Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Alexander Schrehardt, Geschäftsführer Consilium Beratungsgesellschaft für betriebliche Altersversorgung mbH

 

Brigitte Hicker, Geschäftsführerin Assekuranzoom

Differenzierte Beratung statt vorgefasste Meinung

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

In dieser Woche wird die Tarifstudie „AssekuranZoom – die Grundfähigkeitentarife“ erscheinen. Sie ist die erste umfassende Marktstudie zu dieser Thematik und wurde von der Consilium Beratungsgesellschaft für betriebliche Altersversorgung zusammen mit dem Experten-Netzwerk betriebliche Altersversorgung erarbeitet. Mit den Geschäftsführern von AssekuranZoom, Alexander Schrehardt und Brigitte Hicker, sprach die Versicherungspraxis24 über die Aktualität der Thematik und erste Ergebnisse der Studie.

Frau Hicker, Herr Schrehardt, gibt es Gründe dafür, warum Sie sich gerade jetzt mit der Grundfähigkeitenversicherung befassen und dazu eine Studie erarbeitet haben?

Schrehardt: Wir beschäftigen uns schon seit 2016 intensiv mit dieser Thematik. Schon 2017 habe ich ein Buch darüber veröffentlicht. Einer unserer Schwerpunkte ist ja die Absicherung der Arbeitskraft und in diesem Zusammenhang stellen wir fest, dass es bei der Berufsunfähigkeitsversicherung immer häufiger zu vertraglichen Erschwernissen, z.B. zu Leistungsausschlüssen, aufgrund von Vorerkrankungen kommt, die den Abschluss erschweren. Dies hat sicher dazu beigetragen, dass die Grundfähigkeitenversicherung in den letzten Jahren verstärkt auf den Markt gekommen ist. Lassen Sie mich kurz ein Beispiel aufzeigen: Ich arbeite seit über 35 Jahren in der Versicherungsbranche. Vor 35 Jahren wurden psychische Erkrankungen als möglicher Faktor für eine Berufsunfähigkeit von den Versicherungsunternehmen noch nicht einmal in Betracht gezogen. 2017 verweist die Debeka in einer Pressemitteilung darauf, dass bei 41,8 % aller Leistungsfälle wegen Berufsunfähigkeit eine psychische Krankheit zugrunde liegt.

Der Abschluss einer Grundfähigkeitenversicherung setzt voraus, dass der Kunde bereit ist, sich umfassend mit dem möglichen Verlust von Körperfunktionen und Fähigkeiten zu befassen, auf physischer und psychischer Ebene. Sind die Verbraucher dazu wirklich bereit?

Schrehardt: Es muss nicht unbedingt der Verlust von Körperfunktionen sein. Schon eine halbseitige Lähmung als Folge eines Schlaganfalls oder eine Untersuchung beim Augenarzt, nach der Sie erst einmal nicht Autofahren dürfen, kann dazu führen. Und ein Verlust muss nicht dauerhaft sein. Es ist schon ausreichend, wenn der Versicherte temporär beispielsweise auf Krücken angewiesen ist. Wobei es unterschiedliche Lösungen der Versicherer für den Beurteilungszeitraum gibt. Sie reichen von sechs bis 36 Monaten und können durch die eindeutige Prognose eines Facharztes verkürzt werden. Es liegt also in erster Linie am Vermittler, wie er dieses Thema anspricht. Falsch wäre es sicher, wenn die Grundfähigkeitenversicherung nur für handwerkliche Berufe empfohlen wird. Auch ein Zahnarzt kann sich absichern oder selbst für einen Journalisten ist es sinnvoll, eine Absicherung von Grundfähigkeiten zu erwägen und den Funktionsverlust seiner bevorzugten Schreibhand abzusichern.

Welchen Stellenwert hat die Grundfähigkeitenversicherung in der Assekuranz und im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung – wird sie schon als Teil des Angebots akzeptiert oder eher als exotisch angesehen?

Schrehardt: Bei vielen Vermittlern hat sie eher den Charakter einer Ventillösung – sie wird dann empfohlen, wenn eine Berufsunfähigkeitsversicherung aufgrund von Vorerkrankungen nicht möglich ist. Diese Second-hand-Lösung wird der Grundfähigkeitenversicherung aber nicht gerecht, denn sie ist der Berufsunfähigkeitsversicherung   hochwertige Tarife vorausgesetzt   absolut ebenbürdig. Beide Lösungen haben ihre Stärken und Schwächen. So sind psychische Erkrankungen besser über die Berufsunfähigkeitsversicherung abgedeckt, während die Grundfähigkeitenversicherung im Leistungsfall eine Umorganisation im Betrieb nicht erforderlich macht, weil der Versicherungsfall nicht auf die berufliche Leistungsfähigkeit abstellt.

Was raten Sie dem Vermittler, wie er dieses Thema angehen sollte?

Schrehardt: Früher kam bei dem Wunsch des Kunden für die Absicherung der Arbeitskraft nur eine Berufsunfähigkeitsversicherung infrage. Heute sollte die Klammer weiter gesetzt werden und auch das Risiko der Pflegebedürftigkeit oder der Absicherung der Familie nach dem Tod des Haupt-Ernährers besprochen werden. Es gibt hier keine Ja-Nein-Situation. Der Entscheidung für ein Produkt sollte ein Prozess vorausgehen, in den der Kunde eingebunden wird. Der Vermittler hat die Aufgabe, die Unterschiede aufzuzeigen und gemeinsam mit dem Kunden herauszufinden, wo sich dieser persönlich wohler fühlt.

Sind nach Ihrer Einschätzung die Vermittler ausreichend über die Möglichkeiten einer Grundfähigkeitenversicherung informiert oder gibt es noch Defizite?

Schrehardt: Nein, das sind sie oftmals nicht. Das liegt auch an der Komplexität der Materie. In jeder Berufsunfähigkeitsversicherung ist der Leistungsauslöser nivelliert, das heißt, der Versicherte muss regelmäßig mindestens 50 % seiner beruflichen Leistungsfähigkeit verloren haben und eine Einkommenseinbuße nachweisen. Die Leistungsvoraussetzungen in der Grundfähigkeitenversicherung sind dagegen extrem unterschiedlich, und es ist für Vermittler sehr zeitaufwändig, diese alle zu kennen. Zentrales Thema der Studie sind deshalb die vielen wichtigen Details, die es zu erkennen gilt. Dazu kommt, dass der Beratungsprozess auch gewissenhaft dokumentiert werden muss.

Wie Sie bereits erwähnt haben, sind psychische Erkrankungen mit zunehmender Tendenz der Grund für eine Berufsunfähigkeit – wird dies bei den Angeboten für eine Grundfähigkeitenversicherung berücksichtigt?

Schrehardt: Teils, teils. Auf jeden Fall bewegen sich die Angebote der Gesellschaften bei weitem noch nicht auf dem Niveau der Berufsunfähigkeitsversicherung, die hier eindeutig die Nase vorne hat. Viele Anbieter machen noch keinen Vorschlag für psychische Krankheiten oder bieten nur die Absicherung der Risiken Schizophrenie und schwerer Depression an. Aktuell offeriert nur ein Anbieter eine umfassende Absicherung von psychischen Krankheiten, legt aber bei den Leistungsvoraussetzungen die Messlatte hoch auf.

Wie sieht denn nach den Ergebnissen Ihrer Studie das Angebot auf dem Markt überhaupt aus?

Hicker: Es gibt aktuell 15 Versicherer, die eine Grundfähigkeitenversicherung anbieten, weitere Anbieter werden in Kürze dazu kommen. Von diesen 15 haben wir neun ausgewählt, weil diese Tarife von den freien Versicherungsvermittlern angeboten werden können.

Und wie zufrieden sind Sie mit den Angeboten?

Hicker: Die Bandbreite reicht hier von 40 bis 95 %. Es gibt Angebote, bei denen die Kriterien in Raster aufgeteilt werden, das ist teilweise sehr kompliziert und geht zulasten der Verständlichkeit, für alle Beteiligten. Andere Tarife sind dagegen hierarchisch in Basis- und Komforttarife aufgeteilt. Das kann sinnvoll und auch gut begründet werden. Andere Unterteilungen beinhalten praxisferne Kriterien und entsprechen dagegen nicht der Realität. Insgesamt kann man sagen, dass die Ergebnisse bestätigen, dass die Tarife mehrheitlich in Ordnung sind. Wie überall gibt es Ausreißer nach oben und auch nach unten, aber auch Gesellschaften, die sich mit ihrem Tarifangebot deutlich vom Marktdurchschnitt abheben.

Und wie ist es um die Transparenz der Angebote bestellt?

Hicker: Auch in diesem Punkt sind die Tarife mehrheitlich gut aufgestellt und die AVB relativ transparent. Ausreißer sind die Ausnahme. Natürlich gibt es Details, die noch klarer hinterlegt werden können. Beispielsweise ist es besser, den Begriff PKW statt Auto zu verwenden, weil das definitionsgemäß alle Kraftfahrzeuge umfasst, oder sich nicht nur auf die Führerscheinklasse B zu beziehen, sondern auch die heute noch überwiegend vertretene Führerscheinklasse 3 einzuschließen. Generell kann man sagen, dass es für den Kunden besser ist, wenn die Vorgaben, wie viel er im Versicherungsfall noch leisten können muss, möglichst streng sind – denn dann sind die Chancen größer, dass er bei Nicht-Erreichen dieser Grenzen eine Rente bekommt.