Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Fabian v. Löbbecke, Vorstandsvorsitzender von HDI Pensionsmanagement und im Vorstand der HDI Lebensversicherung AG für bAV verantwortlich

 

Erster Anstoß für das Sozialpartnermodell

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Vor knapp zwei Jahren ist das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) in Kraft getreten. Neben vielen Einzelpunkten brachte es vor allem eine Neuerung: Die „Nahles-Rente“, eine Betriebsrente, die tarifvertraglich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vereinbart werden soll und u.a. völlig auf Garantien verzichtet. Lange Zeit tat sich bei der Umsetzung konkret gar nichts, bis im Herbst die Talanx mitteilte, dass sie nun mit Ver.di die erste betriebliche Altersversorgung nach dem Sozialpartnermodell beschlossen habe. Mit Fabian v. Löbbecke, Vorstandsvorsitzender von HDI Pensionsmanagement und im Vorstand der HDI Lebensversicherung AG für bAV verantwortlich, sprach Versicherungspraxis24 darüber.

Das Betriebsrentenstärkungsgesetz ist am 1. Januar 2020 zwei Jahre in Kraft und die Talanx-Gruppe und Ver.di machen ihm sozusagen ein Geburtstagsgeschenk, indem an diesem Tag die gemeinsame Vereinbarung über das erste Sozialpartnermodell in Kraft tritt. Ist das Sozialpartnermodell dann doch nicht so unpraktikabel, wie es bisher eingestuft wurde?

v. Löbbecke: Ich bin zwar nicht abergläubisch. Aber ich finde, dass man Glückwünsche erst aussprechen sollte, wenn der Festtag gekommen ist. Deshalb möchte ich heute noch nicht von einem Geburtstagsgeschenk sprechen, wenn wir darüber reden, dass Talanx als deutschlandweit erster Arbeitgeber seinen Mitarbeitern das Sozialpartnermodell anbieten will. Doch zurück zu Ihrer Frage: Ich bin optimistisch, dass sich das Sozialpartnermodell als neue Form, eine Betriebsrente anzusparen, etablieren und verbreiten wird. Was wir bei Talanx planen, hat Modellcharakter und wird aufmerksam beobachtet. Eine Meinungsumfrage, die wir Mitte November 2019 unter 101 Teilnehmern des „Deutschen Arbeitgebertags“ in Berlin durchgeführt haben, hat gezeigt: Mehr als zwei Drittel sehen in unserem Vorhaben einen „wichtigen Praxistest“ für das Sozialpartnermodell. Die Grundhaltung gegenüber dem Modell ist wohlwollend. Drei Viertel der Befragten finden es „spannend“ oder „innovativ“.

Können Sie Näheres über die Details der Vereinbarung sagen?

v. Löbbecke: Wir handeln aktuell aus, wie das Angebot für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von Talanx konkret ausgestaltet sein wird. Nach Abschluss der Verhandlungen können wir gerne über Details sprechen.

Welche Voraussetzungen sind notwendig, um das Sozialpartnermodell konkret umzusetzen?

v. Löbbecke: Es gibt eine sachliche und eine emotionale Ebene. Rein faktisch ist ein Tarifvertrag erforderlich, in dem Gewerkschafts- und Arbeitgeberseite vereinbaren, dass sie ein Sozialpartnermodell einrichten wollen. Das kann ein Haus- oder ein Flächentarifvertrag sein. Ist der Vertrag unterschrieben, können alle Arbeitgeber, die im Geltungsbereich des Vertrages liegen, das Sozialpartnermodell in ihrem Unternehmen einführen. Der dritte Schritt ist, dass die Mitarbeiter von dem neuen Angebot auch Gebrauch machen und sich – sofern eine Wahlmöglichkeit besteht – entscheiden, eine Betriebsrente nach dem Sozialpartnermodell abzuschließen. Um dieses Ergebnis zu erreichen, müssen alle Beteiligten – Gewerkschaften, Arbeitgeber und Mitarbeiter – „ja“ zum Konzept der Zielrente sagen. Das ist der emotionale Teil. Der Gesetzgeber hat das Sozialpartnermodell als Ergänzung zur bewährten bAV geplant und deshalb bewusst auf Garantien verzichtet. Das ist für viele ungewohnt. Die Fakten sind eindeutig: Nach unseren Berechnungen ermöglicht das Sozialpartnermodell 30 bis 50 Prozent mehr Leistung als Lösungen der bewährten bAV. Mit 99-prozentiger Sicherheit fällt die Startrente im Sozialpartnermodell höher aus als die Garantierente bei einer herkömmlichen Betriebsrente. Möglich ist das, weil der Verzicht auf „teure“ Garantien die Renditechancen erhöht. Es geht aber nicht nur um Fakten, sondern auch um das Vertrauen, dass ein neues Konzept in der Praxis funktioniert. Deshalb ist es so wichtig, dass Talanx mit gutem Beispiel vorangeht.

Könnte Ihr Modell auch als Blaupause für andere Unternehmen dienen?

v. Löbbecke: Ja. Konkret ist geplant, dass die Zurich Gruppe Deutschland ihren Mitarbeitern nach dem Vorbild von Talanx ebenfalls das Sozialpartnermodell anbieten will. Das liegt nahe, weil Zurich neben Talanx ebenfalls Konsortialpartner von „Die Deutsche Betriebsrente“ ist, die das Sozialpartnermodell auch im Hause Talanx praktisch umsetzen soll.

Das Sozialpartnermodell ist ja Teil des BRSG, das daneben auch noch andere konkrete Veränderungen und Verbesserungen umfasst. Wie sieht das z.B. bei der ebenfalls immer wieder totgesagten Riester-Förderung aus?

v. Löbbecke: Die Riester-Förderung im Rahmen der bAV ist nicht neu, aber durch das BRSG erstmals praktisch relevant geworden. Früher lohnte sich dieser Förderweg für fast keinen Arbeitnehmer, weil die Beiträge aus dem Netto-Einkommen finanziert wurden und die spätere Rente trotzdem sozialversicherungspflichtig war. Mit dieser Doppelverbeitragung hat das BRSG endlich Schluss gemacht. Dadurch ist bAV mit Riester-Förderung für viele Arbeitnehmer zum effizientesten Weg geworden, eine Betriebsrente anzusparen.

Sie bieten ja seit Anfang 2019 ein bAV-Produkt mit „Förderhopping“ an, das dem Versicherten die Möglichkeit gibt, bei der Entgeltumwandlung zwischen einer Förderung nach § 3 Nr. 63 und 10a EStG zu wechseln. Was bedeutet das konkret?

v. Löbbecke: Es hängt von den Lebensumständen des Arbeitnehmers ab, ob er in der steuerfreien Entgeltumwandlung oder in der Riester-Förderung besser aufgehoben ist. Wichtige Faktoren sind zum Beispiel die Einkommenshöhe und die Kinderzahl. Das sind Parameter, die sich im Lauf des Lebens mehrfach ändern können. So kommt es, dass für Arbeitnehmer mal der eine, mal der andere Förderweg lohnender ist. Um jederzeit die höchstmögliche Förderung mitzunehmen, müssen die Menschen zwischen den Förderwegen hin- und herwechseln – oder, wie wir es nennen, Förder-Hopping betreiben. Damit sie dabei nicht mit mehreren Verträgen jonglieren müssen, hat HDI die Direktversicherungen mit flexibler Förderung entwickelt. Mit ihnen können Arbeitnehmer die steuerfreie Entgeltumwandlung und die Riester-Förderung in ein- und demselben Vertrag nutzen, beliebig oft wechseln und ihren laufenden Monatsbeitrag sogar auf beide Förderwege aufteilen.

Können Sie Beispiele nennen, für welche Versicherte und welche Lebenslagen sich die unterschiedlichen Varianten besser eignen?

v. Löbbecke: Ledige Job-Starter ohne Kinder fahren häufig mit der Riester-Förderung besser, weil sie dann Anspruch auf 200 Euro Berufseinsteigerbonus haben. Fällt dieser Bonus weg und steigt das Gehalt, kann die steuerfreie Entgeltumwandlung eine höhere Förderquote abwerfen. Gründet der Arbeitnehmer eine Familie, wendet sich das Blatt häufig erneut. Denn bei Riester gibt es für jedes Kind, das nach 2008 geboren wurde, 300 Euro Zulage pro Jahr. Steigt das Einkommen dann weiter, kann es sinnvoll sein, dass der Arbeitnehmer seinen Beitrag aufsplittet, um unter dem Strich die höchstmögliche Förderquote zu realisieren. Welcher Förderweg gerade mehr abwirft, können Arbeitnehmer – entweder gemeinsam mit ihrem Berater oder auch eigenständig – ganz einfach herausfinden: HDI stellt dafür mit dem bAV FörderFinder einen leicht bedienbaren Online-Rechner zur Verfügung.

Wie sieht das dabei mit der Maklerhaftung aus? Der Vermittler muss ja dokumentieren, dass er die bestmögliche Variante empfohlen hat – kann er dies bei diesem offenen Modell überhaupt?

v. Löbbecke: Absolut – wir haben bei den Direktversicherungen mit flexibler Förderung eine Best-Advice-Automatik eingebaut. Wenn sich der Vermittler in der Arbeitnehmerberatung entscheiden muss, ob er eine bAV mit Riester-Förderung oder mit steuerfreier Entgeltumwandlung empfiehlt, dann kann es passieren, dass der Kunde viele Jahre später feststellt, dass er mit der anderen Förderung besser gefahren wäre. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einem sogenannten Förderschaden. Das finanzielle Risiko ist erheblich. Einem Eckrentner, also einem Menschen mit durchschnittlicher Erwerbsbiografie, können bis zum Renteneintritt durch die Wahl des falschen Förderwegs bis zu 20.000 Euro verloren gehen. Staatliche Förderung kann man nicht rückwirkend beantragen. Da liegt es nahe, den Arbeitgeber oder den Berater in die Haftung zu nehmen. Wer ein Produkt empfiehlt, das dem Arbeitnehmer alle Möglichkeiten offen hält, ist rechtlich immer auf der richtigen Seite.