Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Miguel Perez, Direktionsbevollmächtigter Kompetenzcenter Firmenkunden der Hallesche Krankenversicherung a.G.

 

Uwe Jüttner, Product and Carrier Manager Health Solutions Aon Versicherungsmakler Deutschland GmbH

 

Natalie Avi-Tal, Vertriebsdirektorin Corporate Health Solutions Maklervertrieb Kranken der Allianz Private Krankenversicherungs-AG

Größere Sensibilisierung für Gesundheitsangebote

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die betriebliche Krankenversicherung gibt es seit gut zehn Jahren, aber erst in letzter Zeit ist eine verstärkte Nachfrage nach ihr zu spüren. Mit den drei bKV-Experten Miguel Perez, Direktionsbevollmächtigter Kompetenzcenter Firmenkunden der Hallesche Krankenversicherung a.G., Uwe Jüttner, Product and Carrier Manager Health Solutions Aon Versicherungsmakler Deutschland GmbH, und Natalie Avi-Tal, Vertriebsdirektorin Corporate Health Solutions Maklervertrieb Kranken der Allianz Private Krankenversicherungs-AG, sprach Versicherungspraxis24 darüber, woran das liegt und wie nach ihren Erwartungen die zukünftige Entwicklung sein könnte.

Welche Bedeutung hat nach Ihren Erfahrungen die bKV aktuell und wofür wird sie eingesetzt, wenn sie angeboten wird?

Perez: Im Vergleich zu anderen Benefits ist die bKV noch nicht weit verbreitet. Es ist jedoch ein klarer Trend zu erkennen, dass die bKV sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Der Zuwachs an Unternehmen, welche eine bKV implementiert haben, lag im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr bei 28,5 %. Dies liegt unter anderem daran, dass die bKV gleich auf mehrere personalpolitische Herausforderungen und Ziele eine Antwort geben kann. Zum einen wird die Gesundheit der Mitarbeiter gefördert. Zum anderen erhöht ein betriebliches Gesundheitskonzept die Attraktivität des Unternehmens. Des Weiteren kann die Mitarbeiterbindung und -zufriedenheit gefördert werden. Der Wettbewerb um Fachkräfte und Auszubildende wird künftig noch härter werden. Deshalb entscheiden sich immer mehr Unternehmen für die Einführung einer bKV als Benefit. Hinzu kommt, dass eine Investition in die Gesundheit langfristig immer auch einen ökonomischen Nutzen mit sich bringt.

Was bietet sie, warum wird sie überhaupt nachgefragt?

Jüttner: Eine bKV bietet eine optimale Ergänzung des persönlichen Krankenversicherungsschutzes von gesetzlich und/oder privat krankenversicherten Mitarbeitern. Damit ermöglicht sie eine hochwertige Gesundheitsversorgung für ganze Belegschaften. Durch den Verzicht von Gesundheitsfragen wird jeder Mitarbeiter, auch für laufende Behandlungen, versichert. Im Falle eines krankheitsbedingten Fernbleibens können Mitarbeiter schneller an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Welche Bausteine gehören in der Regel zu einem bKV-Angebot?

Jüttner: Welche Bausteine ein Unternehmen anbieten möchte, ist u.a. davon abhängig, welche Ziele das jeweilige Unternehmen mit einer bKV verfolgt. Zu den bekannten Bausteinen wie z.B. einer ambulanten oder Zahn-Zusatzversicherung bieten immer mehr Versicherer jährliche Budgets zur freien Verwendung an. Hier erwirbt das Unternehmen für seine Mitarbeiter ein Gesundheitspaket, ohne sich für eine bestimmte Auswahl von Leistungsbausteinen zu entscheiden. Die Beschäftigten entscheiden selbst, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen möchten.

Was gilt es bei der Einführung einer bKV zu beachten?

Avi-Tal: Bei der Einführung einer bKV sollte man sich zunächst die Frage der Zielsetzung und der Zielgruppe stellen. Geht es um die Gewinnung neuer Mitarbeiter, die Bindung vorhandener Mitarbeiter oder um die Senkung krankheitsbedingter Fehlzeiten? Das sind unterschiedliche Ansätze, die je nach Prioritäten des Unternehmens zu unterschiedlichen Konzepten führen. Im nächsten Schritt kann man sich auch die Fragen stellen: Wie setzt sich die Zielgruppe zusammen, die ich mit der bKV erreichen möchte? Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Tätigkeit können geeignete Parameter sein. Die bKV kann dann entweder als erlebbarer Benefit im Alltag, als Absicherung von Notfällen oder eben zur Prävention beispielsweise durch Vorsorgeuntersuchungen eingesetzt werden.

Und wie sieht es steuerlich aus?

Avi-Tal: Die bKV kann als Sachbezug im Rahmen der 44 Euro pro Monat und Mitarbeiter - beziehungsweise ab dem 01.01.2022 50 Euro - gemäß § 8 Abs. 2 Satz 11 EStG steuer- und sozialversicherungsfrei gewährt werden. Alternativ kommt auch die Versteuerung durch Pauschalierung infrage. Zusätzlich können die Aufwendungen des Arbeitsgebers zur bKV natürlich als Betriebsausgabe im Sinne des § 4 Abs. 4 EStG gewinnmindernd angesetzt werden. Unabhängig von der Versteuerung der Beiträge gilt, dass die Leistungen einer bKV nach § 3 Nr. 1a EStG steuerfrei sind und somit keine nachgelagerte Versteuerung beim Arbeitnehmer erfolgt.

Aber was ist, wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt bzw. zu einem anderen wechselt oder in Rente geht?

Jüttner: Für den Fall, dass ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt oder sich in den Ruhestand verabschiedet, sollte - sofern es nicht in den Tarif- oder allgemeinen Versicherungsbedingungen vorgesehen ist - in jedem Fall bei Vertragsabschluss einer bKV ein Weiterversicherungsrecht vereinbart werden. Das ist schon alleine aus dem Grund von Wichtigkeit, weil sich der ausscheidende Mitarbeiter z.B. durchaus in einer laufenden (stationären) Behandlung befinden kann. Aus dem Gedanken der Fürsorge, ist es also sinnvoll, dass ein Weiterversicherungsrecht bei Ausscheiden eines Mitarbeiters besteht. Es gibt aus Unternehmenssicht aber durchaus auch Überlegungen genau darauf zu verzichten. Als Grund wird hierfür oftmals die Mitarbeiterbindung genannt. Mit einem bestehenden Weiterversicherungsrecht sehen Unternehmen dieses Ziel einer Mitarbeiterbindung gefährdet, weil dadurch das besondere Benefit verloren geht.

Ist die bKV auch zu Zeiten von Corona mit Kurzarbeit und drohenden Entlassungen ein wichtiges Thema?

Avi-Tal: Insbesondere in der aktuellen Situation hat sich das Thema Gesundheit im Unternehmen zunehmend zu einer zentralen Aufgabe entwickelt. Das gilt für Unternehmen und Mitarbeiter gleichermaßen, da sich beide zunehmend mit dem Thema Gesundheit beschäftigen. Die bKV trifft den Nerv der Zeit und adressiert das Thema Gesundheit einerseits, ist anderseits auch eine Option für Arbeitgeber “Danke zu sagen” und darüber hinaus eine kostengünstige Möglichkeit ein Zeichen zu setzen. Auch die Option, den sogenannten Corona-Bonus als Sachbezug in Form von bKV zu nutzen, kann ein sehr guter Ansatz in der aktuellen Situation sein und vereint Wertschätzung und Fürsorge.

Hat die Corona-bedingte Situation die Sicht auf das Thema bKV verändert?

Perez: Wir beobachten, dass gerade jetzt in der Pandemie die Arbeitgeber sich verstärkt nach Lösungen zur bKV erkundigen. Das liegt nicht nur daran, dass das Bewusstsein bei den Menschen zum Thema Gesundheit und Sicherheit gestiegen ist. Unternehmen überprüfen angesichts der aktuellen Situation ihre bestehenden Benefits. Denn viele Leistungen können von den Mitarbeitenden aufgrund der Einschränkungen am Arbeitsplatz oder weil sie von zu Hause aus arbeiten nicht mehr so genutzt werden, wie man es sich bei Einführung erhofft hatte. Da sind flexible Benefits gefragt, welche sich an den unterschiedlichen und wechselnden Lebenssituationen der Mitarbeitenden ausrichten und an deren sich verändernde Bedürfnisse anpassen. An dieser Stelle hat die bKV ihre Vorteile. Sie ist klar im Leistungsversprechen und kommt bei einer Vielzahl an Mitarbeitern auch wirklich direkt an. Denn über alle Lebens- und Berufsphasen hinweg kommen Mitarbeiter mit dem Thema Gesundheit, aber auch Krankheit mittelbar oder unmittelbar in Berührung.

Welche zukünftige Entwicklung erwarten Sie bei der bKV?

Jüttner: Die bKV ist etwas mehr als zehn Jahre alt und gehört neben der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) bereits zu einer der wichtigsten “Säulen” im Bereich der betrieblichen Versorgungssysteme (bVS). Wer die Anfänge der bKV kennt, stellt aktuell fest, dass sich in der bKV, gerade was die Produktentwicklung betrifft, in den letzten Jahren ein sehr dynamischer Markt entwickelt hat. So unterscheiden sich mittlerweile die Rahmenbedingungen einer bKV sehr stark von denen eines Privatkundengeschäftes. Das ist auch gut und richtig, weil sich betriebliche Versorgungskonzepte auf den Bedarf von Unternehmen ausrichten müssen. So wurden bKV-Konzepte bereits mit sinnvollen Assistance-Leistungen wie z.B. der Facharzt-Terminservice oder die ärztliche Videoberatung ergänzt. Doch gerade was die jüngeren Generationen betrifft, werden digitale Services in den Versorgungskategorien Prävention, wie Fitness & Bewegung, Diagnose, z.B. Symptom-Checker, Informationen über ein Gesundheitsportal, Behandlung beispielsweise von Suchterkrankungen und Verwaltung (z.B. Rechnungs-App) immer wichtiger werden. Diese werden zwar bereits heute schon angeboten, sind jedoch im Vergleich zu den Zugangsmöglichkeiten, die eine privat krankenvollversicherte Person bereits heute in Anspruch nehmen kann, im Umfang einer bKV noch zu gering. Versicherer werden in Zukunft vermehrt digitale Services im Rahmen eines bKV-Gesundheitskonzeptes anbieten müssen, damit sie im Wettstreit als Anbieter für jüngere Generationen weiter bestehen bleiben können und somit dem Megatrend der Digitalisierung im Rahmen einer bKV Rechnung getragen wird.