Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:


 

(von links)

Dr. Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführender Vorstand des VDVM, und

Dr. Sebastian Herfurth, Geschäftsführer und Mitgründer von Friendsurance

 

 

 

 

VDVM und Friendsurance: Annäherung zweier Maklerwelten

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Ende 2017 wurde bekanntgegeben, dass der Verband Deutscher Versicherungsmakler (VDVM) dem Insurtech Friendsurance den Mäklerstock und damit die Gastmitgliedschft verliehen hatte. Seit dem 1. Januar 2018 hat sich der VDVM mit dem Bundesverband Mittelständischer Versicherungs- und Finanzmakler e.V. zum Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler (BDVM) zusammengeschlossen. Im Interview mit VersicherungsPraxis24 erläuterten Dr. Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführender Vorstand des VDVM, und Dr. Sebastian Herfurth, Geschäftsführer und Mitgründer von Friendsurance, was sie sich von der Zusammenarbeit versprechen.

Herr Dr. Jenssen, was bedeutet diese Form der Mitgliedschaft von Friendsurance konkret?

Jenssen: Gastmitglieder sind diejenigen, die die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft noch nicht ganz erfüllen. Dies kann daran liegen, dass das Unternehmen noch "brandneu" ist, nicht die notwendige Zahl von Berufsträgern aufweist oder sonstige Voraussetzungen für eine Vollmitgliedschaft noch nicht erfüllt. Es gibt aber auch Fälle, in denen Gastmitglieder zunächst einmal den Status des Gastmitglieds haben wollen, obwohl alle Voraussetzungen vorliegen. Gastmitglieder haben im Gegensatz zu Vollmitgliedern kein aktives und passives Wahlrecht und dürfen das Verbandslogo mit dem Hinweis auf die Mitgliedschaft nicht führen. Ansonsten können sie am Verbandsleben vollumfänglich teilnehmen.

Ist Friendsurance damit eines von gut 600 Maklerunternehmen im VDVM bzw. seit dem 1. Januar von 880 Mitgliedsunternehmen im BDVM oder hat es eine Sonderstellung?

Jenssen: Der VDVM bzw. jetzt BDVM hat immer eine Reihe von Gastmitgliedern, ca. fünf bis 15 Stück. Friendsurance ist eines von gut 630 Maklerunternehmen im ursprünglichen VDVM bzw. nunmehr ca. 880 Mitgliedern im BDVM.

Herr Dr. Herfurth, welchen Stellenwert hat diese Mitgliedschaft für Sie?

Herfurth: Die Mitgliedschaft ehrt uns sehr, zumal wir eines der ersten Insurtechs sind, die die strengen Aufnahmekriterien des VDVM erfüllen. Wir haben einen sehr hohen Anpruch an uns selbst. Die Gastmitgliedschaft bestätigt uns darin, dass unser umfangreicher Service qualitativ hochwertig ist und sich unser kundenzentriertes Handeln auszahlt.

Welche Bedingungen mussten und müssen Sie erfüllen, um aufgenommen zu werden?

Herfurth: Als Gastmitglied erfüllen wir die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft, die in der Satzung des BDVM festgehalten sind:  Wir haben unseren Sitz in der Bundesrepublik Deutschland und sind im Vermittlerregister sowie im Handelsregister eingetragen. Wir betreiben außerdem das Versicherungsmaklergeschäft und erfüllen hierfür sowohl alle gesetzlichen als auch die vom Verband gestellten persönlichen Anforderungen. Wir verfügen zudem über ausreichende Kenntnisse im Versicherungswesen, die es uns erlauben, den Versicherungsbedarf des Kunden zu ermitteln und entsprechende Deckungskonzepte zu entwickeln und zu erläutern. Unsere fachlichen Kenntnisse erlauben es uns des Weiteren, Überprüfungen von Versicherungsverträgen nebst deren Gestaltung vorzunehmen sowie deren technische Abwicklung und Verwaltung zu gewährleisten. Schließlich sind wir in der Lage, Schadenvorgänge des Kunden sachkundig und unterstützend zu begleiten. Da wir als Insurtech ein neues Geschäftsmodell in der Versicherungswirtschaft betreiben und unsere individuellen Beratungsprozesse und -leistungen noch weiterentwickeln und ausbauen, sind wir zunächst als Gastmitglied im BDVM aufgenommen worden.

Erwarten Sie dabei vor allem Vorteile oder schränkt es Sie nicht auch ein, dass Sie nun Teil der etablierten Versicherungsmaklerszene sind bzw. sehen Sie Friendsurance überhaupt weiterhin als Start-up und Insurtech an?

Herfurth: Da wir nun bereits seit fast acht Jahren als Makler tätig sind, mit über 70 Versicherungsunternehmen zusammenarbeiten und weit mehr als 100.00 Kunden betreuen, sehen wir uns auch als Teil der etablierten Maklerszene. Das schließt aber nicht aus, dass wir ein Insurtech sind. Durch die Gastmitgliedschaft können wir zeigen, dass auch digitale Versicherungsmakler auf höchstem Niveau Kunden betreuen, was hoffentlich dazu beiträgt, die Kluft zwischen Tradition und Moderne zu schließen.

Herr Dr Jenssen, bisher hat sich der VDVM ja eher reserviert gegenüber den Insurtechs gezeigt – ist das der Beginn eines Umdenkens, weil man sie nicht länger links liegen lassen kann?

Jenssen: Wir haben uns nicht reserviert gegenüber Insurtechs gezeigt, sondern wir sind grundsätzlich reserviert gegenüber Maklern, die unser Berufsbild nicht ausfüllen. Wenn also ein Insurtech und/oder ein Vergleichsportal oder aber ein sonstiger Makler z.B. den Kunden, der es wünscht, nicht beraten kann oder will, keine Vertragsbetreuung bietet und bei Eintritt des Schadens den Kunden ohne eigene Tätigkeit allein auf den Versicherer verweist, dann erfüllt ein solcher Makler seine Berufspflichten - sehr vorsichtig ausgedrückt - nur unzureichend. Gegenüber solchen Makler verhalten wir uns in der Tat reserviert.

Planen Sie, weitere Insurtechs aufzunehmen?

Jenssen: Die Aufnahme in den Verband setzt grundsätzlich einen Antrag des Maklers voraus. Wenn ein solcher Antrag vorliegt, läuft - ob Insurtech oder nicht - ein normales Aufnahmeverfahren mit der Prüfung der Kriterien ab. Voraussetzung für die Aufnahme als Mitglied ist es danach - verkürzt ausgedrückt - dass der Makler unserem Berufsbild entspricht und seine Tätigkeit danach ausrichtet. Weitere Insurtechs sind derzeit bei uns auch nicht vorstellig geworden.

Der VDVM bzw. jetzt der BDVM hat ja besonders hohe Qualitätsstandards – können diese von Insurtechs mit ihrem Schwerpunkt auf kostengünstiger Online-Betreuung überhaupt erfüllt werden?

Jenssen: Das ist das Problem. Weder das VVG noch die Rechtsprechung des BGH lassen es zu, dass man seine Maklerpflichten nicht erfüllt. Die Frage ist auch, ob man online überhaupt in der breiten Masse entscheidend vorankommt, wenn die Hälfte der Bevölkerung eine Haftpflichtversicherung von einer Hausratversicherung nicht sicher unterscheiden kann. Wir sind deshalb auch der Überzeugung, dass Insurtechs auf Dauer Beratungs- und Betreuungskapazität werden aufbauen müssen, einige werben ja bereits damit, wie z.B. eine große Vergleichsplattform.

Herr Dr. Herfurth, wird dieser Schritt Auswirkungen nach innen und außen – also auf die Beziehungen zu Ihren Kunden und zu den Mitarbeitern - haben, indem Sie beispielsweise formeller werden?

Herfurth: Unsere Unternehmenskultur ist kaum von der Versicherungsbranche geprägt, weshalb die Mitarbeiter keinen Unterschied merken werden. Aber natürlich ist es motivierend für unsere Mitarbeiter zu sehen, dass ihre harte Arbeit und ihr Einsatz Früchte trägt – besonders in den Abteilungen Customer Support und Customer Relationship Management. Für unsere Kunden ist die Gastmitgliedschaft beim VDVM hoffentlich eine Bestätigung, dass sie bei uns sehr gut betreut und beraten werden.

Sehen Sie so etwas wie eine Konvergenz der Systeme in der Versicherungswelt, indem die etablierten Vermittler digitaler und die Insurtechs etablierter werden?

Herfurth: Auf der anderen Seite wünschen wir uns zwar, dass die traditionelle Versicherungsbranche digitaler wird, allerdings reicht es dazu nicht aus, Verträge per Mail statt mit der Post zu schicken. Eine wirkliche Digitalisierung findet im Kopf statt und zieht sich durch alle internen und externen Prozesse. Bis das in der Branche der Fall ist, wird es wohl noch lange dauern. Auf lange Sicht gehen wir allerdings davon aus, dass sich die beiden Welten annähern und die Grenzen zwischen den traditionellen Versicherungsunternehmen und Insurtechs verschwimmen.

Jenssen:  Wir schätzen die Entwicklung so ein. Wir gehen davon aus, dass die konventionellen Makler immer digitaler werden und sich die Insurtechs immer mehr in Richtung konventioneller Makler bewegen werden bzw. werden bewegen müssen.

Ist das für Friendsurance ein einmaliger Vorstoß in Richtung auf die etablierte Versicherungswelt oder planen Sie weitere Veränderungen?

Herfurth: Wie bereits erwähnt, sehen wir uns schon länger als Teil der etablierten Versicherungswelt. Unsere Kernkompetenzen sind unser Pioniergeist, unsere Kundenzentriertheit und unser digitales Denken. In der traditionellen Versicherungswelt fehlt es noch oft an diesen Dingen. Die Gastmitgliedschaft ist eine Chance, neue Standards in der Branche zu setzen und das Image von Maklern zu stärken. In erster Linie konzentrieren wir uns aber auf die Erschließung neuer Wege. Seit diesem Jahr ist die Digitalisierung der Bancassurance unser neuestes Geschäftsfeld, was in unseren Augen die nächste Innovation in der Versicherungsbranche ist.

Nachdem es einige Jahre in Bezug auf Neuerungen beim VDVM eher ruhig war, machten Sie mit der Fusion mit dem BMVF und der Öffnung für ein Insurtech Ende letzten Jahres gleich zweimal mit einem Paukenschlag von sich reden. Ist das auch eine Reaktion auf die schwierigeren Marktbedingungen in der Versicherungsbranche, die Veränderungen erzwingt?

Jenssen: Die Frage der Fusion war eine langfristige Angelegenheit und folgt dem Grundsatz, die Kräfte zu bündeln. Dies gilt speziell dann, wenn man in der Frage des Berufsbildes und den anderen wesentlichen Fragestellungen praktisch immer einer Meinung ist. Einigkeit macht stark und bietet für die Mitglieder des Verbandes auch die Chance, den Service für die Mitglieder zu verbessern. Die Frage einer schlagkräftigen Interessenvertretung anzugehören, die mit einem Gestaltungsanspruch das Berufsbild des Versicherungsmaklers voran zu bringen versucht, mag dann auch für Friendsurance Auslöser gewesen sein, bei uns Mitglied zu werden. Wenn man allein betrachtet, welches krudes Maklerbild der erste Referentenentwurf zur Umsetzung der IDD aus dem November 2016 mit seinem Provisionsgebot enthielt, mag erkennen, wie wichtig die Bündelung der Maklerinteressen in Verbänden ist.