Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Bernd Engelien, Leiter Kommunikation & Public Affairs der Zurich Gruppe Deutschland

Auf die Wirkung kommt es an

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Vor kurzem hat die Zurich Versicherung bekannt gegeben, dass sie als erster großer institutioneller Anleger Umwelt- und sozialen Zielen bewusst Vorrang in ihrem Investment-Portfolio einräumen will. Dabei will sie eine Impact-Investment-Strategie verfolgen, bei der nicht der eingesetzte monetäre Betrag, sondern die angestrebte Wirkung im Vordergrund steht. Was das genau speziell für den deutschen Markt bedeuten soll, erläuterte Bernd Engelien, Leiter Kommunikation & Public Affairs der Zurich Gruppe Deutschland, im Gespräch mit Versicherungspraxis24.

Die Zurich hat vor kurzem erklärt, dass sie als erster großer institutioneller Anleger auf die Wirkung des Investments setzt statt auf den eingesetzten Betrag - können Sie das näher erläutern?

Engelien: Uns kommt es bei der Impact-Investment-Strategie nicht darauf an, wie viel Geld wir einsetzen, sondern was unser Engagement im Ergebnis bringt. Es geht in erster Linie um die breite und nachhaltige Wirkung von Maßnahmen, nicht darum, monetär seine Muskeln spielen zu lassen.

Was streben Sie konkret als Ziel an, um die Wirkung zu beurteilen?

Engelien: Wir wollen als Versicherer bis 2030 unseren Beitrag dazu leisten, dass die Erderwärmung nicht über 1,5 Grad liegt. Das wollen wir u.a. dadurch schaffen, dass wir zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umstellen und dass wir unsere Beteiligungsunternehmen und Kunden bei Plänen unterstützen, die in diese Richtung gehen. Als großer Versicherer haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung und wollen unseren Einfluss geltend machen, um unsere Kunden dazu zu ermutigen, ihrerseits ambitionierte Nachhaltigkeitsziele anzustreben.

Sind Sie sicher, dass dies nicht in erster Linie eben doch nur „greenwashing“, also eher marketinggetrieben, ist?

Engelien: Ich denke, es besteht breiter gesellschaftlicher Konsens, dass das Thema Nachhaltigkeit nicht als ein modischer Trend angesehen wird. Die Fakten des Klimawandels sprechen eine deutliche Sprache. Für die Assekuranz ist es zudem ein sehr relevantes Thema, weil die Entwicklung des Klimawandels Probleme mit sich bringt, die auch das Geschäftsmodell der Versicherungswirtschaft beeinflusst. Deshalb haben die Versicherer allen Grund, selbst aktiv zu werden. Das hat am besten dann Erfolg, wenn man auf verschiedenen Ebenen mit einer ganzen Klaviatur von Maßnahmen ansetzt. Zurich unterstützt beispielsweise ein Projekt in Brasilien, bei dem eine Million Bäume im Regenwald gepflanzt werden und zwar mit speziellen Setzlingen, die für diese Gegend geeignet sind. Auch wenn das Projekt nicht direkt vor unserer Haustür stattfindet: Beim Zurich Forest geht es primär um die Wirkung auf das weltweite Klima und nicht darum, sich ein Label ans Revers zu heften.

Das alles bezieht sich ja vor allem auf Ihre Anlage- und interne Unternehmenspolitik - wie sieht es aber auf der Seite der Geschäftspolitik aus? Lehnen Sie in Zukunft Kunden ab, die sich beispielsweise mit der Art oder der Herstellung ihrer Produkte nicht umweltfreundlich verhalten?

Engelien: In Commercial Insurance bestehen beispielsweise Zeichnungsrichtlinien hinsichtlich einiger der kohlestoffintensivsten fossilen Brennstoffe. Im Kern besteht unser Engagement jedoch darin, dass wir unsere Kunden aktiv beim Thema Nachhaltigkeit begleiten und Dialoge mit ihnen und ihren Beteiligungsgesellschaften führen, um gemeinsam die notwendige Transformation zu erwirken. Das heißt, dass wir darauf setzen, unser Gewicht und Know-how im Markt zur Geltung zu bringen. Natürlich erwarten wir von unseren Kunden, dass sie sich grundsätzlich zur Einhaltung der ESG-Kriterien der EU bekennen, aber laufen nicht mit dem moralischen Zeigefinger umher und haben den Anspruch, dass von jetzt auf gleich alles „grün“ ist. Wichtiger ist, dass wir und unsere Kunden auf dem richtigen Weg sind, die Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen und an vielen Fronten einen Ausgleich schaffen.

Und wie sieht das mit den Privatkunden aus - würdigen die Ihr Engagement überhaupt?

Engelien: Es ist schon interessant, dass immer mehr Privatkunden gezielt nach nachhaltigen Produkten fragen. Vor zehn Jahren hatten wir noch das Problem, dass diese häufig eine schlechtere Performance als herkömmliche Produkte hatten, aber das hat sich geändert. Nachhaltige Anlagen haben mittlerweile die gleichen Performance-Chancen. Nachhaltigkeit bedeutet nicht mehr zwingend Komfortverzicht im weiteren Sinn. Studien zeigen auch, dass insbesondere junge Menschen durch Bewegungen wie „Fridays for Future“ stark beeinflusst worden sind, auch wenn sie natürlich merken, dass es schwer ist, immer den eigenen Idealen zu entsprechen. Generell finde ich, dass wir beim Thema Nachhaltigkeit von der ideologisch geführten Schwarz-Weiß-Diskussion wegkommen müssen und neben großen Maßnahmen auch kleine Schritte wertschätzen sollten. Damit stärkt man auch die Motivation, selber aktiv zu werden. Missionieren im Sinne von ausschließlich vorschreiben und verbieten führt oft nicht zu dem Ziel, die Menschen innerlich wirklich zu überzeugen.

Wie hält die Zurich das dabei mit den eigenen Mitarbeitern - werden die in die neue Strategie eingebunden?

Engelien: Anders als noch einigen Jahren machen die Mitarbeitenden sich wirklich über das Thema Nachhaltigkeit Gedanken, wollen sich engagieren und finden es gut, dass Zurich als großer Versicherer doch eine gewisse Wirkung entfalten kann. Natürlich wissen wir alle, dass unsere Maßnahmen Tropfen auf den heißen Stein sind, wenn niemand mitziehen sollte. Aber wo sonst sollen wir anfangen als bei uns selbst? Das Problem des Klimawandels ist da und muss angepackt werden. Und: je größer die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen ist, umso attraktiver die Angebote und oft auch der Preis. Das haben wir z.B.  beim Ökostrom gemerkt, der lange ein teures Nischenprodukt war - mittlerweile ist er auch vom Preis her wettbewerbsfähig geworden. Das Thema Nachhaltigkeit ist also nicht mehr zwingend eine Frage des Sich-Leisten-Könnens. Innovationen und Technologie werden hier eine wichtige Rolle spielen.

Nun wird es aber doch wohl so sein, dass sich die Welt durch die Corona-Pandemie wirtschaftlich gründlich verändert. Glauben Sie, dass Ihre bisherigen Erfahrungen trotzdem weitergelten?

Engelien: Die Corona-Hilfen werden zum Teil ja auch unter ökologischen Aspekten vergeben. Man hätte zwar politisch mehr tun können, aber dieser Aspekt ist nicht gänzlich verloren gegangen. Man muss natürlich schon schauen, dass man beides in Einklang bringen kann, um aus dieser Corona-Situation wieder herauszukommen, das wird ein Kraftakt. Aber es werden sich auch Geschäftsfelder neu ergeben, die den wirtschaftlichen Weg aus Corona heraus mit Umweltschutz verbinden. Ich bin sehr sicher, dass die Welt nach Corona nicht die gleiche sein wird wie die vor der Pandemie. Der Auslöser dafür war alles andere als erfreulich und hat viel Leid gebracht. Aber einiges, was wir in der Krise gelernt haben, wird sich in irgendeiner Weise auf die Nach-Corona-Welt und die Art zu leben und zu arbeiten auswirken. Wenn wir das mit Nachhaltigkeit verknüpfen, kann daraus viel Gutes entstehen. So ist es unter Klimaschutzaspekten erfreulich, dass bei Dienstreisen sicher mehr überlegt werden wird, ob sie wirklich nötig und sinnvoll sind, um persönliche Kontakte zu pflegen oder ob die Treffen nicht doch mit dem gleichen Nutzen virtuell stattfinden können.

Glauben Sie, dass das Thema Nachhaltigkeit auch bei den Vermittlern ankommt und Einfluss auf deren Arbeit hat?

Engelien: Auch für sie ist das ein Thema, das vor der Tür steht und gelöst werden muss. Nachhaltigkeit ist für Zurich eines von unseren zehn strategischen Imperativen. Auf diesen Weg nehmen wir auch die Makler mit, die wir durch interne Seminare sensibilisieren. Dabei versuchen wir möglichst transparent zu sein. Wir möchten mit ihnen gemeinsam Änderungen erzielen und setzen nicht zuerst auf dirigistische Maßnahmen. Die Marktwirtschaft bietet genügend Potenzial für kreatives Unternehmertum. Wir glauben hier nicht nur an die Kraft der Konzerne sondern auch an die Energie, die in kleinen und mittelständischen Unternehmen freigesetzt wird. Wir bemühen uns Anreize zu schaffen, um die besten Lösungen zu finden, die auch beim Thema Nachhaltigkeit ihre Wirkung nicht vermissen lassen.