Thema der Woche

 

Helmut Kapferer
Bankkaufmann, Fachjournalist und Fondsmanager

Diversifizierung ja, aber richtig!

Diversifikation ist ein wichtiges Thema in Beratungsgesprächen. Da treffen sich die Interessen von Beratern und Kunden unmittelbar. Wenn sich die Diversifikation im Vermögensbestand eines Kunden aber alleine in der Aufteilung des Vermögens in möglichst viele Produkte erschöpft, dann ist der Sinn der Diversifikation, das Abfedern von unvorhersehbaren Risiken, oftmals nicht erfüllt. Das kann beim Kunden Schäden verursachen und auf der Seite des Beraters bedeuten, dass der Kunde entweder von dannen zieht oder aber sogar die Beraterhaftung wegen Falschberatung droht. Dieses Problem ist durch die ausgeweiteten Dokumentationspflichten eher größer geworden.

Die Grundlagen

Weil wohl jeder Finanzberater die Grundlagen der Diversifikation kennt, wollen wir uns auf die Aufzählung der Anlageformen beschränken, die zur Diversifizierung zur Verfügung stehen:

  • Bankeinlagen,
  • Aktien,
  • Rentenwerte,
  • Immobilien,
  • Edelmetalle,
  • Beteiligungen.

Was in der Beratung meist zu kurz kommt, sind die Risikostruktur der Anlage und des Anlegers, die Fungibilität der Anlage inklusive Liquiditätsbedarf des Anlegers sowie die jeweils aktuelle Marktlage. Zum Thema Diversifikation gehört also nicht nur die Aufteilung eines Vermögens nach Anlageformen.

Warum das so ist, dazu ein einfaches Beispiel:

Ein Vermögen ist u.a. in Immobilien diversifiziert. Die Entwicklung des Immobilienmarktes war sehr positiv. Die positive Entwicklung wird auch dringend gebraucht, um den gleichzeitigen Einbruch bei anderen Kapitalanlagen im Vermögen zu kompensieren. Die Immobilieninvestition besteht jedoch aus einem geschlossenen Immobilienfonds, einer Anlageform, die aufgrund ihrer Konstruktion nicht fungibel ist. Die Möglichkeiten für den Anleger, die positive Entwicklung für sich nutzbar zu machen, sind deshalb kaum bis gar nicht vorhanden. Er muss hoffen, dass bis zur nächsten Exitmöglichkeit (vielleicht erst in Jahrzehnten), der positive Trend erhalten bleibt. Deshalb lohnt ein Blick in die Details:

Bestimmung von Anlegerprofil und Anlageziel

Um eine sinnvolle Diversifizierung vorschlagen zu können, ist eine möglichst präzise und ausführliche Ermittlung von Anlegerprofil und Anlageziel erforderlich. Gerade dann, wenn, wie in der aktuellen Niedrigzinsperiode, fungible Sicherheitsanlagen wie Bankeinlagen und festverzinsliche Wertpapiere als sichere Komponente im Vermögensmix unattraktiv werden. In einem solchen Fall muss das höhere Risiko, das der Anleger durch Erhöhung des Aktienanteils und/oder durch risikoreichere Festverzinsliche eingehen will, besonders genau auf den Bedarf des Kunden eingestellt sein.

Ohne Fungibilität kein Vermögensmanagement

Die Situation des Anlegers zum Anlagezeitpunkt ist nicht in Stein gemeißelt. Ebenso wenig die Perspektive einer Anlage oder Anlageklasse und damit auch nicht ein noch so kompetent ausgeklügelter Investitions- bzw. Diversifikationsplan. Die sinnvolle Diversifikation innerhalb eines Vermögens ist deshalb nur mit einem hohen Anteil fungibler Anlagen möglich. Nur dann, wenn, in Abhängigkeit von der Kundensituation, ein entsprechender Teil der Anlagen in andere Anlagen problemlos getauscht werden kann, ist eine Anpassung an veränderte Marktsituationen und damit eine sinnvolle Diversifikation über die Anlagezeit hinweg überhaupt erst möglich.

Risikomix unter dem Gesichtspunkt der Diversifizierung

Um einen Vermögensmix auf die Kundensituation anzupassen, ist ein entsprechender Risikomix erforderlich. Die Risiken einer Anlage können sich in kurzer Zeit verändern, sodass die Fungibilität der vorhandenen Anlagen natürlich wiederum eine große Rolle spielt. Aber auch dann, wenn der Kunden in dem einen oder anderen Fall die eingeschränkte Fungibilität bewusst in Kauf nimmt, ist für die Abwägung aller Risiken ein möglichst genaues Risikobild aller Anlagen erforderlich. Die Risikobestimmung der einzelnen Finanzverträge kann nicht auf Basis der Anlageform erfolgen, sondern muss das Risiko der konkreten Anlage einschließen. Das Risiko einer Edelmetallanlage in Liechtenstein zum Beispiel ist nun einmal nicht identisch mit dem Erwerb von effektiven Edelmetallen bei einer deutschen Bank und deren Verwahrung in einem selbstgemieteten Banksafe. Gold ist eben nicht immer Gold.

Produkt- und Marktkenntnis zur Risikoabwägung und zur Bestimmung der besten Lösung

Kunden und Berater sind derzeit auf der Suche nach dem ultimativen Ausweg aus dem aktuellen Anlagenotstand im Bereich der Sicherheitsanlagen. Die politische Situation weltweit und in Europa fördert einerseits Ängste bezüglich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung und deren Auswirkungen auf die Börsen. Andererseits bringen derzeit die traditionellen Sicherheitsanlagen bei Banken und festverzinsliche Anlagen kaum Zinsen.

Da springen dann gerne die Anbieter von Waldinvestments ein, mit vordergründig durchaus einleuchtenden Argumenten. In der Tat ist das Holz ein Rohstoff, der relativ unabhängig von volkswirtschaftlichen Ereignissen „immer gebraucht wird“.

Die Investition in Wald könnte neben den Edelmetallanlagen und Immobilien ein interessantes Investment in "echte Sachwerte" darstellen. In der Vergangenheit zeigte sich die Marktentwicklung in diesem Bereich relativ unempfindlich gegen weltweite Turbulenzen. Der bekannteste Index, der NCREIF Timberland Property Index performte in der Vergangenheit über lange Zeiträume im Bereich von 15 % p.a. Das ist Wasser auf die Mühlen der Anbieter von Beteiligungen im Bereich Waldinvestments.

Allerdings sind Waldinvestments dennoch eine risikoreiche und langfristige Investition. Ob die Anbieter solcher meist mit hohen Renditen beworbenen Beteiligungen den langen Atem haben werden, ist mehr als ungewiss. Die Stiftung Warentest ("Waldinvestments: Hochspekulative Anlage") kam wegen der vielen Risiken und der nicht vergleichbaren Kosten bereits 2009 zu negativen Testergebnissen bezüglich der seinerzeit wohl auffälligsten Anbieter von Waldbeteiligungen. Beteiligungsverträge mit Waldinvestments sind danach hochriskant und ganz selbstverständlich sind sie nicht fungibel. Wann der Anleger wieder an sein Geld kommt, ist also ungewiss.

In der Fachzeitschrift „Das Investment“ wurde zum Anfang dieses Jahres unter der Überschrift "Kapitalanlage Wald – sicher kein Holzweg" der Beitrag eines Vermögensverwalters zum Thema Waldinvestment veröffentlicht. Neben einer Reihe positiver Argumente für die Anlageform selbst, wird mit der Zwischenüberschrift "Vorsicht bei geschlossenen Beteiligungen" auf die damit verbundenen Gefahren hingewiesen.

Die Frage ist also: Wie investieren?

Vorab: Dies ist keine Anlageempfehlung, sondern eine Darstellung der Investitionsmöglichkeiten in Wald. Eine solche Investition muss von einem erfahrenen und fachkundigen Berater in den Kontext des vorhandenen Vermögens und der Anlageziele des jeweiligen Anlegers gestellt werden. Waldanlagen sind außerhalb sehr spekulativer Erwägungen aus verschiedenen, im Folgenden teilweise angesprochenen Gründen, allenfalls zur Beimischung zu einem breit diversifizierten Vermögensmix geeignet.

An fungiblen Anlagen gibt es zum Beispiel einen ETF, den ishares Global Timber & Forestry UCITS ETF (WKN: A0M59G). Ein in der Regel börsentäglich kauf- und verkaufbarer Anteil kostet aktuell um die 26 EUR (28. 5.2018).

Natürlich könnte man auch einfach Aktien der alteingesessenen international mit Schwerpunkt in den USA und Kanada tätigen, Firma Weyerhaeuser (WKN 854357), die an vielen deutschen Börsen zu Kursen von derzeit um die 32 EUR gehandelt wird, kaufen. Die Firma ist in nahezu allen Bereichen der Holzwirtschaft, von der Pflanzung bis zur Verarbeitung tätig.

Ganz allgemein sind natürlich global diversifizierte Angebote, wie der oben genannte ETF, der Anlage, wie sie von den Beteiligungsanbietern meist propagiert wird, nämlich in bestimmten eng begrenzten Anbaugebieten (derzeit häufig: Rumänien und Paraguay) in puncto Sicherheit überlegen.

Berater sollten es auch nicht versäumen, auf die typischen Risiken jeder Investition in Wald hinzuweisen wie Naturkatastrophen (z.B. Orkane), politische und rechtliche Unsicherheiten in den jeweiligen Anbauländern und der mögliche Schädlingsbefall.

Viel hilft nicht immer viel

Immer wieder stößt man auf Anlagelösungen, bei denen unter dem Aspekt der Diversifizierung der Anlagebetrag z.B. in eine Vielzahl von weitgehend identischen marktbreit investierenden Aktien-Investmentfonds aufgeteilt wird. Damit kann sich der Berater bei unerfahrenen Anlegern zwar positiv darstellen, mit wirksamer Diversifizierung hat das allerdings meist nichts zu tun. Wenn in zehn europäische Aktienfonds investiert wird, dann werden eben im Falle einer Börsenschwäche alle zehn Fonds in den Keller rauschen. Der eine oder andere vielleicht etwas weniger, dafür der eine oder andere etwas mehr. Das gleicht sich dann aus.

Problematisch ist die Diversifizierung bei Investmentfonds auch dann, wenn mit diesem Thema die Investition in Fonds mit hohem Risiko begründet wird. Zumindest müsste der Anleger dann darüber informiert werden, dass Marktentwicklungen denkbar sind, bei denen speziell diese Fonds besonders negativ betroffen sind. Das wäre z.B. dann der Fall, wenn es aufgrund von politischen oder volkswirtschaftlichen Ereignissen zu einer Flucht aus spekulativen Werten kommt.

Sparplanlösungen und Diversifikation bzw. "Ehrliches" Volumina

Sobald Sparplananlagen, auch im Bereich der Lebensversicherungsprodukte, bestehen oder abgeschlossen werden, spielt die Diversifizierung in den Anfangsjahren, wegen der nur langsam wachsenden Vermögenssubstanz, zunächst keine besondere Rolle. Wichtig ist jedoch, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine Möglichkeit der Anpassung der Ratenzahlungen und des Vermögens auf den dann beim Anleger vorhandenen und aufgrund seiner aktuellen Situation sowie der aktuellen Marktlage sinnvollen Vermögensmix möglich ist. Aus der Sicht der Diversifizierung sind deshalb Sparpläne aller Art mit starren Investitionsvorgaben, also auch entsprechende Fondspolicenlösungen, eher negativ zu bewerten.

Dabei spielt auch das Thema "ehrliches Volumen" eine Rolle. Sehr häufig wird das Thema Diversifizierung nur allgemein diskutiert, ohne dass die jeweils aktuellen Vermögensstände in den einzelnen Anlagen herangezogen werden. Unerfahrene Anleger können das nicht erkennen und sehen deshalb darin ein Anzeichen von besonderer Kompetenz und Seriosität beim Berater. Häufig werden zum Beispiel Beteiligungen und andere Graumarktanlagen mangels anderer Informationen mit dem Nominalwert oder der Investitionssumme bewertet.

Dabei ist eine Vermögensaufstellung natürlich nur dann verwertbar, wenn "ehrliche" Werte genannt werden – oder zumindest auf die Unsicherheit der Vermögensbewertung eindeutig und für den Kunden verständlich hingewiesen wird. Nur so ist es wirklich möglich, die Risikostruktur eines Vermögens überhaupt zu erkennen.

Direkte und indirekte Investments

Wenn Teile des Vermögensmix in Beteiligungen investiert sind, dann können leicht Missverständnisse beim Anleger entstehen, wenn zum Beispiel der Immobilienanteil definiert werden soll und die Investition selbst in entsprechende Beteiligungsanlagen geplant ist. In diesem Fall sollte der Anleger beim Thema Diversifizierung darüber unterrichtet sein, dass er nicht direkt in Immobilien investiert, sondern Anteilseigner an einer Fondsgesellschaft, die eventuell verspricht, die Einlagen entsprechend zu investieren, geworden ist oder werden soll. Sicherheit, ob die propagierte Investition auch tatsächlich erfolgt ist und dass somit die versprochene Diversifizierung in Immobilien auch einigermaßen zum Tragen gekommen ist, gibt es oft erst Jahre später.

Fazit

Ganz wichtig ist die Dokumentation der mit dem Kunden verabredeten Diversifikationslösung. Wenn die Dokumentation schlüssig ist, kann das Diversifizierungskonzept für den Berater enthaftend wirken, weil Falschberatung auch bei einem Crash eines der Produkte im Finanzkonzept nur noch schwer nachweisbar sein dürfte. Es bleibt dabei, Diversifikation ist ein wichtiges Thema.