Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

Julius Weber, Referent Start-ups beim Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche Bitkom

 

Krise wird zum Katalysator für bereits vorhandene Probleme

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Vor noch nicht allzu langer Zeit waren Fintechs die Shooting-Stars der Finanz- und Versicherungsbranche - immer mehr etablierte Unternehmen nahmen sie sich zum Vorbild und versuchten sie oder wenigstens ihre Arbeitsweise in die Unternehmenspolitik zu integrieren. Mit der Corona-Pandemie und dem damit verbundenen Stillstand des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens scheint diese Entwicklung gebrochen zu sein. Es gibt Meldungen, die feststellen, Start-Ups seien einer der Verlierer der Krise, weil ihnen die Finanzmittel ausgehen. Andererseits wird auch ein Trend hin zu mehr Digitalisierung prognostiziert, der ihnen zugute kommen könnte. Im Gespräch mit  der Versicherungspraxis24 erklärt Julius Weber, Referent Start-Ups beim Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche Bitkom, wie die Entwicklung aktuell aussieht.

In den letzten Wochen gab es - auch in Ihrem Verband - unterschiedliche Informationen darüber, wie sich die Corona-Pandemie voraussichtlich mittelfristig auf die Start-Ups auswirken wird. Kann man das jetzt schon genauer prognostizieren?

Weber: Die genauere Entwicklung wird man sicher erst mit Verzögerung gegen Ende des Jahres sehen. Durch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ist es zurzeit schwierig, ein genaues Bild der Lage zu bekommen. Aber die Auswirkungen sind jetzt schon zu spüren und es gibt deutliche Unterschiede, je nach dem Geschäftsmodell und der Branche, auf die das Start-Up sich konzentriert. Besonders stark betroffen sind die, die sich auf Angebote für die Gastronomie oder den Veranstaltungsbereich konzentriert haben - ihnen sind die Kundenaufträge häufig komplett weggebrochen.

Gilt das auch für die Fintechs, also die Start-Ups der Versicherungs- und Finanzwirtschaft?

Weber: Die Corona-Krise war so etwas wie ein Weckruf für die Digitalisierung. Viele Menschen haben angefangen, ihr Leben digital zu organisieren - und dazu gehört zum Beispiel auch Online-Banking oder der Online-Abschluss von Versicherungen. Trotzdem sind die grundsätzlichen Probleme von Fintechs im Prinzip die gleichen wie die der Start-Ups generell. Vor allem kleinere und jüngere Start-Ups haben häufig geringe Rücklagen, weil sie noch in der Wachstumsphase sind und Venture Capital für ihren Ausbau benötigen. Sie sind auf regelmäßige Finanzierungsrunden angewiesen. Zu Beginn der weltweiten Krise wurden Investoren aber insbesondere bei Neuinvestments etwas zurückhaltender oder es wurden sogar bereits erteilte Zusagen zurückgezogen. Diesen Start-Ups fehlen jetzt die Mittel für ihren weiteren Ausbau und sie haben unverschuldet Probleme bekommen.

Glauben Sie, dass es als Folge davon zu Insolvenzen kommen könnte?

Weber: Es wird erwartet, dass es zu einer Marktbereinigung kommen wird. Allerdings vor allem bei den Unternehmen, bei denen die Schwierigkeiten schon vor der Krise bestanden. Die Pandemie hat in erster Linie wie ein Katalysator gewirkt und die zugrundeliegenden Probleme in der Regel nicht verursacht.

Welche Probleme könnten das sein?

Weber: Unter den Insurtechs gab es in den letzten Jahren einige, die zwar Finanzierungsrunden erfolgreich absolvierten, allerdings ohne ein valides Geschäftsmodell vorweisen zu können. Aber grundsätzlich haben es Start-Ups leichter gehabt, die gerade eine Finanzierungsrunde abgeschlossen hatten und diejenigen schwerer, die gerade auf der Suche nach frischem Kapital waren.

Wissen Sie, wie die Start-Ups das selbst sehen?

Weber: Nach einer Bitkom-Umfrage erwarten zwei Drittel der Start-Ups eine Verschlechterung durch die Corona-Pandemie, 47 Prozent sehen sogar die eigene Existenz bedroht und drei Viertel erwarten eine Pleitewelle unter den Start-Ups. Fintechs dürften tatsächlich etwas besser durch die Krise kommen als der Durchschnitt, insofern kann man diese Zahlen vermutlich nicht eins zu eins übertragen - aber die Tendenz dürfte ähnlich sein.

Die Corona-Pandemie hat ja auch dazu geführt, dass mehr im Homeoffice gearbeitet wurde und es statt Dienstreisen Videokonferenzen gab. Deshalb wird prognostiziert, dass dadurch ein Digitalisierungsschub ausgelöst werden wird. Dies dürfte wiederum den Start-Ups zugute kommen, die ja ganz auf digitale Modelle setzen. Wie sehen Sie das?

Weber: Grundsätzlich gibt es insbesondere beim Neugeschäft einen deutlichen Trend hin zur Kontaktaufnahme über das Smartphone, weg vom Makler - dieser Trend kam den Fintechs und Start-Ups auf jeden Fall zugute. Die Frage ist natürlich, wie nachhaltig das sein wird und ob die Kunden nach der Krise nicht doch lieber wieder zu einem Makler gehen, der einen direkten Kontakt bietet.

Wie sah denn die Unterstützung durch die Politik in den letzten Monaten aus?

Weber: Sie kam für Start-Ups leider sehr spät und zu Beginn der Krise gab es gar nichts. Von dem Kurzarbeitergeld hatten viele Start-Ups nichts - sie können ihre  Programmierer nicht in Kurzarbeit schicken und ein halbes Jahr Pause machen. Wenn nicht kontinuierlich an Neuem und an Verbesserungen gearbeitet wird, geraten die Unternehmen im Vergleich zur Konkurrenz ins Hintertreffen. Der Markt funktioniert hier sehr schnell und die Konkurrenz ist groß. Mittlerweile hat die Bundesregierung aber ein Zwei-Milliarden-Paket verabschiedet, mit dem sie gezielt Start-Ups unterstützen will. Wichtig ist nun, dass diese Mittel auch zeitnah und möglichst unbürokratisch an die Start-Ups verteilt werden.

Was glauben Sie, wie es weitergehen wird?

Weber: Einige Start-Ups haben Glück gehabt, weil sie gerade Finanzierungsrunden abgeschlossen hatten und sie sich deshalb zunächst keine Sorgen machen müssen, wie es weiter geht. Ansonsten kommt es darauf an, wie gut die Kontakte der Start-Ups zu den Finanzierern sind, große Unternehmen mögen da leicht im Vorteil sein und sich eher auf ein Netzwerk von verlässlichen Kontakten stützen können. Denn die persönlichen Kontakte sind und bleiben sicher das A und O bei der Entwicklung.

Und wie sehen Sie die These, dass die Start-Ups eher von der verstärkten Digitalisierung profitieren werden?

Weber: Bei der Technik und den Kundenkontakten sicher schon, aber nicht in Bezug auf die Finanzierung. Hier sind die Prozesse relativ konservativ - die Geldgeber wollen denjenigen, dem sie ihr Geld anvertrauen, doch lieber persönlich kennenlernen und sich selbst ein Bild von der Tragfähigkeit seines Geschäftsmodells machen. Dies wird nur zum Teil durch Videokonferenzen ersetzt werden können. Im Vorteil sind die Start-Ups dagegen bei der Flexibilität im Geschäftsmodell, wenn sie es also zum Beispiel schaffen, von der Jobvermittlung für die Gastronomie auf den Einzelhandel oder die Pharmazie umzusteigen. Und sie werden sicher perspektivisch auch profitieren, wenn sie Lösungen für kollaboratives Arbeiten in Zeiten des zunehmenden Homeoffice anbieten.

Glauben Sie, dass sich die Insolvenz von Wirecard negativ auswirken wird, weil das ja auch einmal ein Fintech war?

Weber: Die Wirecard-Insolvenz betrifft die gesamte deutsche Finanzbranche. Es ist wichtig, dass die Vorgänge und Verantwortlichkeiten umfassend aufgeklärt werden und danach die richtigen Maßnahmen eingeleitet werden, damit sich ein solcher Vorgang nicht wiederholen kann.