Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Torben Roß, Leiter Makler und Multiplikatoren beim BDAE

 

Nicht ohne Sicherheitsnetz auf Reisen gehen

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Sommerzeit ist Reisezeit – und viele verlockt dies dazu, spontan eine Reise zu buchen und kurzfristig aufzubrechen. Andere träumen davon, für kürzere oder längere Zeit den Alltagstrott hinter sich zu lassen und frei von Zwängen und Verpflichtungen einmal ganz anders zu leben. Dabei wird oft vergessen, dass man an keinem Ort auf der Welt vor Unfällen und Erkrankungen sicher sein kann. Es ist dann die Aufgabe des Vermittlers, seinem Kunden rechtzeitig, bevor er aufbricht, auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und ihm bewusst zu machen, welche Risiken er mit seiner Reise eingeht. Im Gespräch mit der Versicherungspraxis24 zeigt Torben Roß, Leiter Makler und Multiplikatoren beim BDAE, auf, wie man sich absichern sollte und was aus seiner Sicht bei Auslandsaufenthalten unverzichtbar ist.

Herr Roß, immer mehr Menschen machen heutzutage eine Kreuzfahrt, weil sie darin die Möglichkeit sehen, rundherum abgesichert fremde Länder zu erleben. Gilt diese Rundum-Absicherung für alle Gefahrensituationen oder sollte man sich lieber zusätzlich versichern?

Roß: Eine klassische Rundum-Absicherung im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Auf einem Kreuzfahrtschiff ist der Abschluss einer Auslandskrankenversicherung aber immens wichtig. Denn selbst wenn man eine Kreuzfahrt bei einem europäischen Reiseveranstalter gebucht hat, bedeutet das noch lange nicht, dass für eine Behandlung an Bord europäisches Recht gilt. Entscheidend ist, unter welcher Flagge das Schiff in See sticht beziehungsweise in welchem Heimathafen es registriert ist. Anders sieht es wiederum bei Landgängen aus – da zählt das Recht des jeweiligen Landes.

Reicht dabei die klassische Auslandskrankenversicherung aus?

Roß: Wer eine Auslandskrankenversicherung abschließt, sollte sich vorab zwingend erkundigen, ob diese Kreuzfahrt- und Seereisen mit einschließt. Das ist nicht immer der Fall. Wie bei allen Privatversicherungen gilt: Die medizinische Behandlung an Bord ist eine privatärztliche Leistung, die ich zunächst auch selbst bezahlen muss. Sämtliche Befunde sollten daher gut dokumentiert werden, weil diese zusammen mit der Arztrechnung bei der Reisekrankenversicherung eingereicht werden müssen, um die Kosten erstattet zu bekommen. Weil nicht jede Behandlung im Bordkrankenhaus erfolgen kann, sollte die Police außerdem eine medizinische Notfallevakuierung oder den Rücktransport ans Festland per Hubschrauber abdecken.

Leistet die Auslandskrankenversicherung erfahrungsgemäß bei allen Unfällen, die einem bei einer Kreuzfahrt zustoßen können oder gibt es dabei Grenzen?

Roß: Es gibt eine Reihe von Gerichtsurteilen, die Versicherungen in bestimmten Fällen Recht gegeben haben. Im Kern sollten Kreuzfahrtpassagiere keine fahrlässigen Risiken eingehen. Wer etwa das bordeigene Fitnessstudio bei starkem Seegang nutzt und sich dann verletzt, verstößt gegen die eigene Verkehrssicherungspflicht und kann nicht erwarten, dass die Versicherung für die Kosten aufkommt. Generell gilt, dass Passagiere sich bei turbulenter See gut festhalten müssen und selbst dafür Sorge zu tragen haben, sich entsprechende Stützen und Griffe an Bord zu suchen.

Welche weiteren Versicherungen sind aus Ihrer Sicht wichtig?

Roß: Wie bei allen teuren Reisen auch kann eine Reiserücktrittsversicherung sinnvoll sein - für den Fall dass man die Reise nicht antreten kann. Diese übernimmt die Stornogebühren, wenn man beispielsweise krank wird oder seinen Job verliert. Aber Achtung: Wer das Kreuzfahrtschiff nicht rechtzeitig erreicht, hat Pech und wird auf den Kosten sitzen bleiben. Das gilt selbst dann, wenn der Flug beispielsweise infolge von schlechtem Wetter, Streik oder Ähnlichem ausfällt oder nicht pünktlich starten kann. Flugausfälle und -verspätungen werden nicht als Grund für einen Reiserücktritt anerkannt. Ausnahmen gibt es nur bei Annullierungen aufgrund höherer Gewalt, also beispielsweise bei Sperrung des Luftraums oder ein einem Vulkanausbruch.

Eine weitere Gruppe von Reisenden sind Hundebesitzer, die zwar gerne auch verreisen wollen, aber nicht ohne ihr Tier. Gibt es dabei versicherungstechnisch etwas zu bedenken?

Roß: Grundsätzlich sollten sich Haustierbesitzer beim Tierarzt über mögliche Krankheitsrisiken im jeweiligen Urlaubsgebiet informieren und das Tier rechtzeitig mit den entsprechenden Impfungen und Medikamenten schützen, um Parasiten, Infektions- und Wurmkrankheiten sowie Zecken vorzubeugen. Zudem gehört auch für Tiere eine Reiseapotheke mit Schere, Mullbinden, einer Zeckenzange sowie Desinfektions- und Durchfallmittel ins Gepäck. Es gibt auch Reisekrankenversicherungen für Haustiere. Hier müssen Frauchen und Herrchen selbst prüfen, ob sich der Abschluss lohnt. Generell gilt: Vorerkrankungen von Haustieren sind vom Schutz ausgeschlossen und der Beitrag ist umso teurer, je älter und größer das Tier ist. Bereits seit 2004 gelten innerhalb der EU weitgehend einheitliche Regelungen für Haustiere auf Reisen. So ist etwa ein Heimtierausweis Pflicht, der neben Informationen zum Tier und seinem Besitzer auch den Nachweis über eine gültige Tollwutimpfung enthält. Mithilfe des Mikrochips und der dazugehörigen Kennzeichnungsnummer im Ausweis muss das Tier eindeutig identifizierbar sein. Die Bestimmungen für die Einreise in nicht EU-Länder sind sehr unterschiedlich. Es empfiehlt sich, in diesem Fall das Auswärtige Amt bezüglich der Einreisebedingungen zu konsultieren. Ein absolutes Muss ist die Haftpflichtversicherung für Hundehalter. Diese greift auch innerhalb der EU. Für Reisen außerhalb der EU-Grenzen sollte die Haftpflicht entsprechend erweitert oder eine andere weltweit gültige Hundehalter-Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden.

Immer mehr Senioren zieht es für längere Zeit in fremde Länder. Gerade sie haben aber auch ein größeres gesundheitliches Risiko - wie sollten sie sich absichern?

Roß: Wer sich länger als die üblichen sechs bis acht Wochen pro Jahr, die eine Reisekrankenversicherung abdeckt, im Ausland aufhält, benötigt eine langfristig gültige Auslandskrankenversicherung – auch innerhalb der EU. Denn die europäische Krankenversicherung (EHIC), zahlt nur für Notfälle und sichert auch den Krankenrücktransport nicht ab. Es gibt diverse Auslandskrankenversicherungen, die Aufenthalte bis zu fünf Jahre absichern, aber nur ganz wenige - darunter der BDAE - , die einen zeitlich unbegrenzten Schutz bieten. Die meisten Anbieter haben eine sogenannte Altersstaffel, das bedeutet, dass der Beitrag für die Versicherung umso höher ist, je höher das Eintrittsalter bei Versicherungsbeginn von Ruheständlern ist. Man kann somit sagen, dass es leider auch eine Frage des Geldes ist, ob sich Senioren einen langfristigen Auslandsaufenthalt überhaupt leisten können.

Die übliche Reisekrankenversicherung reicht also hier nicht aus?

Roß: Nein, eben nicht. Die meisten herkömmlichen Reisekrankenversicherungen haben nicht nur Altersgrenzen, sondern generell eine zeitliche Begrenzung. Andernfalls ist es gar nicht möglich, eine solche Police zu doch sehr günstigen Konditionen von zehn bis 80 Euro Jahresbeitrag anzubieten. Man muss auch unbedingt unterscheiden zwischen kurzen urlaubsbedingten Aufenthalten, Langzeitreisen von mehreren Monaten und der klassischen Auswanderung. Wer seinen Wohnsitz von vornherein ins Ausland verlagert, der muss bei der Frage nach dem Weiterbestehen der gesetzlichen Krankenversicherung beachten, ob er in ein EU-, EWR-Land oder in die Schweiz auswandert oder ob er sich in einem Land aufhält, mit dem Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen geschlossen hat. In der Europäischen Union und in Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz können deutsche Auslandsrentner weiterhin in der GKV verbleiben – allerdings nur, sofern sie eine gesetzliche Rente aus Deutschland und nicht aus dem Auswanderungsland erhalten. Das passiert beispielsweise in der Schweiz ganz schnell: Wer dort vor dem Renteneintrittsalter seinen Wohnsitz nimmt, ist automatisch in der Schweizer Rentenkasse pflichtversichert und erhält dann mit 65 eine weitere Rente. Dies führt allerdings zu einer Beendigung der Versicherung durch die jeweilige deutsche Krankenkasse.

Wandern Ruheständler in ein Nicht-EU-Land aus, mit dem Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen geschlossen hat, zum Beispiel Kroatien, Türkei oder Tunesien, verhält es sich ähnlich wie in der EU: Die gesetzliche Krankenversicherung kann im Prinzip bestehen bleiben. Dies allerdings nur unter der Bedingung, dass der Rentner 90 % seines Berufslebens in einer gesetzlichen Krankenkasse pflichtversichert war. Wer freiwillig versichert ist oder war, kann etwa in der Türkei, in Kroatien, Mazedonien oder Tunesien nicht mehr Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung verbleiben. Zieht es Ruheständler in das sogenannte vertragslose Ausland, (dazu gehören unter anderen die USA, Kanada, Australien, Thailand und die Dominikanische Republik) dann endet die Mitgliedschaft bei der staatlichen Krankenversicherung.

Auf der anderen Seite machen viele junge Menschen nach dem Schulabschluss erst einmal ein Work-and-Travel-Jahr, beispielsweise in Australien. Wie sieht es dabei mit dem notwendigen Versicherungsschutz aus?

Roß: Auch da gilt, ohne eine Auslandskrankenversicherung handelt man absolut fahrlässig. Viele Länder – darunter auch Australien – stellen ohne den Nachweis einer entsprechenden Police gar nicht erst ein Visum aus. Für Aufenthalte wie Work-and-Travel gibt es spezielle Versicherungen, die oftmals über die Travel-Agenturen selbst angeboten werden. Wer noch bei seinen Eltern privat krankenversichert ist, sollte sich erkundigen, ob die Versicherung auch für den Auslandsaufenthalt zahlt. Die meisten tun dies, aber gegen einen entsprechenden Aufschlag.

In unserer globalisierten Welt gehört es zunehmend dazu, für eine längere Zeit mit der Familie oder ohne sie ins Ausland zu ziehen und dort zu arbeiten. Was muss ein Arbeitgeber, der einen Mitarbeiter dorthin entsendet, dabei beachten?

Roß: Eine Entsendung ist unglaublich komplex und stellt immer einen Einzelfall dar. Eine solche Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Für entsandte Mitarbeiter ist in der Regel eine sehr entscheidende Frage, wie es um ihren Sozialversicherungsschutz und den der Familie bestellt ist. Vereinfacht gesagt entfällt beispielsweise die Mitversicherung in der Familienversicherung, wenn ein Mitarbeiter ins Ausland geht und aus dem deutschen Sozialversicherungssystem ausscheidet. Bleibt die Familie in Deutschland und der Expat geht alleine ins Ausland, würde dies bedeuten, dass Partner bzw. Partnerin und Kinder nicht mehr versichert sind.

Wie wirkt sich das in der Praxis aus?

Roß: Arbeitgeber sollten berücksichtigen, dass eine Entsendung immer verschiedene Rechtsbereiche umfasst, die alle ineinandergreifen. Dazu ein Beispiel: Ein deutscher Technologiekonzern wollte einen Ingenieur für ein Projekt in die Niederlassung in der chinesischen Provinz entsenden. Was der Ingenieur für diesen Einsatz forderte, war relativ bescheiden: Neben einer Erschwerniszulage wünschte er sich lediglich, weiterhin in Deutschland beitragspflichtig versichert zu bleiben. Dies war ihm vor allem deshalb wichtig, weil Frau und Kleinkind während seines Auslandseinsatzes in Deutschland bleiben sollten und beim Mitarbeiter familienversichert waren. Das war allerdings nicht umsetzbar, denn für die erforderliche Arbeitserlaubnis verlangt der chinesische Gesetzgeber neben dem Nachweis einer deutschen Tochtergesellschaft vor Ort unter anderem eine Tätigkeitsbeschreibung von entsandten Mitarbeitern. Bei der Formulierung des Aufgabenfeldes stellte sich dann heraus, dass der wirtschaftliche Vorteil der Tätigkeit des Ingenieurs der Tochterfirma in China zugutekommt. Aufgrund dieser Tatsache war die Lohnbuchhaltung angewiesen, das Gehalt des Entsandten nach China weiter zu belasten. Das wiederum hatte zur Folge, dass der Mitarbeiter laut deutschem Sozialgesetzbuch nicht im hiesigen Sozialversicherungssystem verbleiben durfte. Für den Ingenieur war dies ein Grund, vom Auslandseinsatz in China zurückzutreten.

Worauf sollte der Arbeitnehmer generell von sich aus achten und welche Ansprüche sollte er geltend machen?

Roß: Wir empfehlen grundsätzlich eine arbeitsrechtliche Prüfung des Entsendevertrages und ein genaues Hinterfragen der sozialversicherungs- und steuerrechtlichen Situation, die sich bei einem Auslandseinsatz zwangsläufig verändert. Auch sollten sich Arbeitnehmer unbedingt hinsichtlich ihrer krankenversicherungs- und rentenrechtlichen Situation nach dem Auslandsaufenthalt informieren. Zu klären ist etwa, welche Rentenlücke möglicherweise entsteht, unter welchen Voraussetzungen eine Rente aus dem Ausland bezogen werden kann, wie und wo diese später beantragt werden muss und so weiter. In Sachen Sozialversicherung gilt grundsätzlich, dass kein Entsandter aufgrund seines Auslandseinsatzes schlechter gestellt werden darf als die Kollegen im Heimatland. Für Länder mit einem erhöhten Risikopotenzial oder mit einem niedrigen Lebensstandard können Arbeitnehmer unter Umständen eine sogenannte Erschwerniszulage verlangen. Und wir empfehlen aufgrund der volatilen Finanzmärkte für Länder in Asien und Südamerika Wechselkursschwankungen bei der Ermittlung von Gehaltsbestandteilen zu berücksichtigen.

Weitere klassische Ansprüche, die verhandelt werden können, sind eine gewisse Anzahl an Heimatflügen, eventuell Schulgeld, wenn Kinder mitkommen, ein Dienstwagen, Mietkostenzuschuss und so weiter.

Und wie sieht es mit der Krankenversicherung aus?

Roß: Noch ein Beispiel aus unserer Beratungspraxis: Ein Vertriebspartner hatte eine Kundin, die im Angestelltenverhältnis bei den Vereinten Nationen arbeitet. Diese wurde für ein Projekt nach Italien entsandt und dort auch vor Ort angestellt. Der Arbeitnehmerin war es wichtig, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wieder in die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) kann. Die Idee des Maklers war es, eine Private Vollkostenkrankenversicherung (PKV) für die UN-Mitarbeiterin abzuschließen. Davon haben wir abgeraten, denn das hätte bedeutet, dass sie bei ihrer Rückkehr nicht in die GKV zurück gekonnt hätte. Des Weiteren wäre die finanzielle Belastung für sie sehr groß gewesen, denn aufgrund ihres Angestelltenverhältnisses und Wohnsitzes in Italien muss sie sich auch dort in die gesetzliche Krankenversicherung und in das „Servizio Sanitario Nazionale“ – also das staatliche italienische Gesundheitssystem - einzahlen. Wir haben eine unserer günstigen Auslandskrankenversicherungen angeboten und empfohlen, diese zusätzlich zur italienischen Krankenversicherung laufen zu lassen. Somit hat sie umfänglichen weltweiten Versicherungsschutz und kann sich zudem bei Heimaturlauben in Deutschland behandeln lassen und sie wird nach dem Auslandseinsatz wieder von der GKV aufgenommen.