Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Bernd Richter, Verantwortlicher für den Bereich Echtzeit-Zahlungsverkehr bei dem  Finanztechnologiedienstleister FIS Global 

Ohne verlässliche Regeln geht es nicht

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die sich auftürmenden staatlichen Schulden als Folge der Corona-Pandemie lösen bei vielen Menschen Sorgen über die Zukunft des Finanzsystems aus. Als eine der möglichen Fluchtmöglichkeiten gelten Kryptowährungen. Mit Bernd Richter, der bei dem  Finanztechnologiedienstleister FIS Global den Bereich Echtzeit-Zahlungsverkehr verantwortet, sprach Versicherungspraxis24 darüber, was Kryptowährungen leisten können und was nicht, ob sie sich wirklich als Vermögensanlage eignen und welche Alternativen es gibt.

Herr Richter, wie kann man Kryptowährungen möglichst einfach definieren?

Richter: Es handelt sich dabei ursprünglich um einen Echtzeit-Zahlungsverkehr von Person zu Person, der ausschließlich über das Internet abgewickelt wird, durch eine Verschlüsselung geschützt ist und keiner Kontrolle und Aufsicht durch die Zentralbank unterliegt. Aktuell kann man sonst ja nur per Cash von Person zu Person Zahlungsvorgänge außerhalb des Bankensystems abwickeln, früher gab es noch Schecks, aber die wurden aus Kostengründen faktisch abgeschafft. Das Problem ist allerdings die hohe Volatilität des Werts, sodass sich Kryptowährungen nicht wirklich für den regulären, verlässlichen Zahlungsverkehr eignen. Der Wert wird maßgeblich von Angebot und Nachfrage bestimmt und unterliegt teilweise massiven Wertschwankungen. Damit werden Kryptowährungen nach dem jetzigen Stand vornehmlich als spekulative Kapitalanlage genutzt.

Die spanische Kaufhauskette El Corte Inglés hat jetzt gerade angekündigt, Zahlungen in Kryptowährung anzunehmen - ist das ein erster Versuch, sie doch als Zahlungsmittel salonfähig zu machen?

Richter: Ich halte das in erster Linie für einen PR-Stunt, der für die tägliche Konsumentenpraxis eher unpraktikabel ist. Sollte es sich gar um hohe Beträge handeln, die hier durch eine Kryptowährung bezahlt würden, könnte zudem schnell auch ein Geldwäscheverdacht entstehen.

Unter einer Kryptowährung versteht man dabei ja vor allem Bitcoins - ist das identisch?

Richter: Es gibt weltweit Tausende von Kryptowährungen, jeder kann im Prinzip eine herausgeben, aber Bitcoin ist die älteste und bekannteste.

Gehört der E-Euro auch dazu?

Richter: Das ist ein Versuch der EU, digitales Bargeld zu schaffen. Es soll im Gegensatz zur Kryptowährung über EZB-Konten bzw. Wallets laufen, aber möglichst die jetzigen Kosten, wie Gebühren von der Bank und möglicherweise auch Negativzinsen, vermeiden. Das könnte ein starker Nutzungsanreiz sein und dem E-Euro schnell zum Erfolg zu verhelfen und Akzeptanz schaffen. Allerdings sind die Überlegungen dazu noch eher am Anfang, es wird noch diskutiert, wie der E-Euro konkret ausgestaltet werden soll, ob er privatwirtschaftlich oder staatlich organisiert und kontrolliert werden soll und wie er möglichst kostenfrei sein kann. Das Problem ist natürlich, dass auch er eine Infrastruktur erfordert, die wiederum zu Kosten führt. Generell kann man sagen, dass die EZB damit eine Demokratisierung der Liquidität anstrebt, die einfacher handhabbar sein soll als das bestehende System, dass es aber einen Zielkonflikt mit den bestehenden Banken geben dürfte, die in den letzten Jahrzehnten für den Zahlungsverkehr zuständig waren und dafür immer neue Produkte entwickelt haben.

Es gibt ja Gerüchte, dass die EU-Länder das physische Bargeld ganz abschaffen wollen, wie es beispielsweise in Schweden bereits schrittweise geschieht. Sind das erste Schritte auf dem Weg zum E-Euro?

Richter: Schweden hat 2013 als erstes Land der Welt beschlossen, das Bargeld abzuschaffen und zur Zahlung nur noch Karten zuzulassen, wobei es keine Diskriminierung der Kunden geben darf. Das Problem ist dabei, dass die dafür notwendige Infrastruktur nur in den Städten funktioniert. Ein großer Teil Schwedens besteht aber aus nur schwach besiedelten Landstrichen, dort klappt es ganz ohne Bargeld nicht. Dieses stellt nach wie vor das einzige Person-zu-Person-Zahlungsmittel dar. Eine digitale Krone ist hier noch in weiter Ferne. Auch in Deutschland gab es bereits den Versuch, ein digitales Bargeld einzuführen: mit der Geldkarte die als Zusatzfunktion auf Bankkarten enthalten war, aber sie führte zu einer aufwändigen Schattenbuchhaltung zwischen den Banken und hat sich letztlich nicht rentiert.

Führen die Bestrebungen, einen E-Euro oder eine digitale Krone einzuführen, nicht vor allem zu mehr Überwachung der Menschen, weil ja jeder Zahlungsvorgang und der Ort, an dem er getätigt wurde, festgehalten wird?

Richter: Diese Diskussion muss geführt werden, denn für die Anwendung von digitalem Geld ist die Akzeptanz der Bürger nötig. Ich gehe davon aus, dass es Unterschiede geben wird beim Digitalgeld für Privatkunden, denen Anonymität garantiert wird, und dem für Unternehmen. Hier könnten die Zahlungsvorgänge stärker kontrolliert werden. Die Anonymität könnte dabei analog zu der bei der Kryptowährung ausgestaltet werden, indem mit Verschlüsselung gearbeitet wird. Möglicherweise wird es zusätzlich eine Begrenzung des Bargelds geben.

Haben daneben Kryptowährungen eine Chance, doch noch als Zahlungsmittel akzeptiert zu werden?

Richter: Betrachten wir hier den Status quo: Aktuell halte ich Investments in sie für einen gefährlichen Tanz. Sie mögen als spekulatives Investmentprodukt interessant sein, aber so wie jetzt - ohne jegliche Kontrolle durch die Zentralbank - ist das für die Privatwirtschaft wie eine Wette. Die hohe Volatilität stellt das Unternehmens-Treasury vor massive Herausforderungen, auch die Infrastrukturen für die Abwicklung fehlen in Unternehmen derzeit noch. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Nutzer klassische Kryptos neben regulierten Währungen der Zentralbanken als weitere Assetklasse akzeptieren. Es wird ja bereits diskutiert, ob Bitcoin und Co. eine Alternative zu Gold sein könnten. Stabilisieren und etablieren sich Währungen mittelfristig, werden sie auch als Zahlungsmittel interessanter. Ich kann mir eine Koexistenz durchaus vorstellen.

Es gibt ja heute Limits, wie viele Bitcoins etc. ausgegeben werden, dadurch ist eine Abwehr von Inflation möglich.

Es wird ja spekuliert, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zu einem Zusammenbruch des bisherigen Finanzsystems führen könnten - könnten da Kryptowährungen in irgendeiner Form eine Alternative sein?

Richter: Nur, wenn verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Aktuell sind sie ein Spekulationsprodukt wie Aktien. Allerdings ohne den notwendigen Anlage- und Beratungsprozess, der über Risiken informiert. Dies ist bei Investitionen in Aktien und Derivate bereits im Detail regulatorisch festgeschrieben.

Gesetzt den Fall, digitale Währungen wie Bitcoins und E-Euros setzten sich auf dem Markt durch - was bedeutet das dann für die Banken und Versicherungen?

Richter: Für die Versicherer kann es bedeuten, dass sie die Möglichkeit haben, bei einem grenzüberschreitenden Versicherungsfall kurzfristig Geld auszahlen zu können, da durch die digitalen Prozesse schnelle Auszahlungen weltweit möglich sind. Die Frage wird sein, ob das die Regel ist. Aber der E-Euro könnte es ermöglichen, ähnlich wie bei einer Kryprowährung, einen E-Euro Betrag mittels QR-Codes per E-Mail zu senden und beim Empfänger in seinem Wallet dann zu nutzen. Damit könnten die Banken natürlich einen großen Teil ihres Geschäftes verlieren und auf Ihr jeweiliges Kerngeschäft, meist das Kredit- oder Anlagegeschäft, reduziert werden.

Die Erleichterung grenzüberschreitender Transaktionen ist sicher für große, global tätige Unternehmen interessant - aber was bringt es den kleinen und mittleren Unternehmen?

Richter: Auch sie profitieren von der Entkoppelung von Liquidität und Banken, intern und im Zahlungsverkehr mit anderen Unternehmen. Eine digitalisierte Währung könnte auch ein Baustein zur Lösung sein, die durchschnittlichen Kosten der Rechnungsabwicklung von rund 15 Euro nachhaltig zu senken. E-Wallet-Zahlungen sollten dafür aber kostenfrei bleiben, natürlich echtzeitfähig sein und keine weiteren Finanzaktionskosten verursachen. Aktuell sind wir noch am Anfang der Diskussion. Im Raum steht die Frage der konkreten Ausgestaltung in den einzelnen Ländern der EU, also z.B. die Ausgestaltung der Zuständigkeiten zum Betrieb von E-Wallets. Wird dies privatwirtschaftlich organisiert oder durch staatliche Einrichtungen? Denkbar ist auch ein Hybrid.