Thema der Woche

 

Helmut Kapferer
Bankkaufmann, Fachjournalist und Fondsmanager

Zinsen steigen: Wie Finanzberater davon profitieren können

Es häufen sich die Anzeichen dafür, dass der schon lange erwartete Zinsanstieg unmittelbar bevorsteht. Auch wenn man gelegentlich kolportierten apokalyptischen Prognosen nicht trauen mag, schon ein moderater Zinsanstieg kann verheerende Folgen für die Vermögen der Anleger haben. Das kann die Stunde professionell arbeitender Finanzberater werden.

Hintergründe

Festverzinsliche Anlagen sind bei der privaten Kundschaft vorwiegend in Form von offenen Publikums-Wertpapierfonds (Rentenfonds) vorhanden. Laut Statistik des Investmentfondsverbandes BVI waren per Ende Januar 2018 ca. 213 Mrd. EUR in Rentenfonds investiert. Dazu kommen die Bestände in Mischfonds, deren Zusammensetzung allerdings nicht statistisch erfasst wird. Wir gehen von mindestens weiteren 100 Mrd. EUR der insgesamt in dieser Fondskategorie investierten 272 Mrd. EUR aus.

Mit welchen Wertveränderungen müssten die Anleger bei einem Zinsanstieg rechnen?

Zusammensetzung des Fondsvermögens von Rentenfonds

Zinsveränderungen werden in der Form der Veränderung des sog. "sicheren Zinses"‚ (z.B. Bundesanleihen) berichtet bzw. ausgedrückt. Allerdings hat die seit Langem anhaltende Niedrigzinsperiode dafür gesorgt, dass Rentenfondsmanager, die ja alle bemüht waren, auch in der Niedrigzinsperiode noch einen irgendwie attraktiven Ertrag berichten zu können, zumindest Teile des Fondsvermögens in besserverzinsliche aber risikoreichere Papiere investiert haben.

Nun ist natürlich nicht präzise voraussehbar, wie sich diese Papiere bei wieder steigenden Zinsen verhalten. Das hängt dann von den jeweiligen Marktbedingungen ab. Findet der Zinsanstieg zum Beispiel in einer Zeit politischer Instabilität statt, dann könnte die Zinserhöhung dazu führen, dass risikoreichere Papiere besonders stark an Wert verlieren.

Es wäre auf jeden Fall unrealistisch, wollte man die Folgen eines Zinsanstiegs in privaten Vermögen alleine an den Auswirkungen auf Bundesanleihen messen.

Vereinfachte Beispielsrechnung

Die komplexen Abläufe bei der Anlage in festverzinslichen Wertpapieren und Rentenfonds zusammen mit den weit verbreiteten Fehleinschätzungen dieser immer noch beliebten Sicherheitsanlageform, erfordern bei der Beratung zu diesen Anlageformen vom Berater besonderen Einsatz. Da könnte die vereinfachte untenstehende Darstellung aus dem gerade erschienenen Buch des bekannten Fachjournalisten Stefan Loipfinger "Achtung Anlegerfallen!" weiterhelfen.

Dort wird zum besseren Verständnis von einem aktuellen "sicheren Zins" von 1 % (Ende März 2018 für 5-jährige Bundesanleihen real eher um 0 %) ausgegangen. In der Beispielsrechnung wird ein Zinsanstieg beim "sicheren Zins" von einem halben Prozentpunkt auf 1,5 % angesetzt. Der Aufschlag für das schlechtere Rating, der aktuell noch mit 1 %-Punkt angenommen wird, verdoppelt sich im Zinsanstieg auf angenommene 2 % mit dem Ergebnis eines neuen Gesamtzinses von 3,5 % im Vergleich zu 2 % in der im Beispiel angesetzten aktuellen Marktsituation. Insgesamt also eine Renditeerhöhung um 1,5 %-Punkte von 2 % auf 3, 5 %.

Im Ergebnis ergibt sich aus dem gering erscheinenden berichteten Zinsanstieg von einem halben Prozentpunkt bei Anleihen mit 5-jähriger Restlaufzeit und Rating BBB ein Kursverlust von im Beispiel 100 % auf 92,5 % also von rund 7,5 %.

"In meinem Rentenfonds sind nur sichere Anleihen!" Solche Anlegerargumente gilt es, nach einer Überprüfung des Fondsinhalts, zu widerlegen. Zu diesem Thema ist im Internet unter "wmd brokerchannel" vom 05.04.2018 ein Beitrag aus dem Hause Nordea mit der Überschrift "Trau schau wem bei Anleihefonds" veröffentlicht.

In den letzten Jahren seien vielen Rentenfonds nach und nach immer mehr Hochzinsanleihen beigefügt worden. Nur so sehen und sahen Rentenfondsmanager eine Chance, dem Ausweis von Minusrenditen zu entgehen und damit den Fonds für Anleger attraktiv zu halten. Im Ergebnis dürfte aktuell kaum noch ein Rentenfondsanleger einen Fonds mit identischer Risikostruktur im Vergleich zur Struktur zum Kaufzeitpunkt besitzen.

Aus der Sicht eines Finanzberaters kann das durchaus eine sehr positive Erkenntnis sein, ergibt sich daraus doch eine große Chance, das Fondsdepot des Kunden an seine Risikostruktur neu anzupassen.

Was kann man tun?

Den Anteil von z.B. High-Yield-Fonds in den Kundendepots zu reduzieren, mindert das Anlagerisiko ebenso wie der Umstieg in Fonds, die in kürzere Laufzeiten investieren.

Ob Aktienanlagen infrage kommen, muss im Einzelfall entschieden werden. Dass Zinssteigerungen das Wirtschaftswachstum in der Regel eher bremsen, sollte dabei bedacht werden. Wenn die Festverzinslichen, wie zumeist, den Sicherheitspart im Vermögen repräsentieren, ist auch ein Umstieg in Sachwerte wie zB. Immobilienanlagen jeder Art mit Vorsicht zu genießen, weil natürlich steigende Zinsen die Finanzierung von Immobilien eher erschweren und so den Markt belasten.

Dennoch, Aktienanlagen erscheinen als sinnvollster Ausweg. Das ist auch der Tenor aktueller prominenter Veröffentlichungen z.B. in der Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen (Ex "Finanztest" lange Jahre in der Funktion als Chefredakteur; jetzt Chefredakteur "finanztip") in "Spiegel online" vom 07.04.2018 "Steigende Zinsen: Jetzt Kredite und Anlagechancen prüfen – Kolumne" oder in dem Beitrag von Felicitas Wilke in "SZ.de" vom 07.04.2018 "Kauft Aktien!". Dieser Rat gilt natürlich, und darauf weisen beide Veröffentlichungen deutlich hin, nur dann, wenn ein "Kaufen und Liegenlassen" möglich ist, wenn also das Anlageziel in fernerer Zukunft liegt.

Was aber, wenn der Kunde keine Aktien will oder wenn sein Anlageziel zeitnah bevorsteht? Auf der Suche nach dem Ausweg aus dem Niedrigzinsdilemma wenden sich viele Anleger, teilweise auch auf Empfehlung ihrer Finanzberater, an Festgeldplattformen im Internet wie "Weltsparen", "Savedo" oder "Zinspilot". Auch wenn die Sicherheit der Einlage dort gewährleistet erscheint, sollten Vermittler und Anleger dennoch bedenken, dass höhere Zinsen im Vergleich z.B. zu deutschen oder europäischen Banken, in einem marktwirtschaftlichen System, wie dem Unseren immer auch einen Grund haben, der bei Festgeldzinsen in der Regel mit dem Thema Sicherheit zusammenhängt.

Immer wieder werden von Experten Zweifel geäußert, ob in wirklich allen Fällen die EU-Einlagensicherung im Ernstfall unproblematisch funktioniert bzw. wie lange es dauert und welcher Aufwand im Ernstfall erforderlich ist, um an sein Geld zu kommen.

Dieses Thema sollten Finanzberater, die Kunden auf solche Zinsplattformen verweisen, unbedingt im Auge behalten. Schadenersatzforderungen sind nicht davon abhängig, ob der Berater auch wirklich Provision erhalten hat oder nicht.

Fazit

Finanzberater können sich mit diesem Thema als fachkundige Berater profilieren, indem sie das Thema behandeln, bevor ein wesentlicher Schaden eintritt. Der jüngste Anstieg der Immobiliendarlehnszinsen und die Aussagen von Notenbankchefs weisen längst auf eine baldige Zinserhöhung hin.

Übrigens: Ansatzpunkte für ein Gespräch mit Rentenfondsanlegern gibt es auch aus einem anderen Grund, der für manchen Kunden vielleicht noch wichtiger ist: Die Rendite von Rentenfonds deckt aufgrund der aktuell niedrigen Zinsen oft nicht die Fondskosten, sodass ein schleichender Vermögensverlust auch dann eintritt, wenn die Zinsen auf dem aktuellen Niveau verbleiben.