Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Axel Kleinlein, BdV-Vorstandssprecher

 

Kunden sind keine Ware

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Der Run-off von Lebensversicherungsbeständen ist mittlerweile kein neues Thema mehr in der Versicherungsbranche, aber mit der Übernahme von vier Millionen Versicherungsverträgen der Generali durch Viridium, die künftig unter Proxalta firmieren werden, wurde eine neue Stufe erreicht. Dies hat nun auch den Bund der Versicherten auf den Plan gerufen. Ende August stellte er zusammen mit dem Bundesverband Finanzdienstleistung AfW ein gemeinsames Eckpunktepapier vor. Darin fordern die beiden Verbände, dass Lebensversicherungsverträge nicht mehr wie eine einfache Ware verkauft werden können, sondern dass die Versicherungskunden mehr Rechte bekommen, um so bei einem Wechsel auf angesparte finanzielle Mittel zurückgreifen zu können, die eigentlich ihnen und nicht dem Versicherungsunternehmen zustehen. Im Gespräch mit der Versicherungspraxis24 erläutert BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein die Kritik seiner Organisation an den bisherigen Regelungen und was aus Sicht des BdV verändert werden muss.

Run-off ist ja zunehmend ein wichtiges Thema in der Versicherungsbranche – es wird aber bisher vor allem als unternehmerische Entscheidung der Versicherer angesehen. Welche Gründe gibt es, dass der BdV und der AfW sich gerade jetzt mit der Sicht der Kunden befassen?

Kleinlein: Auslöser war der Verkauf der Generali-Lebensversicherungen an Viridium, davon sind auch Mitglieder von uns betroffen und nicht damit einverstanden, wie sie behandelt werden. Deshalb haben sie uns angesprochen.

Was sind das für Probleme?

Kleinlein: Entgegen früherer Äußerungen des Vorstandschefs von Viridum will die Plattform anscheinend viele Kunden möglichst billig loswerden. Zum Beispiel offeriert sie Angebote zum Beenden der Verträge, obgleich die Verträge regulär weiterlaufen könnten. Das kam natürlich auch in der Vergangenheit bei Run-offs vor, aber erstmals sind in großem Stil auch Verträge mit Garantiezins betroffen. Das ist dann schon eine andere Nummer und betrifft viel mehr Kunden als früher.

Was bedeutet der Run-off für einen Vermittler, der vor Jahren seinen Kunden beispielsweise eine Lebensversicherung der Volksfürsorge verkauft hat und dieser sich nun demnächst bei Viridium wiederfindet?

Kleinlein: Das ist bitter für den Vermittler und ein Verrat am Vertrauen des Kunden und seines Vermittlers. Er hat eine langjährig laufende Versicherung im Vertrauen darauf abgeschlossen, dass es sich um ein verlässliches Unternehmen handelt. Wenn unsere Ideen umgesetzt werden, muss deshalb eine Umdeckung möglich sein. So kann dann der Versicherungsschutz bei einem vernünftigen Unternehmen fortgesetzt werden. Genau da kann der Vermittler bei der Suche helfen.

Was sind die wichtigsten Forderungen, die der BdV und der AfW in dem Eckpunktepapier aufstellen?

Kleinlein: Es muss den Kunden möglich sein, ohne Verlust den Vertrag bei einem anderen Unternehmen fortzusetzen. Deshalb muss eine Übertragung aller angesparten Bestandteile, stattfinden, anstatt einer Kündigung, die oft mit Verlusten verbunden ist. Das heißt es müssen insbesondere anteilig auch die ihm zustehenden Gelder aus der Zinszusatzreserve, der freien RfB, dem Schlussüberschussanteilfonds neben den Bewertungsreserven überwiesen werden. Dann hat der Kunde eine realistische Chance, ein Versicherungsunternehmen zu finden, bei dem er den Vertrag zu ursprünglichen Konditionen fortsetzen kann. Außerdem sollten die noch nicht getilgten Vertriebskosten ausgezahlt werden, mit denen kann dann die Arbeit eines neuen Vermittlers bzw. Maklers finanziert werden. So, wie der Run-off bisher ausgestaltet ist, wird der Kunde zur Ware degradiert. Wenn unsere Vorstellungen Realität werden, bekommen er und sein Vermittler ihre Würde zurück – auch die Vermittler können dann wieder agieren und sind nicht nur zur Willfährigkeit gegenüber dem Versicherer verdonnert.

Warum haben Sie sich bei dieser Initiative gerade mit dem AfW zusammengetan und nicht mit einem der anderen Vermittlerverbände?

Kleinlein: Norman Wirth, der geschäftsführende Vorstand des AfW, und ich haben gemeinsam an einer Podiumsdiskussion des Instituts für Finanzdienstleistungen iff teilgenommen und haben dabei festgestellt, dass wir in diesem Bereich ähnliche Positionen haben – deshalb haben wir das Eckpunktepapier gemeinsam erarbeitet.

Wenn es um den Run-off geht, wird ja auch immer die BaFin mit ins Boot geholt, die betont, dass sie genau prüft, ob die Interessen der Kunden gewahrt bleiben. Reicht das aus Ihrer Sicht aus?

Kleinlein: Nein. Die BaFin prüft nur insoweit, wie die Interessen der Kunden rechtlich definiert sind. Politisch kann sie keine eigenen weitergehenden Akzente setzen. Deshalb ist der Gesetzgeber gefordert.

Wie sieht es mit dieser rechtlichen Definition aktuell aus? Haben die Kunden beispielsweise ein Sonderkündigungsrecht und können sie sich darauf verlassen, dass ihre finanziellen Interessen – Stichwort Nachhaftung – gewahrt bleiben?

Kleinlein: Wir erleben es immer wieder, dass die Informationen nicht transparent sind und sehr restriktiv gegeben werden. Die Unternehmen gehen hier regelmäßig so vor, als gäbe es eine Holschuld der Kunden statt einer Bringschuld der Versicherer. Definitiv gibt es keine außerordentlichen Kündigungsrechte bisher und beim Rückkaufswert werden viele Reservepositionen nicht eingerechnet, die bleiben dann beim Versicherer. Deshalb ist die Kündigung bisher ein stumpfes Schwert – wenn sich hier etwas ändern würde, gäbe es mehr Wettbewerb für die Run-off-Plattformen. Bisher werden aber nur die Interessen der oft englischen oder chinesischen Investoren berücksichtigt und die haben kein Interesse an einem fairen Überschussanteil.

Die Versicherungsunternehmen begründen den Verkauf ihrer Lebensversicherungsbestände vor allem damit, dass sie angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase wirtschaftlich nicht mehr verkraftbar seien. Wie sehen Sie das?

Kleinlein: Das hängt davon ab, was kommen wird und wie stabil die Unternehmen jeweils sind. Wenn es noch einmal zu Schieflagen kommt und die Versicherer Mühe haben, die Garantien zu stemmen, wird die Diskussion darüber sicher wieder Fahrt aufnehmen. Das betrifft die Run-Off-Unternehmen aber natürlich genauso! Die bewegen sich ja auf den gleichen Kapitalmärkten.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen einem externen und einem internen Run-off?

Kleinlein: Bei einem internen Run-off stehen die anderen Produkte des Versicherers mit denen anderer Unternehmen im Wettbewerb, deshalb besteht hier ein Reputationsrisiko. Das diszipliniert die Versicherer. Bei einem externen Run-Off wie dem durch die Generali ändert sich ja oft auch der Namen der Marke, hier zum Beispiel in Proxalto – da ist die Reputation für die Generali dann bald völlig unwichtig. Die Gefahr besteht aber vor allem darin, dass durch brutale Run-Offs mit der kapitalbildenden Lebensversicherung der Markenkern der Versicherungswirtschaft als Ganzes beschädigt wird. Gute Teile von ihr, wie etwa die Risikolebensversicherung, werden dann in Mitleidenschaft gezogen.

Ein Argument, das häufig als Verteidigung des Run-Off angeführt wird, sagt, dass die aufnehmenden und auf Run-Off spezialisierten Unternehmen kostengünstiger arbeiten können – stimmt das?

Kleinlein: Das ist Unfug. In 20, 30 oder 40 Jahren mag das vielleicht stimmen, aber innerhalb der ersten Jahre ist das ein Verlustgeschäft, denn es entstehen allein durch die Anpassung der IT sehr hohe Kosten. In der Regel wird ja kein homogener Bestand übernommen. Im aktuellen Fall der Bestandsübernahme der Generali-Lebensversicherungen handelt es sich beispielsweise um Versicherungen, die bei der Volksfürsorge und der Generali und unterschiedlichsten Vorgängerunternehmen abgeschlossen wurden – das wird richtig viel Geld kosten. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, als ich als Versicherungsmathematiker beobachten durfte, wie ein mittelgroßer auf einen großen Bestand übertragen wurde. Deshalb ist es im Interesse der Unternehmen, dass möglichst viele Kunden ihre Verträge kündigen und sie möglichst wenig an Überschussbeteiligungen zahlen müssen. Für sie ist das ein reines Investment – sie können auf die Lebensversicherungskunden und deren Interessen gut verzichten.