Angebote der unseriösen Kollegen abhandengekommen sind, nutzt dieses Wissen leider wenig.

7. Bei welchen Kundengruppen ist die Gefahr besonders groß, dass sie Opfer werden?

Hauptzielgruppe solcher Anbieter ist der deutsche Mittelstand, also erfolgreiche Freiberufler sowie Manager und Eigentümer mittelständischer Unternehmen. Diese Kundengruppe ist auch leicht erpressbar, weil fast immer mindestens der persönliche Ruf und oft die geschäftliche Existenz auf dem Spiel stünde, wenn "steuerferne" Transaktionen ruchbar würden. Diese Kundengruppe ist nicht zufällig auch von Finanzberatern heftig umworben.

Sie zeichnet sich aus durch einen hohen Bedarf an privater Anlage, weil die Vorsorge, insbesondere die Altersvorsorge, von Mitgliedern dieser Gruppe selbstständig gelöst werden muss. Außerdem sind die Anlagebeträge in dieser Kundengruppe meist relativ hoch. Nicht zuletzt benötigen deren Mitglieder außerdem wegen akutem Zeitmangel oder mangelndem Finanzwissen Beratung. Dafür stehen natürlich auch unseriöse vorgebliche Vermittler und angebliche Berater mit "Traumrenditen" gerne zur Verfügung. Meist sind die etablierten Finanzberater dann nach kurzer Zeit bei den betroffenen Kunden abgemeldet.

8. Welche Chancen und Risiken sind für Berater und deren Kunden mit der Geldanlage auf Konten in Steueroasen verbunden?

Wer die Dienste eines Vermittlers eines Steueroasenkontos in Anspruch nimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit einen höchst zweifelhaften Geschäftspartner erhält. Auch wenn es sich dabei um einen Ehrenberufler handelt (Steuerberater, Rechtsanwalt usw.) sollte er realisieren, dass er sich, sein Geld, seinen Ruf und seine wirtschaftliche Existenz in die Hände dieses "Geschäftspartners" legt. Er wird kaum die Möglichkeit haben, gegen ihn juristisch vorzugehen. Die abgeschlossenen Verträge sind in der Regel wasserdicht und eine Klage würde auch empfindliche steuerrechtliche Folgen haben.

Für Berater und Vermittler, die bei der Gründung von Steueroasen durch ihre Kunden Hilfe leisten, stehen existenzielle Risiken fragwürdigen Vorteilen gegenüber. Solche Berater sind natürlich steuerrechtlich wegen Beihilfe zu belangen. Natürlich käme ein Steuerstrafverfahren meist einem Berufsverbot gleich. Dass ein Berater wegen dieser Tätigkeit wegen Falschberatung belangt wird, ist allerdings nicht nur wegen der unter 6. geschilderten Erpressungssituation eher unwahrscheinlich, weil der Anleger an der Verlagerung seines Vermögens in erheblichem Ausmaß mitwirken muss. Davor kann sich der Berater schützen, müsste jedoch zuvor seine bürgerliche Existenz aufgeben (siehe Beispiel unter 10.).

9. Warum expandiert das Geschäft der Steueroasen derzeit (siehe unter 4.)?

Sein Geld vor dem Fiskus zu verbergen und somit Steuern zu sparen hat sich zu einem Kavaliersdelikt entwickelt seitdem klar ist, dass gerade die großen Volkswirtschaften kein Interesse daran haben, Steueroasen zu bekämpfen. Dies gilt auch, weil es sich inzwischen bei den großen Unternehmen eingebürgert hat, über Konten in Steueroasen zu operieren und damit den eigenen Gewinn zu optimieren. Welcher Politiker will da noch ernsthaft Steueroasen bekämpfen, wenn er damit nicht nur der eigenen Steueroasenindustrie, sondern auch den eigenen Großunternehmen schadet und damit das eigene Land im globalen Wettbewerb eventuell benachteiligt?

Die Ergebnisse der Recherchen von Mediennetzwerken, die sich in den sog. "Panama Papers" und anderen Rechercheberichten niederschlagen, werden gerade ausgewertet. Es wäre eigentlich mit durchaus spektakulären Erfolgen zu rechnen, wenn sich nicht jetzt schon abzeichnen würde, dass die Behörden damit eher zögerlich umgehen, vermutlich weil sie die Aufdeckung eigener Aktivitäten befürchten.

10.   Sind Nutzern von Steueroasen die Risiken und Chancen bekannt?

Unternehmen und große Privatanleger sichern sich zwar meist die Dienste von erfahrenen Steuervermeidungsberatern und geben dafür auch viel Geld aus. Die Kosten dieser Beratung sind jedoch so erheblich, dass die meisten informierten Investoren mit Anlagebeträgen unter einem zweistelligen Millionenbetrag mit Recht davor zurückschrecken. Sie versuchen es in Eigenregie oder mithilfe dubioser Mittelsmänner, deren wirkliche Kosten auf den ersten Blick nicht erkennbar sind.

Beispiel: Herr Müller möchte rund 100.000 EUR steuerneutral anlegen. Er setzt sich mit einem Mittelsmann, der sich mit John Smith vorstellt, in Verbindung, der ihm seine Dienste per E-Mail angeboten hat, ohne ein Honorar zu fordern. Die Kontoeröffnung soll einmalig nur 500 US-$ kosten. Dazu käme eine Abgabe des Südseestaates, wo das Konto geführt werden soll und eine kleine jährliche Gebühr für die Abwicklung. Müller nimmt das Angebot an. Nach wenigen Tagen meldet sich die örtliche Betreuerin seines Kontos. Er überweist den Betrag und bittet um Anlageangebote. Kurz darauf meldet sich Smith unter seiner Handynummer. Er empfiehlt die Dienste eines Vermögensverwalters, der die Einlage schnell vervielfachen könne. Müller geht darauf ein und bezahlt auch die "Eintrittsgebühr". Es geschieht lange nichts mehr. Auf Nachfrage gibt es den Herrn Smith nicht und die Vermögensverwaltung nicht mehr. Deren Webseite ist abgeschaltet. Die Kontobetreuerin schickt ihm einen Kontoauszug mit einem kläglichen Restsaldo, der die Kontoführungsgebühren für noch ein Jahr deckt. Die Kontoführerin kennt Herrn Smith nicht und auch nicht den aktuellen Aufenthaltsort des Vermögensverwalters. Müller erwägt eine Strafanzeige. Aber wo gegen wen? Sein Anwalt, den er nun einweiht, gibt zu bedenken, dass irgendwelches Vorgehen zur Aufdeckung der "steuerneutralen" Vorgehensweise führen kann bzw. muss. Außerdem veranschlagt er die Verfahrenskosten auf einen mittleren fünfstelligen Betrag. Müller schreibt sein Geld ab.

Fazit

Insgesamt ist das Thema Steueroasen für Normalsterbliche geradezu deprimierend. Dort werden betrügerisch angesammelte Anlegergelder verwahrt, dort versuchen deutsche Mittelständler es den großen Unternehmen gleichzutun, ohne zu beachten, dass die Nachteile die Vorteile weit überwiegen. Ganz zu schweigen von den Steuermilliarden, die alljährlich dem Finanzamt vorenthalten werden und zum Auf- und Ausbau der eigenen Infrastruktur eigentlich dringend benötigt würden. Stattdessen verschwindet das Geld auf Nimmerwiedersehen in den großen Taschen der Steueroasenbetreiber. Und leider gibt es wenig Hoffnung, dass sich an diesen Zuständen etwas ändert.

Umso wichtiger ist es, dass Finanzberater das Thema präventiv bei den besonders gefährdeten Kundengruppen ansprechen. Corona, Niedrigzinsen sowie wirtschaftliche und politische Unsicherheiten sorgen für einen Boom bei unseriösen Anbietern. Kunden, die die Gefahren nicht kennen, werden allzu leicht Opfer von angeblichen Traumrenditen in Steuerparadiesen.