Thema der Woche

 

Helmut Kapferer
Bankkaufmann, Fachjournalist und Fondsmanager

BaFin – Kritik berechtigt?

Die Wirecard-Affäre hat zu massiver Kritik an der Kontrollfunktion der deutschen Finanzaufsichtsbehörde BaFin geführt. Schon lange vor dieser, das Image Deutschlands zweifellos massiv schädigenden Affäre, gab es viel Kritik an der Tätigkeit der BaFin. Wir haben einige für Berater und Vermittler von Kapitalanlagen wichtige aktuelle Aspekte herausgearbeitet.

Thema Grauer Kapitalmarkt

Die Erfolge der Anbieter am Grauen Kapitalmarkt sind seit vielen Jahren u.a. darauf zurückzuführen, dass die BaFin seitens der Politik zu einer Form der Prospektkontrolle verpflichtet wurde, die zu einem tiefgreifenden Missverständnis bei den Anlegern führt, ja führen muss. Die BaFin prüft die Prospekte ausschließlich auf formelle Vollständigkeit. Das wäre vielleicht akzeptabel, wenn die Anbieter nicht dazu verpflichtet wären, einen Vermerk zu der Form der Prüfung im Prospekt anzubringen, der von Normalanlegern immer wieder falsch verstanden wird und deshalb oft wie ein Werbeargument für das darin vorgestellte Produkt wirkt.

Beispieltext aus dem Prospekt zu einem der hochriskanten Private Equity Dachfonds, der häufig zur Anlage von Altersvorsorgerücklagen eingesetzt wird:

„Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) prüft Verkaufsprospekte seit dem 1.7.2005 auf formale Vollständigkeit (§§ 8 f Verkaufsprospektgesetz): Die inhaltliche Richtigkeit der im Prospekt gemachten Angaben ist nicht Gegenstand der Prüfung durch die BaFin.“

Aus der Sicht eines unerfahrenen Anlegers ist es unvorstellbar, dass die Experten einer Finanzbehörde einen Prospekt beurteilen, ohne die Inhalte zur Kenntnis zu nehmen bzw. zu bewerten. Deshalb vermutet er verständlicherweise, leider zu Unrecht, dass dann, wenn für einen Finanzfachmann, den er bei der BaFin vermutet, eine direkte Gefahr für sein Geld aus dem Prospekt erkennbar wäre, die BaFin Maßnahmen ergreifen würde. Das ist selten zu erkennen. Auf diese Art und Weise passierten seit 2005 inzwischen wohl viele hundert Prospekte diese sog. BaFin-Prüfung.

Es spricht nicht für die Fachmannschaft der BaFin, wenn sie sich widerspruchslos einem solch absurden Diktat der Politik unterwirft. Schließlich darf der Anleger unter dem Namensbestandteil „Aufsicht“ anderes vermuten. 

Thema Crowd Investing

Crowd Investing findet in Deutschland fast ausschließlich in Form von sog. Nachrangdarlehn statt, eine Investitionsform, die den Anleger/Gläubiger weitgehend entrechtet. Da über Nachrangdarlehn meist weit über den derzeitigen Festgeldzinssätzen regelmäßige Ausschüttungen versprochen werden, wird Crowd-Investing von den Anlegern vielfach als Sparbuchersatz eingesetzt. Das Missverständnis: Für Darlehn gibt es schließlich Zinsen und das kennen die Anleger ganz gut vom Sparbuch.  

Wie hoch die Risiken der jeweiligen Anlage tatsächlich sind, wird den Anlegern nicht kommuniziert, da ja auch selten ein Finanzberater bei der Zeichnung involviert ist. Der Fachjournalist Stefan Loipfinger wirft, u.a. auf seiner vorwiegend den Crowd-Investing-Markt kommentierenden Internetplattform „investmentcheck.de“, der BaFin in kurzen Abständen immer wieder Versäumnisse beim Umgang mit Crowd Investing-Angeboten vor.

Thema Trading

Seit einigen Monaten wird die westliche Welt von tausenden von sog. Trading-Angeboten überschüttet. Trading bedeutet meistens riesige Gewinnversprechen mit kaum erklärten Vorgehensweisen, angeboten von bislang unbekannten, oft nur wenige Wochen alten Firmen und ohne jeglichen Hinweis auf verantwortliche Personen. Wer solche Angebote nicht in seinem E-Mail-Account findet oder nicht von den außerordentlich rührigen Telefonverkäufern behelligt wird, hat das bisher kaum bemerkt, auch wenn er/sie zu der lukrativen Hauptzielgruppe Mittelstand gehört.

Warnungen vor Tradingangeboten finden sich in den eher chaotisch organisierten Warnlisten der BaFin wenige. Wer das Stichwort Trading auf der Startseite eingibt findet dazu eine einstellige Anzahl von Tradinganbietern, deren Einträge oft mehrere Jahre alt sind.

Bei der britischen Finanzaufsicht FCA hingegen gibt es werktäglich Warnungen. Im Juni bis einschließlich 26.06. waren es fas 130 Warnhinweise. Ein großer Teil davon bezieht sich auf Tradinganbieter. Da die FCA immer auch, im Gegensatz zur BaFin, die Internetadressen nennt, ist mit einem Klick festzustellen, was da angeboten wird. Dies gilt natürlich nur dann, wenn man aus den wirren Angaben auf den Internetseiten etwas Sinnvolles herauslesen kann, was leider nicht immer der Fall ist. Beachten Sie dazu auch unseren Beitrag: „Trading“ - die Abzockmasche mit“ Traum - Renditen“.

Thema Identitätsdiebstahl

Es mag an der speziellen Situation in der Corona-Pandemie liegen, dass derzeit eine Welle „Identitätsdiebstahl“, im Englischen als „Clone“ benannt, rollt. Unseriöse Anbieter nutzen die Namen oder Vorgehensweisen bekannter Anbieter wie Banken und Versicherungen aber auch anderer registrierter und eingeführter Finanzdienstleister, für eine schnelle und offenbar erfolgreiche Abzockmasche.

Mit erstaunlich geschickten Telefonverkäufern, einer schillernden Homepage, die wiederum keinerlei Eigennamen von Verantwortlichen enthält, wird offenbar erfolgreich versucht, Anleger zu täuschen. Das eingesammelte Geld verschwindet dann häufig umgehend in vor Strafverfolgern sicheren Häfen, ebenso die Initiatoren. Für Behörden aller Art und damit auch für die betroffenen Anleger gibt es kaum eine Chance, ihren Einsatz zurückzuerhalten. Betroffen sind auch deutsche Finanzinstitutionen, zuletzt u.a. die Deutsche Bank, die AXA Versicherungsgruppe (bisher gleich zwei Mal), die Noris Bank und die Allianz Versicherung.

Gewarnt hat meist nicht die BaFin, sondern die britische Finanzaufsicht FCA.

Fazit

Die BaFin und die deutsche Politik müssten endlich beginnen, konkreten Anleger- und Beraterschutz zu etablieren. Die internationale Zunft der Anlagebetrüger hat sich vor allem deshalb auf Deutschland eingeschossen, weil man hier, dank der Untätigkeit der BaFin und der deutschen Politik auf viele uninformierte und ungeschützte Anleger trifft. Die BaFin verweigert sich offenbar und mindestens teilweise auch der internationalen Zusammenarbeit der Finanzaufsichtsbehörden, wie zum Beispiel der IOSCO, die auf ihrer Liste die Inhalte von rund einem Dutzend rund um den Globus erstellten Warnlisten zusammenfasst.