Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender Die Bayerische

 

Klimaschutz liegt im Eigeninteresse der Versicherungsbranche

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die Aktivitäten der Klimaschutzbewegung "Fridays for Future" haben mittlerweile weite Teile der Gesellschaft erfasst und beschränken sich nicht mehr nur auf Schüler, die freitags demonstrieren, statt am Unterricht teilzunehmen. Auch in der Versicherungswirtschaft werden diese Entwicklungen beobachtet. Die Bayerische und ihre Lebensversicherungsmarke Pangaea Life sind nun als erste deutsche Versicherer der Klimaschutz-Kampagne offiziell beigetreten. Mit Dr. Herbert Schneidemann, dem Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, sprach Versicherungspraxis24 über die Gründe dafür.

Herr Dr. Schneidemann, die Bayerische und Pangaea Life sind als erste deutsche Versicherer der Klimaschutz-Kampagne "Fridays for Future" beigetreten – was bedeutet das konkret und warum haben Sie das gemacht?

Schneidemann: Wir machen nachhaltige Aktivitäten nicht erst seit "Fridays for Future". Immerhin haben wir vor zwei Jahren mit Pangaea Life eine Marke eingeführt, die ganz konkret in zu 100 % nachhaltige Projekte investiert. Wenn jemand an Nachhaltigkeit interessiert ist, dann sind das die Lebensversicherer mit ihren lang laufenden Verträgen. Als Versicherungsverein können wir zudem in langfristigen Dimensionen denken und nicht, wie eine Aktiengesellschaft, von Hauptversammlung zu Hauptversammlung, um kurzfristige Aktionärsinteressen zu befriedigen. Außerdem sind wir vor eineinhalb Jahren schon der UN-PRI, den "Prinzipien für verantwortliches Investieren" der UN, beigetreten. Deshalb war die Unterstützung der Klimaschutzbewegung für uns kein Startpunkt für nachhaltiges Handeln, aber wir wollten Flagge zeigen.

Sie haben es ja auch Ihren Mitarbeitern freigestellt, an der Demonstration teilzunehmen. Wie war die Reaktion darauf?

Schneidemann: Alle Mitarbeiter konnten, wenn sie wollten, Freizeit nehmen und sich an der Demonstration beteiligen, auch das Service-Center war in dieser Zeit nicht erreichbar. Rund 10 % unserer Mitarbeiter haben davon Gebrauch gemacht, damit waren wir bei der Demonstration in München im Vergleich zur Beteiligung der gesamten Bevölkerung überproportional vertreten. Und es gab auch keine Beschwerden von Seiten der Kunden, dass sie beim Service-Center später noch einmal anrufen mussten.

Wie sieht Ihr Engagement darüber hinaus konkret aus?

Schneidemann: Im Vordergrund steht Pangaea Life, dort investieren wir in konkrete Projekte und bieten damit sozusagen etwas zum Anfassen. Darüber wachsen natürlich die Ansprüche an uns, generell als Unternehmen nachhaltig in möglichst jedem Detail zu sein, aber das ist aus meiner Sicht nicht immer möglich. So benutzen wir beispielsweise immer noch "normale" Dienstwagen, keine Hybrid-Modelle, weil diese sich eher für kurze Strecken eignen. Wir brauchen sie aber vor allem für lange Strecken. Für kurze Strecken beispielsweise innerhalb Münchens hat sich ohnehin der öffentliche Nahverkehr als Transportmittel für uns etabliert. Ich selbst fahre aber auch nach Berlin immer mit der Bahn. Außerdem haben wir sukzessive in den letzten Jahren Klimaschutzzertifikate gekauft, sodass wir bei einem CO²-Verbrauch von rund 800 Tonnen pro Jahr 2018/19 jetzt klimaneutral gestellt sind. Zudem läuft bei den Mitarbeitern gerade ein Ideenwettbewerb, wie wir unser Grundstück von 100.000 m² in Zwickau nutzen können, um unsere Klimaneutralität voranzutreiben. Eine Idee ist zum Beispiel ein Pangaea Life-Park, aber das müssen wir natürlich auch noch anschließend mit den Behörden vor Ort klären.

Es gibt ja eine aktuelle Studie von PwC, dass der Klimawandel für Veränderungen in allen Geschäftsbereichen sorgen könnte, bis hin zur Nichtversicherbarkeit von einigen Naturkatastrophen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Schneidemann: Allgemein muss man sagen, dass wir als Bayerische nicht alleine das Klima retten können, ebenso wenig wie Deutschland das kann. Aber diese Szenarien sind natürlich realistisch und deshalb wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen. Bei Vertragslaufzeiten von 40 bis 50 Jahren wollen wir dazu beitragen, dass wir auch in 60 Jahren noch ein Arbeitsumfeld haben, das lebenswert ist. Die Bayerische gibt es seit 160 Jahren und es soll sie auch noch länger geben. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass nachhaltige langfristige Investments sich auch einfach rechnen. So sind Investments in erneuerbare Energien in der aktuellen Niedrigzinsphase, die ja noch länger andauern wird, eine gute Sache, weil sie im Rahmen einer Rentenversicherung Rendite mit Flexibilität verbinden.

Wie beurteilen Sie generell das klimapolitische Engagement der Versicherungswirtschaft?

Schneidemann: Sie ist intensiver dabei als andere Branchen, schon deshalb, weil sie von klimabedingten Schäden schneller betroffen ist und außerdem darauf bedacht sein muss, dass ihre Investments möglichst sicher sind. Aber sie ist hier auch schon weiter als beispielsweise die Banken.

Aber man hört doch immer wieder, dass das Engagement prozentual zu allen Investitionen noch nicht besonders hoch ist?

Schneidemann: Das liegt vor allem an den begrenzten Investitionsmöglichkeiten. Die Bayerische als kleineres Unternehmen kann auch in kleinere Projekte gehen, die sich für die großen Unternehmen der Branchen einfach nicht lohnen würden.

Gibt es dabei bestimmte Auswahlkriterien?

Schneidemann: Wir halten uns, wie gesagt, an die UN-PRI-Richtlinien. Pangaea Life investiert zu 100 % in erneuerbare Energien, das schließt Investments in Kohle natürlich aus. Wir setzen hier etwa auf Windparks sowie Wasserkraft- und Solaranlagen. Auch Energiespeicher und Waldwirtschaft können dazu gehören. Aber wir beachten auch ethische Aspekte wie die, dass wir nicht in Länder investieren, die noch die Todesstrafe haben – also auch nicht in die USA.

Wirkt sich das auf die Preise aus?

Schneidemann: Im Kompositbereich haben wir in der Wohngebäudeversicherung Tarife, die ökologische Faktoren einbeziehen, beispielsweise ist im Schadenfall mitversichert, dass nur umweltfreundliche Materialien verwendet werden können. Bei der Kfz-Versicherung ist die E-Mobilität mitversichert. Dadurch sind diese Tarife marginal teurer.  

Und wie sieht die Nachfrage der Kunden aus?

Schneidemann: Der Lebensversicherungsbereich mit seinen nachhaltigen Investments in konkrete Projekte kommt gut an, im Kompositbereich würde ich mir noch mehr Nachfrage wünschen.  

Glauben Sie, dass das aktuell große Interesse am Klimaschutz anhalten wird oder ist zu befürchten, dass es irgendwann abflaut, wenn die Menschen sehen, dass das auch mit persönlichen Einschränkungen oder höheren Kosten verbunden ist?

Schneidemann: Ich bin ein Grundsatz-Optimist und glaube, dass das ein Megatrend ist, der sich nicht irgendwann totlaufen, sondern langfristig bestehen wird. Was sicher kommen wird, ist eine gewisse Versachlichung – auch wir nutzen ja, wie gesagt, trotz allem umweltpolitischem Engagement für Langstrecken weiterhin kein Hybridauto.