Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten (BdV)

Großer Nachholbedarf auf vielen Ebenen

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Seit einem Jahr prägt und beherrscht die Covid-19-Pandemie das gesellschaftliche und wirtschaftliche Geschehen in Deutschland und Europa. Davon sind nicht zuletzt die Menschen in ihrer Eigenschaft als Verbraucher betroffen. Mit Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten (BdV) sprach Versicherungspraxis24 darüber, wie Corona sich auf den Verbraucherschutz im Versicherungsbereich auswirkt und noch auswirken wird.

Wie beurteilen Sie die bisher absehbaren Veränderungen durch die Pandemie - lässt sich schon erkennen, wie sie sich auf die Versicherungswirtschaft auswirken wird?

Kleinlein: Im Augenblick ist es noch zu früh, um nachhaltige Veränderungen ableiten zu können. Die Finanz- und Versicherungsbranche war ja vorher schon durch die Niedrigzinspolitik angeschlagen - ob und in welchem Ausmaß es zusätzliche Auswirkungen geben wird, kann man erst erkennen, wenn das Insolvenzmoratorium ausläuft.  Wenn es dann beispielsweise bei Unternehmen zu Insolvenzen kommt, an denen Versicherer in Unternehmensanleihen investiert haben, könnte das wie ein Dominostein funktionieren. Der Wert der Unternehmen sinkt, als Folge wird das Rating herabgesetzt und die Solvenz des Versicherers, der hierin investiert hat, sinkt dann ebenfalls. So kann eine Insolvenz bei einem Autozulieferer dazu führen, dass letzten Ende auch ein Versicherer insolvent wird oder wenigstens mehr Eigenmittel vorhalten muss. 

Wann werden wir nach Ihrer Einschätzung klarer sehen, wer davon wie stark betroffen ist?

Kleinlein: Das Moratorium soll ja dieser Tage auslaufen, aber ich glaube, dass es erst nach der Bundestagswahl umfassende Klarheit geben wird. Wir brauchen eine klare Übersicht über die Solvenzsituation der Versicherungsunternehmen und ihre Ratings. Im Sommer soll es dazu wieder von uns eine Solvenzstudie der Versicherer geben. 

Was könnte denn im schlimmsten Fall passieren?

Kleinlein: Im schlimmsten Fall, wenn ein Lebensversicherer nicht mehr genügend Mittel hat, muss er die Garantien kürzen, wie das bei Riester- und Rüruprenten beim Eintritt in die Verrentung ja bereits der Fall ist. Und das heißt, am Schluss sind die Versicherten immer diejenigen, die zahlen müssen. Wir hatten ja im letzten Jahr schon den Fall, dass es Rekordhöhen bei den Dividenden und gleichzeitig Rekordkürzungen bei den Überschüssen gab. Das ist alles gesetzlich gedeckt. Solche Gesetze werden dann oft möglichst heimlich gemacht - so wie bei dem Glanzstück LVRG. Da wurden im Umfeld der Fußball-WM, als die Menschen alle abgelenkt waren, die Ansprüche der Kunden schnell weggekürzt. Wir haben dagegen natürlich Klage eingereicht, das Verfahren ist aber noch nicht abgeschlossen und endet wohl in Karlsruhe. Solche Verfahren sind ein mühsames Geschäft. Die BaFin, die dem Bundesfinanzministerium untersteht, ist dabei keine große Hilfe -  sie bzw. das Ministerium hat ja ein Interesse daran, dass die Versicherer dem Finanzminister die schlecht verzinsen Staatspapiere abkaufen. Dafür, dass diese sie im Namen ihrer Kunden aufkaufen und dass die Versicherten die Schulden der Versicherungsunternehmen zahlen müssen, interessiert sie sich anscheinend nicht. 

Wie sieht es denn mit der europäischen Ebene aus, ist diese eine Hilfe für die Verbraucher?

Kleinlein: Hier arbeiten wir bei Better Finance mit, einer Dachorganisation europäischer Verbraucherschutzorganisation im Bereich Investitionen und Finanzdienstleistungen, aktuell bin ich dort der Präsident. Wir arbeiten z.B. daran, dass es eine europäische Altersvorsorge geben wird, die PEPP, die nicht zwingend eine Versicherungslösung ist, wie es ja bei Riester- und Rürupversicherungen der Fall ist. Der große Fehler an den bisherigen nationalen Angeboten wie Riester- oder Rürup-Renten ist ja, dass die Verbraucher dadurch entmündigt werden, dass das angesparte Kapital letztlich zwangsläufig nur als Rente ausgezahlt werden kann, so als ob Menschen im Rentenalter, die ihr ganzes bisheriges Leben gemeistert haben, nicht fähig wären zu entscheiden, was sie mit ihrem Geld machen wollen. Da gibt es derzeit spannende Verhandlungen und Diskussionen. Auf jeden Fall werden in Brüssel ganz entscheidende Weichen für die zukünftige Altersvorsorge gestellt, auch durch die geforderte Nachhaltigkeit der Anlagen im Rahmen des „Green Deal“. Daran hat sich durch die Pandemie nichts geändert. 

Glauben Sie, dass es in Zukunft mehr grenzüberschreitende Angebote geben wird?

Kleinlein: Ich glaube, dass die grenzüberschreitende Altersvorsorge mit der neuen Europarente PEPP ein Treiber für ein stärkeres Europa sein kann. Die Bundestagswahl wird zeigen, wie sich die Parteien hier positionieren und ob es eine entsprechende Nachfrage der Wähler gibt. 

Liegt dabei die Zukunft eher bei den Versicherungsvereinen oder bei den großen Aktiengesellschaften?

Kleinlein: Ich sehe eine klare Konzentrierung hin zu den großen Versicherungsunternehmen und zu den großen Konzernen. Es ist ja nicht ohne Grund, dass die Allianz ihren nationalen Lebensversicherer als eigenständiges Unternehmen aufgibt und den Konzern zukünftig aus einem europäischen Blickwinkel heraus steuern will. 

Ein wichtiges Thema im Rahmen der Pandemie ist die Digitalisierung - wie beurteilen Sie hier die Entwicklung?

Kleinlein: Böse gesagt, manche Versicherungsunternehmen sind durch den Corona-Digitalisierungsschub jetzt endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Es gibt ganz klar viel nachzuholen, auch wenn wenige Unternehmen jetzt up-to-date sein mögen. Das Problem ist natürlich, dass schon alleine durch die vielen Unternehmenszusammenschlüsse mit unterschiedlichen IT-Systemen, die teilweise noch aus den 80er Jahren stammen, es eine große Vielfalt gibt, aus unterschiedlichen Zeiten und Unternehmensteilen. Diese Systeme zu vereinheitlichen ist eine Riesenherausforderung für die IT. Im letzten Jahr wurden hier einige Fortschritte gemacht, aber alles ist immer noch zu komplex, es gibt zu viele Tarife und sie werden kaum noch verstanden.

Was erwarten Sie an zukünftigen Entwicklungen - wird sich durch die Bundestagswahl etwas ändern?

Kleinlein: Das wird von der nächsten Regierungskoalition abhängen, beispielsweise beim Thema PKV. Dort herrscht seit acht Jahren ein absoluter politischer Stillstand. Generell gibt es in der Assekuranz insgesamt wenig klare Leuchtturmprojekte, an denen man ablesen kann, wo die Branche sich hinbewegen will, es fehlen die großen Impulse.

Ein Thema, mit dem die Branche in den letzten Monaten von sich reden machte, war die Betriebsschließungsversicherung. Wie beurteilen Sie hier die Entwicklung?

Kleinlein: Gewerbeversicherungen stehen zwar nicht so im Fokus des BdV, aber sie kann natürlich zu Dynamit für die Branche werden. Die rechtliche Ebene ist sicher schwierig, aber genau so wichtig ist der Vertrauensverlust auf der psychologischen Ebene, der sich auf die gesamte Branche, auch auf die Lebensversicherung, auswirken kann. Da ist letzten Endes die Politik gefragt, wie sie damit umgehen will - diese Grundlagenentscheidung ist eine Aufgabe für die nächste Legislaturperiode. Ich hoffe, dass sie erkennt, dass vor allem die Riesterrente tot ist und dass sie hier endgültig einen Schlussstrich zieht, das Vertrauen der Kunden darf nicht weiter absinken.