Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Julian Teicke, Mitbegründer und CEO von wefox

Mehr Erfolg durch Teilen

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Gut zwei Jahre nach ihrer Gründung hat sich die Serviceplattform FinanceFox in wefox umbenannt und gleichzeitig bekanntgegeben, dass sie jetzt auch in Österreich als drittem Land nach der Schweiz und Deutschland tätig werden will. VersicherungsPraxis24 sprach mit Julian Teicke, Mitbegründer und CEO des Startups, über die Gründe der Umbenennung.

Sie haben u.a. zusammen mit Ihrem Vater vor zwei Jahren FinanceFox gegründet – jetzt firmieren Sie das Unternehmen um. Ist es für den Markenaufbau nicht viel zu früh, wenn Sie jetzt bereits seinen Namen ändern, bevor es sich richtig auf dem Markt etabliert hat?

Teicke: Wir haben uns für die Umfirmierung zu einem zugegeben frühen Zeitpunkt entschieden, weil der Community-Gedanke bereits im Namen deutlich herauskommen soll. Wir wollen wefox als unabhängige Serviceplattform für digitale Versicherungsdienstleistungen international etablieren, von der Endkunden, Makler und Versicherungsgesellschaften in gleichem Maß profitieren. Im „we“ steckt der Kern unserer Marke. Mit mehr „we“ und weniger „finance“ im Namen können wir den partnerschaftlichen Approach besser transportieren.

Finden Sie, dass wefox wirklich ein aussagekräftiger Firmenname ist?

Teicke: Absolut. Mit wefox können wir eine starke Identifikation mit unseren Zielgruppen erreichen und ein positives Erlebnis von Versichern ohne Frust vermitteln. wefox ist ein Hub, der Versicherungsdienstleister ins digitale Zeitalter bringt. Ich glaube an den Erfolg der Community, denn nicht ein Einzelner wird die Herausforderungen in unserem Markt lösen, sondern wir gemeinsam. Unser Credo ist, dass wir uns gemeinsam viel besser entwickeln, weil wir mit anderen teilen und dadurch unsere Potenziale besser ausschöpfen können. Diese Idee können wir mit wefox sehr gut vermitteln.

Und was sagen Ihre Investoren dazu? Nach Ihren eigenen Angaben haben Sie von Ihren Investoren aus Hongkong, den USA und Russland insgesamt 33,5 Mio. US-Dollar erhalten und liegen damit an der Spitze aller Insurtechs. Bis wann müssen Sie in die Gewinnzone kommen?

Teicke: Unsere Investoren unterstützen den Ansatz der starken Gemeinschaft, den wir mit dem neuen Namen noch besser versinnbildlichen und welcher uns helfen soll, unsere qualitativen und quantitativen Ziele zu erreichen. Das Funding erlaubt es uns, alle Aktivitäten auf Wachstum auszurichten – Wachstum in allen Dimensionen. Das heißt für uns, dass wir im ersten Schritt die Anzahl der Makler steigern, die unsere Systeme nutzen und ihre Kunden über unsere Plattform betreuen. Natürlich wollen wir so schnell wie möglich in die Gewinnzone.

Wie werden die eigenen Online-Kunden dabei beraten?

Teicke: Die Kunden werden direkt nach der Registrierung via Web/App von unserem Service-Team kontaktiert. Jeder Neukunde wird in dem Begrüßungstelefonat gefragt, ob er bislang einen Makler seines Vertrauens hat. Ist dieses nicht der Fall, werden die Kundendaten bei der Versicherungsgesellschaft angefragt und in das digitale Frontend, also Web/App, übertragen. Sobald der Neukunde eine qualifizierte Beratung wünscht, wird er an einen bei wefox angebundenen Makler vermittelt.

Wie viele Makler und wie viele Privatkunden betreuen Sie aktuell?

Teicke: Mittlerweile sind es mehr als 110.000 Kunden und mehr als 360 Makler.

Und wo wollen Sie hin?

Teicke: Wir haben keine konkrete Anzahl von Kunden und Maklern festgelegt. Als Europas größtes InsurTech-Unternehmen ist wefox auf Expansionskurs, auch bei der Anzahl von Kunden und Maklern.

Sprechen Sie alle Makler an oder wird Ihr Angebot nur von jüngeren nachgefragt?

Teicke: Bei den Maklern erreichen wir alle Altersgruppen. Entscheidend ist, dass sie unabhängig und nicht gebunden sind. Wenig überraschend ist, dass sich die Jüngeren für neue Technologien aufgeschlossener zeigen, sie haben weniger Berührungsängste. Die Älteren erreichen wir über das Thema, wie die Nachfolge mit modernster Technologie rechtzeitig und effizient organisiert werden kann. Hier überzeugen wir mit der Unterstützung bei der Kundendatenaufbereitung. Die an einem Ort gebündelte und digitale Verwaltung der Kundendaten wertet den Bestand enorm auf, was sich bei der Unternehmensbewertung auszahlt.

Was bieten Sie den Maklern aktuell an?

Teicke: Die wefox-Serviceplattform beinhaltet ein CRM-System, das auf der renommierten Salesforce-Technologie basiert. Damit ist auch eine automatisierte Datenanalyse und Identifizierung von Umsatzpotenzialen im Bestand möglich. Das wefox-Backoffice bietet bei einfachen Kundenanfragen einen zentralisierten First-Level Support an, der sowohl schriftliche als auch telefonische Kundenanfragen im Auftrag des Maklers annimmt. Darüber hinaus kann der Makler administrativen Support bei komplizierteren Anfragen durch den lokalen Sales-Support erhalten. Über das Kundenportal hat der Makler jederzeit Zugriff auf alle relevanten Kundendaten und die Kommunikation.

Und wie werden die Makler vergütet bzw. was zahlen sie für den Service?

Teicke: Sie erhalten 100 % der Bestandscourtage auf übertragene Verträge sowie 70 % bis 90 % der Courtage von aufgebündelten und neu abgeschlossenen Verträgen während der Kooperation.

Planen Sie Erweiterungen?

Teicke: Bisher haben wir uns auf das Privatkundengeschäft konzentriert. Dabei bieten wir vor allem Sachversicherungen wie Haftpflicht-, Kfz- und Hausratversicherungen an, aber auch Lebens-, Risiko-, Pflege-, Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherungen. Wir bereiten eine Erweiterung auf Gewerbekunden vor.

wefox fährt ja zweigleisig – zum einen ist es ein eingetragener Makler, der für Privatkunden tätig wird, zum anderen eine Art Pool, der Maklern Dienstleistungen anbietet. Ist das eine saubere Lösung?

Teicke: Ja, das geht. Unser Fokus liegt darauf, das Geschäft von Maklern zu unterstützen, indem über die wefox-Plattform die Kundenbindung erhöht und administrative Aufwände reduziert werden. Unsere Dienstleistung für Makler geht deutlich über das hinaus, was Makler von Pools gewohnt sind. Wir führen dem Makler Kunden zu und werten seinen Bestand durch die Erhöhung der Vertragsbündelungsquote auf. Für die Kundenberatung stellen wir ein Kundenportal via App und Website zur Verfügung. Modernste CRM-Systeme erleichtern die Kundenverwaltung. Der Endkunde gehört immer dem Makler. Einfache Kundenanfragen kann auf Wunsch unser First-Level-Support für den Makler erledigen. Ein Terminierungsservice inklusive Vorbereitung der Termine kann ebenfalls genutzt werden. In der Spitze erreichen wir Kundenkontakte in zweistelliger Höhe am Tag pro angebundenem Makler. Alle Aktivitäten, die wir im Auftrag des Maklers durchführen, sind transparent und nachvollziehbar. Darüber hinaus profitieren Makler von der Neukundenakquise, die wir finanzieren und durchführen. Der reine Onlinekunde wird bei Standardprodukten durch unser qualifiziertes Serviceteam beraten und betreut. Wenn ein Kunde eine persönliche Beratung wünscht, wird er an einen angebundenen Makler vermittelt, sodass wir im Endeffekt nur qualifizierte Anfragen bei unseren Makler-Partnern platzieren.

Mit Dennis Just, dem Gründer von Knip, haben Sie bei DeinDeal zusammengearbeitet. Sehen Sie ihn heute als einen Ihrer schärfsten Konkurrenten?

Teicke: Keineswegs, denn wir verfolgen ein anderes Geschäftsmodell. Wir sind kein digitaler Makler und sehen uns nicht als Konkurrenz zu Maklern. Im Gegenteil: Bei uns steht der partnerschaftliche Gedanke im Vordergrund. wefox ist eine Serviceplattform, die Endkunden und Makler zusammenbringt. wefox führt Maklern auch Neukunden zu. Damit unterstützen wir Makler in dem digitalen Wandel und bieten ihnen einen modernen Kommunikationskanal mit ihren Kunden. Außerdem erhalten Makler durch das wefox-Backoffice administrativen Support mit zahlreichen Leistungen, von Vertriebsunterstützung, exklusiven Produkten bis hin zu einem umfassenden CRM-System zur zentralen Kundenverwaltung.

Zu Jahresbeginn haben 26 Insurtech-Unternehmen die „Berliner Digital-Erklärung“ verabschiedet, in der die Versicherer aufgefordert wurden, bei der Bestandsübertragung schneller zu werden. Nur Ihr Unternehmen war nicht dabei – warum?

Teicke: Die Erklärung, die inhaltlich grundsätzlich richtig ist, kam zu früh und formulierte die Verpflichtungen auf Seiten der InsurTechs nicht ausreichend. Auch in diesem Punkt verfolgen wir einen partnerschaftlichen Ansatz. Unser Ziel ist es, nicht zu fordern, sondern mit den Erstversicherern gemeinsam Innovationen anzustoßen und Lösungen zu entwickeln. Wir beobachten, dass die Erstversicherer selbst ein sehr großes Interesse an Verbesserungen haben. Denn die fragmentierte IT-Landschaft, mit der sich die Gesellschaften auseinandersetzen müssen, bindet viele Ressourcen und blockiert Zukunftsprojekte. In den vergangenen Monaten haben wir mit großen Versicherern gesprochen und innovative Projekte initiiert. Die über die wefox-Plattform abgewickelten Prozesse erreichen einen sehr hohen Automatisierungsgrad. Schließlich können die Erstversicherer ihre Prozesskosten im Bereich der Bestandsverwaltung und der Schadenbearbeitung deutlich senken. Damit werden wir zum Innovationspartner für die Gesellschaften. Mit uns können die Versicherer den Maklermarkt sehr viel effizienter bearbeiten und erhalten gleichzeitig mehr Transparenz über ihre Maklerbeziehungen.

Es ist ja eher selten, dass Vater und Sohn gemeinsam ein Startup gründen. Wie kamen Sie beide auf diese Idee? Funktioniert das wirklich?

Teicke: Mein Vater ist seit 30 Jahren in der Versicherungswirtschaft tätig und hat versucht, mich für diese Branche zu begeistern. Doch ich wollte in die Welt der Startups. Die Geschwindigkeit der Veränderung faszinierte mich. Die digitale Welt interessierte mich seit jeher mehr. Irgendwann stellten wir fest, dass unsere Erfahrungen sehr gut zusammenpassen, um ein bahnbrechendes Geschäftsmodell auf den Weg zu bringen. Uns war schnell klar, dass wir mit der Kombination aus Old Insurance Economy und New Economy eine echte Win-Win-Win-Situation für Endkunden, Makler und Versicherer erzeugen können.

In einem Interview haben Sie erwähnt, dass Sie auf Holakratie als Führungsmodell setzen und dazu beitragen wollen, dass es „in 60 Jahren nicht mehr okay sein (soll), dass einzelne Manager aufgrund ihrer Autorität für sich das Recht einnehmen, die Integrität, die Ehre und den Stolz von Leuten um sich einfach zu zerstören – einfach weil sie das können.“ Stehen Sie noch zu dieser Aussage und glauben Sie, dass Sie es schaffen werden, das mit wirtschaftlichem Erfolg zu verbinden?

Teicke: Dazu stehe ich weiterhin. Ähnlich wie in der Versicherungsindustrie, die derzeit einen digitalen Aufbruch erlebt, werden wir in der Arbeitswelt in den nächsten Jahrzehnten grundlegende Veränderungen und neue Organisations- und Managementformen erleben. Holakratie als Organisationsmodell zeichnet sich durch einen solidarischen Führungsstil aus, der im Gegensatz zu den traditionellen Formen der Unternehmensführung auf einer verteilten Entscheidungs- und Handlungsbasis fußt. Jeder Mitarbeiter übernimmt eine explizite Rolle und weiß, wofür er gegenüber den anderen verantwortlich ist. Damit verteilt sich die Verantwortung auf mehrere Schultern. Die Fokussierung auf einen einzelnen Manager ist passé. Im Idealfall ist jedem Mitarbeiter klar, warum er etwas macht. Das macht zufrieden und stolz. Ich habe erlebt, dass damit die Produktivität steigt und das Potenzial viel besser ausgeschöpft werden kann. Mit dieser Organisationsform kommen wir weg vom ICH und forcieren das WIR. Damit schließt sich der Kreis zur Umbenennung in wefox.