Thema der Woche

 

Helmut Kapferer
Bankkaufmann, Fachjournalist und Fondsmanager

Statistik der Warnlisteneinträge im Monat September 2020

Wer in seriöser Weise in der Finanzbranche tätig ist, muss sich schon aus Wettbewerbsgründen, aber auch um seine Kunden bei Bedarf informieren zu können, über die Entwicklungen im unseriösen Teil des Marktes auf dem Laufenden halten. Das ist nicht einfach, denn offizielle Statistiken dazu gibt es so gut wie keine. Im Folgenden haben wir nun die Eintragungen in die offiziellen Warnlisten weltweit für den Monat September 2020 ausgewertet. Sie bilden die einzige vertrauenswürdige und verfügbare Quelle, mit der ein Marktüberblick möglich ist.

Warum die Warnlisten?

Um vor einem Anbieter warnen zu können, muss man, wenn man einem Verleumdungsprozess entgehen will, gerichtsfest feststellen, dass dieser Anbieter unseriös agiert. Dies für die Gesamtheit des Marktes mit Abertausenden von Anbietern zu recherchieren, sprengt jedes Budget. Wir beziehen uns im Folgenden nur auf Einträge in staatlichen Warnlisten.

Diese Einträge kommen in der Regel dadurch zustande, dass eine staatliche Finanzaufsichtsbehörde auf die angeblich unseriöse Arbeitsweise eines Anbieters durch ein Branchenmitglied oder einen Anleger hingewiesen wird. Auf diesen Hinweis hin prüft die jeweilige Finanzdienstleistungsaufsichtsbehörde, ob der Anbieter, wie gesetzlich vorgeschrieben, bei der Behörde registriert ist. Das Ergebnis dieser Prüfung führt im negativen Fall zum Eintrag in die Warnliste.

Möglich ist auch, dass ein vorschriftsmäßig registrierter Anbieter dann in die Warnliste aufgenommen wird, wenn die Finanzaufsicht eine verbotene Handlungsweise bei ihm festgestellt hat.

Die Menge der unseriösen Anbieter in den weltweiten Warnlisten beläuft sich auf Zehn- oder gar Hunderttausende. Die nachstehende Statistik soll dazu dienen, diese Branchenvorgänge dennoch überschaubar und nachvollziehbar zu machen.

Hinweise zur Statistik:

Wir haben ausschließlich Warnlisten staatlicher Institutionen weltweit analysiert. Nicht berücksichtigt sind also Warnlisten, die von Publikationen oder Verbänden herausgegeben werden. In Deutschland ist deshalb auch die durchaus verdienstvolle Warnliste der Stiftung Warentest/Finanztest nicht berücksichtigt.

Die meisten Einträge stammen von der britischen Warnliste (FCA). Deren Einträge sind übrigens auch für deutsche Anleger besonders wertvoll, weil neben dem Firmennamen und verschiedenen weiteren Informationen zu dem jeweiligen Anbieter vielfach auch die Art des jeweiligen Angebotes beschrieben wird. Meist ist aus der FCA-Warnung auch ersichtlich, ob der jeweilige Anbieter auch oder sogar ausschließlich Kunden im deutschen Sprachraum anpeilt.

Neben der FCA-Liste wurden die Warnlisten folgender Länder in dieser Statistik ausgewertet: Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien, Hongkong, Ontario, Malta, Neuseeland, Brasilien, Jersey, Luxembourg, Belgien, Irland, Quebec, Portugal, Niederlande, Polen.

Die USA haben, im Gegensatz zu den vorausgehenden Monaten, im Monat September keine Eintragungen an die International Organization of Securities Commissions (IOSCO) gemeldet. Aus der IOSCO-Liste stammen alle von uns ausgewerteten Eintragungen außer diejenigen der britischen, der deutschen, der österreichischen der schweizerischen und der belgisch-niederländischen Liste.

  • Gesamtzahl der Eintragungen im Monat September = 193
  • Davon entfielen alleine auf die britische Liste = 127
  • Aufteilung nach der Form des Angebotes, soweit dies ohne tiefschürfende Recherche ermittelbar war:
    • Trading = 31
    • Identitätsdiebstahl (Clone) = 41
    • Bonds (Anleihen) = 34
    • Crypto = 8
    • ISA (Sparbuch) = 8
    • RRF (Recovery Room Fraud; in „Trading “enthalten) = 6
    • Sonstige = 65
    • Unerlaubte Geschäfte (BaFin) = 6

Sind die Eintragungen in ausländischen Listen für Deutschland relevant?

Wenn man berücksichtigt, dass viele der in Deutschland aktiven Anbieter z.B. beim Thema Trading mit einer englischsprachigen Homepage arbeiten und eine Internetadresse aufweisen, die keinerlei Bezug zu Deutschland erkennen lässt, dann wird klar, dass die Frage, welche der auf ausländischen Warnlisten enthaltenen Anbieter nun auch deutsche Kunden gewonnen haben, kaum zu beantworten ist.

Gerade beim Thema Trading scheinen sich die deutschen Anleger von „fremdländischen“ Anbietern geradezu angezogen zu fühlen. Das ist dann wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass die als in Deutschland tätig erkannten Anbieter viel häufiger auf ausländischen Warnlisten als auf der Liste der BaFin auftauchen.

Was bedeutet die Kategorisierung Trading, Identitätsdiebstahl, Bonds, Crypto, RRF und ISA ?

Trading = Tradingangebote, die aber, soweit auf der Warnliste, oft kein Trading durchführen, sondern das Anlegergeld sofort an sich nehmen und in für sie „sichere Häfen“ weiterleiten.

Identitätsdiebstahl = Der Anbieter verwendet zu Unrecht den Firmennamen eines registrierten Anbieters.

Bonds = Der Anbieter gibt vor, in hochverzinste Bonds zu investieren.

Crypto = Der Anbieter gibt vor, in Bitcoin und Co. zu investieren.

ISA = „Individual Savings Account“ = Der Anbieter gibt vor, in eine Art Sparbuch zu investieren, meist zu unrealistischen Zinssätzen.

RRF = Recovery Room Fraud = Der Anbieter gibt vor, vom Anleger zuvor an einen unseriösen Anbieter verlorenes Geld zurückzuholen. Die Gebühren, die er dafür verlangt, erhöhen in der Regel nur den Schaden des Anlegers.

Sonstige = Alle Eintragungen die (ohne vorausgehende Recherchen) nicht auf ein bestimmtes Produktangebot hinweisen.

Unerlaubte Geschäfte = Kategorisierung der BaFin, womit ausgedrückt wird, dass der entsprechende Anbieter keine Erlaubnis zum Angebot der tatsächlich angebotenen Produkte besitzt.

Wichtiger Hinweis

Der Umkehrschluss, dass alle Anbieter, die von dieser Systematik nicht erfasst werden, automatisch als seriös einzuschätzen wären, ist leider falsch. In den Warnlisten werden nämlich nur diejenigen Anbieter erfasst, die ein Angebot unterbreiten, das einer behördlichen Erlaubnis bedarf. Und natürlich nur solche Anbieter, die an die jeweilige Finanzaufsicht als Verdachtsfall gemeldet wurden.

In Deutschland gibt es am sog. Grauen Kapitalmarkt eine Vielzahl von Anbietern, für deren Angebot keine Registrierungspflicht besteht. Man denke nur an die Anbieter von Goldanlagen, die derzeit für häufige Anlagekatastrophen sorgen. Aber auch die für Anleger hochgefährlichen teilregulierten außerbörslichen Unternehmensbeteiligungsanlagen aller Art tauchen in keiner staatlichen Warnliste auf. Nicht erfasst wird auch der derzeit stark wachsende Markt für Crowd-Investing mit für den Anleger gefährlichen Gestaltungsformen wie dem sog. Nachrangdarlehn.

Eine systematische Auswertung von Warnlisten leistet derzeit, soweit bekannt, nur die Rechercheabteilung der Deutsche Finanz Recherche GmbH in Schlüchtern, die eine Datenbank führt, in der negativ auffällig gewordene Anbieter aller Art gelistet sind.

Argumente für die Beratung

Diese Statistik soll dem Berater Argumente an die Hand liefern, den Umfang unseriöser Angebote seinem Kunden bei Bedarf erläutern zu können.