Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Dr. Carsten Zielke, dem Gründer und Geschäftsführer von Zielke Research Consult

 

Nachhaltiges Handeln wird zum Erfolgsfaktor

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Seit 2018 müssen börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern nach EU-Recht einen CSR-Bericht erarbeiten, mit dem sie Rechenschaft darüber ablegen, wie ökologisch und sozial verantwortlich ihr Betrieb ausgerichtet ist. Das gilt auch für Versicherungsgesellschaften. Zielke Research Consult hat jetzt zum zweiten Mal die CSR-Berichte von 41 Erst- und Rückversicherern daraufhin untersucht, wie umfassend und glaubwürdig sie dieser Aufgabe gerecht werden. Mit Dr. Carsten Zielke, dem Gründer und Geschäftsführer des Instituts, sprach Versicherungspraxis24 über die Ergebnisse und seine Erwartungen an die zukünftigen Entwicklungen.

Sie haben jetzt zum zweiten Mal einen Vergleich der Nachhaltigkeitsberichte von 41 Versicherern vorgelegt - sehen Sie gegenüber der Untersuchung von 2017 eine positive oder negative Tendenz?

Zielke: Insgesamt ist die Tendenz eher positiv, aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Geholfen hat uns, dass durch die ausführliche Presseberichterstattung über unsere Studie die Nachhaltigkeitsberichte langsam ernster genommen werden, der Einfluss der Öffentlichkeit ist doch hilfreich. So kamen viele Nachfragen von Seiten der Versicherer, was man besser machen könnte – aber es gibt natürlich immer noch Versicherungsunternehmen, die das als reine Pflichtübung begreifen. Ein positives Beispiel ist die Provinzial Nordwest. Im letzten Jahr war ihr Nachhaltigkeitsbericht noch eine reine Werbebroschüre, mittlerweile hat sie sich um 180 Grad gedreht - die Kritik ist also angekommen. Andere, wie die Versicherungskammer Bayern, sind dagegen abgerutscht oder zeigen, wie die Stuttgarter Leben, wenig Engagement, obwohl sie ein grünes Rentenprodukt anbieten.

Sie erwähnen im Vorwort, dass die Allianz und die Debeka den Bericht gesponsort haben, gleichzeitig sind das auch die beiden Spitzenreiter - sind Sie sicher, dass Sie das unabhängig ermittelt haben?

Zielke: Zu den Sponsoren gehörte auch die Rheinland Versicherung, die ziemlich weit unten rangiert. Wer mich bezahlt, erwirbt sich damit ein Recht auf ein Gespräch, bei dem ich im Vorfeld Tipps gebe, was das Unternehmen in der Präsentation besser machen kann, indem es z.B. Projekte im Bericht auflistet, deren Bedeutung es unterschätzt hat. Die Allianz engagiert sich unabhängig von unserer Studie schon länger im Nachhaltigkeitsbereich und bei der Debeka beeindruckten uns die sehr konkreten Angaben, wie sie den CO²-Ausstoß reduziert. Mit den vielen Details, die dort erwähnt werden, nimmt sie absolut eine Spitzenposition ein. Unsere Arbeit ist in diesem Punkt wie die von Ratingagenturen, wo es ja auch Public Ratings und beauftragte Ratings gibt.

Können Sie sich denn darauf verlassen, dass es stimmt, was in den Berichten steht?

Zielke: Wenn der Bericht falsche Tatsachen vorgibt, hat das Unternehmen ein Problem. Generell muss man auf das, was drinsteht, vertrauen können. Aber ich glaube nicht, dass die Versicherungsunternehmen uns falsche Informationen geben.

Wie würden Sie die Bemühungen der Versicherer um Nachhaltigkeit, so wie sie in den Berichten dokumentiert werden, einstufen?

Zielke: Generell ist die Branche etwas spät dran, insbesondere auch im Vergleich zu anderen Ländern wie Frankreich. Das wundert mich schon in einem Land, wo die Grünenbewegung entstanden ist. Und es ist jetzt die Frage, ob die ersten Ansätze zu mehr Nachhaltigkeit durch die Pandemie wieder in den Hintergrund gedrängt werden, weil jetzt die Wirtschaft im Vordergrund steht. Meine Hoffnung ist, dass die Versicherer bei dem in der bevorstehenden Rezession zu erwartenden Kampf um jeden Neu- und Bestandskunden verantwortungsbewusst vorgehen und nicht die Prämie das wichtigste Werbeargument ist, sondern dass sie die Frage in den Vordergrund stellen, warum es diese Pandemie überhaupt gab.  Dann wird man sicher zu dem Ergebnis kommen, dass sie Folge einer ins Extrem getriebenen Globalisierung war, bei der unnötig viel CO² emittiert wurde und dass man daraus Lehren ziehen muss. Aufgabe der Versicherer wird es sicher auch sein, die Kunden, die sich diese Zusammenhänge bewusst machen, zu begleiten - die Kämpfe fangen ja gerade erst an.

Haben Sie denn die Hoffnung, dass die Kunden das überhaupt wollen oder dass nicht doch wieder in erster Linie das Preisargument im Vordergrund steht?

Zielke: Ich glaube, die junge Generation lässt nicht los bei diesem Thema und das wird einen großen Einfluss auf die ältere Generation ausüben. Viele werden sich auch ihre nähere Umgebung genauer ansehen - beispielsweise das, was in der zunehmend industrialisierten Landwirtschaft mit ihrer Tendenz zu immer größeren Einheiten und Maschinen passiert. Ich hoffe darauf, dass die jetzige Pandemie ein Weckruf ist, die Welt nachhaltiger zu machen und entsprechende Projekte zu fördern. So ist jetzt hoffentlich jedem klar geworden, dass es weltweit eine Unterversorgung mit medizinischen Grundgütern gibt und die Versicherer sollten dies zum Anlass nehmen, umzudenken und dies in ihren CSR-Berichten darzustellen. Seit  Ende letzten Jahres müssen die Kunden bei der Beratung ja auch gefragt werden, ob sie bei einem Produkt auf Nachhaltigkeitsaspekte Wert legen. Die Auswertung der Ergebnisse kann eine erste Stütze sein. Generell muss man unterscheiden, ob nur ein Produkt „grün“ ist oder auch das Unternehmen - im Zweifel ist es mir lieber, wenn es andersrum ist, also vor allem das Unternehmen wirklich nachhaltig ausgerichtet ist.

Wirkt sich das Bemühen um mehr Nachhaltigkeit nach Ihren Beobachtungen schon ernsthaft auf die Produkte und die Kapitalanlagen aus?

Zielke: Die meisten Versicherer haben grundsätzlich begriffen, dass sie das Thema ernst nehmen müssen, wenn sie nicht vom Produktneugeschäft abgeschnitten werden wollen. Das zeigen auch Beispiele aus unserer Untersuchung. So hat der Münchner Verein z.B. seit der letzten Studie seine Kapitalanlagepolitik verändert und in entsprechende Fonds investiert. Aber insgesamt habe ich bisher nur wenig konkrete Beispiele dafür gesehen.

Die Regierungen werden nach dem Abklingen der Corona-Pandemie die Wirtschaft mit hohen Milliarden-Beträgen fördern. Dabei wird der Ruf lauter, dies unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien zu tun. Glauben Sie, dass das so kommen wird?

Zielke: Ich würde mir das wünschen. In der nächsten Studie über das Jahr 2019 werden wir auch CSR-Berichte von Banken einbeziehen. Einige von ihnen achten bereits jetzt bei der Kreditvergabe auf Nachhaltigkeitsaspekte - wenn die Regierung das nicht vorgibt, müssen die Banken das von sich aus machen. Es könnte sein, dass die Regierungen bestimmte Kriterien vorgeben, aber das Problem wird die Umsetzung sein - die KfW hat nicht genügend Leute, um zu beurteilen, wie nachhaltig ein Projekt oder ein Unternehmen wirklich ist. Stattdessen sind wir alle als Gesellschaft gefordert, darauf zu achten, wo und wie die Produkte hergestellt werden. Eine Kreditvergabe auf der Basis von echter Nachhaltigkeit gibt es aber bisher nur in Belgien und Frankreich.

Wäre es nicht besser, wenn diese ganzen Ansätze vereinheitlicht werden würden?

Zielke: Das Problem ist, dass es keine gemeinsame Definition gibt, was Nachhaltigkeit ist. Hier entwickelt sich das Problembewusstsein erst. Aber man könnte das Bemühen um Transparenz stärker honorieren. Generell können das die Banken vor Ort sicher am besten einschätzen. Man könnte beispielsweise offenlegen, wieviel Prozent für die Industrialisierung der Landwirtschaft ausgegeben wird und wer es finanziert, wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb immer größere Flächen und als Folge immer größere Trecker kauft. Wenn dies im CSR-Bericht veröffentlicht werden müsste, würde das schon Druck erzeugen.

Der Bund der Versicherten hat ja vor kurzem ein Modell für eine geförderte Altersvorsorge vorgelegt und dabei gefordert, dass die Förderung nur in nachhaltige Produkte fließen sollte. Was halten Sie davon?

Zielke: Wir sind uns nicht zu 100 Prozent einig, was wir als nachhaltig bezeichnen. Wenn der BdV nur neue Produkte Formen fördern will, limitiert das die Anlagemöglichkeiten, dafür ist der Markt recht eng. Unter Renditeaspekten ist es besser, wenn alte Anlageformen modernisiert werden, der Impact also auf der Frage liegt, wie man es schaffen kann, aus braun grün zu machen.  Das wäre auch sozial verträglicher.

Stichwort sozial - wir haben bisher nur von ökologischen Aspekten gesprochen. Wie sieht es eigentlich mit den sozialen Aspekten bei den CSR-Berichten aus?

Zielke: Vor der Pandemie spielten die ökologischen Aspekte die Hauptrolle. Jetzt dürfte das Soziale stärker gewichtet werden, beispielsweise die Frage, wie die Integration von körperlich Beeinträchtigten aussieht. Sind die Unternehmen hier wirklich aktiv oder befreien sie sich davon mit einer Abgabe? Oder wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus und ist die Arbeit im Homeoffice möglich? Auch die Förderung von lokalen Strukturen wird sicher ein größeres Gewicht bekommen. Und wenn in Zukunft unnötige Reisen vermieden werden, könnte das den CO²-Ausstoß senken. Meine Traum wäre es, dass die Finanzdienstleister mit ihrer Marktmacht die zirkuläre Wirtschaft bewusst fördern, beispielsweise indem sie z.B. Ladenlokale in den Innenstädten unterstützen, um so der Verödung der Innenstädte durch immer mehr Online-Handel entgegenwirken. Ich denke, dass sie dadurch auch für Bewerber und Berufsanfänger attraktiv werden, denn alleine durch die demografische Entwicklung müssen sie sich weiterhin um sie bemühen und ich gehe davon aus, dass unser ganzes Wirtschaftsleben sich verändern wird.