Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Thomas Bischof, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Allgemeine Versicherung AG

 

Harald Epple, Finanzvorstand und verantwortlicher Vorstand für das Thema Nachhaltigkeit im Gothaer Konzern

Unterstützung bei Nachhaltigkeit als permanenter Prozess

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Anfang 2021 befragte die Gothaer Versicherung die Verantwortlichen  für Versicherungen in deutschen KMU im Rahmen einer Online-Studie nach aktuellen Trends und Meinungen. Mit  Thomas Bischof, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Allgemeine Versicherung AG, und Harald Epple, Finanzvorstand und verantwortlicher Vorstand für das Thema Nachhaltigkeit im Gothaer Konzern, sprach Versicherungspraxis24 über die Schwerpunkte der Befragung und ihre Ergebnisse sowie die Konsequenzen, welche die Gothaer als Versicherer daraus zieht.

Wie lange gibt es die KMU-Studie der Gothaer schon?

Bischof: Wir führen unsere Gothaer KMU-Studie – eine repräsentative Befragung von über 1.000 kleinen und mittelständischen Unternehmen – seit 2013 regelmäßig durch. Dabei gibt es einen festen Frageblock und auch jährlich wechselnde Themenschwerpunkte. Die Schwerpunkte 2021 sind: Nachhaltigkeit, Cybersicherheit und der „War for Talents“. Mit der Studie wollen wir ein repräsentatives Bild unserer Kernzielgruppe bekommen, um unsere Versicherungen daraufhin noch besser an den Kundenbedürfnissen orientieren zu können.

Lassen sich generell signifikante Veränderungen erkennen?

Bischof: Am Beispiel der bedrohlichsten Risiken zeigt sich gut, wie sich die Einschätzung von Risiken der von den Unternehmern wahrgenommen Bedrohungen verändert hat: Die Angst vor einem Brand hat sich über die Jahre deutlich reduziert, die von Cyberrisiken zunehmend erhöht.

Als wichtigstes Risiko wird seit einigen Jahren ein Hackerangriff angesehen, während beispielsweise Einbruch/Vandalismus deutlich an Bedeutung bei den Risiken verloren haben. Hat der durch die Corona-Pandemie verstärkte Trend zum Homeoffice diese Einschätzung verstärkt?  

Bischof: Als die Gothaer Versicherung 2020 ihre KMU-Studie vorstellte, hatte die Corona-Pandemie in Deutschland gerade ihren Anfang genommen. Firmen schickten ihre Belegschaft ins Home-Office und hofften auf eine geringe wirtschaftliche Auswirkung der Pandemie. Ein Jahr später befinden sich noch immer Dreiviertel der befragten KMU Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Home-Office – bei den großen Betrieben wesentlich mehr als bei den kleinen. Unsere aktuellen Zahlen – nach dem Corona-Jahr – bestätigen den Trend der vergangenen Jahre: Die größte Sorge haben KMU vor unsichtbaren Angreifern, nämlich Hackern und Computerviren. Insgesamt 46 Prozent der befragten Entscheider geben 2021 an, sich am ehesten um die IT-Sicherheit ihres Unternehmens zu sorgen. Dicht darauf folgt die Angst vor dem Betriebsausfall (43 Prozent). In Summe gewinnen drei Risiken seit 2017 mit jedem Jahr deutlich an Relevanz. Dazu zählen Hackerangriffe, der Betriebsausfall und der Ausfall von Zulieferern und Dienstleistern. Dies sind die Faktoren, die ein Gewerbe unerwartet stillstehen lassen können. Stetig weniger Angst haben die Befragten dagegen vor den klassischen Gefahren wie Einbruch oder Feuer.

Sie haben in der Studie auch nach der Einstellung zu einer nachhaltigen Unternehmensführung gefragt. Wird das nach den Erkenntnissen der Befragung von allen Befragten begrüßt oder gibt es auch deutlichen Widerstand dagegen?

Epple: Die Studie und auch unsere Erfahrungen zeigen, dass es ein immer größeres Interesse des Mittelstands an nachhaltigen Themen gibt. Jedem zweiten Unternehmen – 49 Prozent der Befragten – ist es sehr wichtig, dass sich ihr Unternehmen im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes nachhaltig entwickelt. Nur 14 Prozent halten dies „weniger wichtig“ bzw. „unwichtig“. Mit zunehmender Unternehmensgröße steigt dieser Anteil sogar noch: So ist es 59 Prozent der Mitarbeitenden in Unternehmen mit 201 bis 500 Mitarbeitenden „sehr wichtig“, dass sich ihr Unternehmen im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes nachhaltig entwickelt.

Welche Maßnahmen werden von KMU hierbei unternommen?

Epple: Wir wollten es genauer wissen und haben die KMU befragt, welche Schritte sie bereits unternommen haben, um ihr Unternehmen nachhaltiger zu gestalten. Der Spitzenreiter in allen Unternehmensgrößen ist eine effektive Mülltrennung mit 65 Prozent, gefolgt von Produkten und Lieferanten aus der Region bei 50 Prozent sowie die Nutzung von recyceltem Material bei 46 Prozent. Auch die Nutzung oder Erzeugung erneuerbarer Energien, Zuschüsse für den öffentlichen Nahverkehr und Schulungen zur Nachhaltigkeit wurden zu mindestens 27 Prozent genannt. Ein erfreuliches Plus sehe ich beim Thema Fuhrpark: 21 Prozent der KMU mit Firmenwagen verfügen bereits über Elektro-Fahrzeuge. 2020 waren es noch 7 Prozentpunkte weniger.

Gibt es signifikante Gründe, warum Unternehmen sich mit ihrem Engagement für Nachhaltigkeit zurückhalten?

Epple: Wir haben auch nach den größten Hindernissen für mehr Nachhaltigkeit gefragt. Die häufigsten Antworten: Zu teuer sagen 35 Prozent, fehlende Zeit für die Recherche 33 Prozent, Umstellung ist zu aufwendig finden 24 Prozent und es fehlt an Ideen bei 24 Prozent.

Spielt dabei auch die Firmengröße eine Rolle?

Epple: Unsere Daten zeigen, dass sich gerade die kleinen Gewerbe noch schwertun – meist aus Zeit- und Kostengründen. Dabei interessiert uns natürlich, wie wir KMU auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen können. Diese Ergebnisse sollten eine Motivation für uns als Dienstleister sein. Das Fazit: KMU jeder Größe interessieren sich für Nachhaltigkeit und streben sie an, doch sie brauchen Hilfe bei der Umsetzung. Welcher Blumenladen, welche Software-Agentur hat neben dem Tagesgeschäft noch Zeit, sich mit Nachhaltigkeitsfragen zu beschäftigen? Es braucht also Partner. Und schon wir als Versicherer können mehr helfen: So bieten wir spezielle Versicherungslösungen für E-Firmenwagen an, beraten zu nachhaltigen Investments und versichern seit Jahren nachhaltige Energieanlagen.

Wie sieht die Beratung konkret aus?

Bischof: Im Rahmen unserer Konzernstrategie „Ambition25“ und den damit verbundenen Maßnahmen rund um die Ausrichtung „Führender Partner für den Mittelstand“, wollen wir unsere Kunden auf dem Weg zur Nachhaltigkeit unterstützen. Nicht nur Politik und Gesellschaft, auch Unternehmen erwarten die Erfüllung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner. Daher gilt es Arbeitsabläufe und Infrastruktur, Energiebedarfe, aber auch Einkauf und Produkte daraufhin auszurichten. Bei diesem permanenten Prozess zur Nachhaltigkeit wollen wir unsere Kunden aktiv begleiten. Die Befragung zeigt uns, dass es mehr Information und guter Netzwerke bedarf, um Unternehmen nachhaltiger auszurichten. Nicht nur im Bereich der Erneuerbaren Energien, sondern in allen Branchen sehen wir uns die „Hindernisse“ auf dem Weg zur Nachhaltigkeit genau an und prüfen, durch welche möglichen Unterstützungsangeboten wir unsere Produkte und Services erweitern können.

In der Studie wird erwähnt, dass 99 Prozent aller deutschen Unternehmen zum Mittelstand gehören. In welcher Größenordnung liegen nach dieser Definition kleine und mittlere Unternehmen?

Bischof: Diese Zahl kommt vom BVMW, dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft, Unternehmerverband Deutschlands e.V. Nach der Definition der EU-Kommission gelten Unternehmen mit bis zu 249 Beschäftigten, einem Jahresumsatz von höchstens 50 Millionen Euro und einer Bilanzsumme von bis zu 43 Millionen Euro als KMU.

Kann man sie von den Interessen her überhaupt unter einem Oberbegriff zusammenfassen oder sind ihre Interessen nicht zu unterschiedlich - kann man einen kleinen Handwerksbetrieb, eine Werbeagentur und einen großen Autoteilehersteller wirklich auf einen Nenner bringen?

Bischof: Ich glaube, grundsätzlich will jeder Unternehmer möglichst viel Zeit für sein originäres Business haben. Das ist schon mal eine gemeinsame Schnittmenge. In Bezug auf Versicherungen und unseren Anspruch, der führende Versicherer für den Mittelstand zu sein, setzen wir deswegen stark auf Versicherungskonzepte im Baukastenprinzip und bieten Unternehmerkunden so eine individuelle Absicherung ihrer Unternehmensrisiken. Natürlich sind die Risiken auch einzeln abschließbar, aber wir versuchen Transparenz und vereinfachte Prozesse durch einen Ansprechpartner, einen Vertrag und eine Rechnung zu geben. Dies tun wir mit zwei Lösungen: Der Gothaer GewerbeProtect – die richtige Wahl für kleinere Mittelständler – und der Gothaer Unternehmer-Police für Betriebe mit einem Umsatz bis 150 Millionen Euro.

Was bedeutet das für die Versicherungsberatung?

Bischof: Die passgenaue Absicherung eines Unternehmens in Bezug auf die Gefahren für Gebäude, Sachmittel und Mitarbeiter ist sehr komplex und erfordert ein hohes Maß an Fachwissen und Erfahrung. Deswegen investieren wir gemeinsam mit unseren  Vertriebspartnern zu Beginn viel Zeit, um das Unternehmen und seine Risiken zu verstehen. Alle individuellen Unternehmensrisiken werden anschließend in einem Vertrag gebündelt. Damit entsteht für den Unternehmer ein hohes Maß an Transparenz, denn er erhält nur ein Bedingungswerk, einen Versicherungsschein und eine jährliche Beitragsrechnung.