Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Mathias Tröger, Kundenberater bei GGW Versorgungsmanagement GmbH in Hamburg

 

Starkes Interesse an der neuen bAV-Welt

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Am 1. Januar ist das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) in Kraft getreten. Es wird vor allem mit seinem Kernstück, dem Sozialpartnermodell, in Verbindung gebracht, bei dem die Tarifpartner eine betriebliche Altersversorgung per Tarifvertrag für die gesamte Branche vereinbaren können. Nichttarifgebundene Unternehmen und ihre Mitarbeiter können vereinbaren, dass diese Tarifverträge auch für sie gelten sollen. Daneben hat das BRSG aber noch einen zweiten Teil, der verschiedene Neuerungen mit sich bringt. Vermittlern eröffnet sich dadurch ein interessantes neues Beratungspotenzial, wie Mathias Tröger, Kundenberater bei GGW Versorgungsmanagement GmbH deutlich macht. 

Seit dem 1. Januar ist das Betriebsrentenstärkungsgesetz in Kraft – spielt das in Ihrer Beratungstätigkeit bereits eine Rolle?

Tröger: Auf jeden Fall, es wird stark nachgefragt von den Kunden, unabhängig davon, ob sie tarifgebunden sind oder nicht. Unsere Ansprechpartner in den Geschäftsleitungen und den Personalabteilungen werden von uns bereits seit Mitte letzten Jahres informiert. Das Verständnis für die Änderungen ist dabei eher verhalten. Die meisten Kunden rechnen mit einem deutlichen Anstieg des Verwaltungsaufwands. Aus diesem Grund sehen wir uns im Besonderen gefordert, Verwaltungsprozesse für den Kunden zu optimieren bzw. zu übernehmen. Fraglich ist z.B. die Einbindung des Arbeitgeberzuschuss in die reinen Entgeltumwandlungsverträge. Können Altverträge erhöht werden? Müssen Ergänzungsverträge mit Kleinstbeiträgen eingerichtet werden? Soll der bestehende Beitrag der Höhe nach gleich bleiben, wobei der Arbeitgeberzuschuss dann zu einer geminderten Entgeltumwandlung führt?

In der Öffentlichkeit wird das BRSG ja vor allem mit dem Sozialpartnermodell identifiziert – wieweit spielt das nach Ihren Erfahrungen eine Rolle?

Tröger: In der Beratung stellen wir fest, das viele Punkte derzeit vermischt werden. Daher zeigen wir jedem Kunden unabhängig von einer eventuellen Tarifbindung auch die Eckdaten des Sozialpartnermodells auf. Unsere nichttarifgebunden Unternehmen kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass eine freiwillige Anbindung an das Sozialpartnermodell nicht in Frage kommt. Zum einen wird der Sicherungsbeitrag als unkalkulierbares Risiko eingeschätzt, zum anderen bietet das  Garantiemodell weiterhin bessere und firmenspezifischere Lösungen, um die Arbeitnehmerversorgung zu gestalten. Individuelle Konzepte zur Stärkung der Arbeitgebermarke bleiben daher dem Garantiemodell vorbehalten.      

Wie beurteilen Sie das BRSG aus Ihrer Beratersicht insgesamt?

Tröger: Es ist sicher der gravierendste Einschnitt in die betriebliche Altersversorgung seit dem Altersvermögensgesetz. Der spezialisierte BAV-Berater wird sich noch deutlicher vom klassischen Versicherungsberater abgrenzen können. Insofern sind die teils komplizierten gesetzlichen Vorgaben Fluch und Segen zu gleich. Förderlich ist jedoch die Aktualisierung des BMF-Schreiben zur steuerlichen Förderung der betrieblichen Altersversorgung vom 6. Dezember 2017, das in einigen Punkten für Klarheit aus Sicht der Finanzverwaltung gesorgt hat. Auch der verpflichtende Arbeitgeberzuschuss bietet bei vielen Kunden neue Beratungsansätze. Wir stellen dabei fest, dass Firmen mit einem bestehenden Arbeitgeberzuschuss den neuen gesetzlichen Zuschuss aufgreifen und diesen ergänzend zum bisherigen Zuschuss leisten. Die Attraktivität der Versorgung wird für die Arbeitnehmer deutlich verbessert. Positiv ist auch die klare Positionierung der Bundesregierung zur betrieblichen Altersversorgung. 

Wie sehen Sie generell das Interesse am BRSG von Seiten der Arbeitnehmer und Arbeitgeber?

Tröger: Von Seiten der Arbeitgeber besteht ein sehr großes Interesse am BRSG. Viele wollen sich Klarheit verschaffen, um die Auswirkungen für das Unternehmen abschätzen zu können. In der näheren Betrachtung verspüren wir ein Aufatmen vor allem bei den nichttarifgebunden Unternehmen, da diese vielfach lediglich kleine Anpassungen an dem bestehenden Versorgungssystem vornehmen müssen.    Das Interesse der Arbeitnehmer ist je Arbeitgeber sehr unterschiedlich. Nutzt der Arbeitgeber den gesetzlichen Zuschuss und erhöht die Förderung der Entgeltumwandlung, ist in viele Unternehmen eine Steigerung des Interesses an der Versorgung festzustellen. Für viele, die bisher zurückhaltend waren, ist das BRSG der ausschlaggebende Impuls. Wichtig ist auch der Freibetrag bei der Grundsicherung, der u. E. auch längst überfällig war. Das ist ein richtiger Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit.

Ein wichtiger Bestandteil des BRSG ist ja das Sozialpartnermodell, das Arbeitgeber und Gewerkschaften unter sich ausmachen können, ohne externe Berater einzubeziehen. Wie beurteilen Sie dieses Modell?

Tröger: Das Modell wird seinem Namen nicht gerecht. Ich frage mich, was an diesem Modell sozial sein soll? Dass der Arbeitnehmer keine planungssichere Mindeslleistung erhält? Dass im Sozialpartnermodell keine Kapitalabfindung gezahlt wird? Oder dass der Arbeitgeber statt der Einstandspflicht nun einen Sicherungsbeitrag leisten soll? Wir sind sehr gespannt auf die ersten Branchenlösungen, rechnen jedoch nicht vor 2019 mit den ersten Tarifverträgen

Wie wird sich die das Sozialpartnermodell auf die bisherigen Modelle der betrieblichen Altersversorgung auswirken – gibt es da eine Konkurrenz oder eine Ergänzung?

Tröger: Auch das bleibt abzuwarten. In den nicht-tarifgebundenen Unternehmen wird ein individuelles Versorgungssystem ein entscheidender Baustein sein, um sich als Arbeitgeber gegenüber tarifvertraglichen Arbeitgebern zu positionieren. Die bisherigen Garantiemodelle bieten dafür eine Vielzahl von Versorgungsvarianten, mit unterschiedlichsten Tarif- und Finanzierungsmodellen. Tarifgebundene Unternehmen sollten die verbleibende Zeit nutzen, um die gesetzlichen Unterschiede der beiden Modelle gegeneinander abzuwägen. Auf die passende Branchenlösung zu warten ist nicht zu empfehlen, wenn unternehmenspezifische Impulse gesetzt werden sollen, vorausgesetzt, dass bestehende Tarifverträge eigene Versorgungssysteme zulassen. Ob Garantie- und Sozialpartnermodell parallel zur Anwendung kommen, ist derzeit nicht abschätzbar. Denkbar ist eine gehaltsabhängige, arbeitgeberfinanzierte Branchenlösung im Sozialpartnermodell in Kombination mit einer Lösung im Garantiemodell zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Entgeltumwandlung des Arbeitbnehmers. Fraglich ist auch, welche Rolle der neue § 3 Nr. 55 EStG dabei spielen wird.    

Sie haben ja bei unserem Partner, dem CAMPUS INSTITUT in Oberhaching, eine Weiterbildung zum Betriebswirt für betriebliche Altersversorgung gemacht – hilft Ihnen das konkret bei der Beratung?

Tröger: Absolut. Eine spezifische Aus- und Weiterbildung in diesem facettenreichen Bereich ist für eine nachhaltige Beratung ausschlaggebend. Der Betriebswirt hat mir in meiner täglichen Praxis sehr geholfen.