Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Ulrich Leitermann, Vorstandschef der Signal-Iduna-Gruppe

 

Fundament für Transformationsprozesse schaffen

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die Herausforderungen durch gesamtgesellschaftliche Prozesse wie Digitalisierung oder Klimawandel beeinflussen massiv auch die Arbeit mittelständischer Versicherer wie die Signal-Iduna-Gruppe. Im Gespräch mit der Versicherungspraxis24 schildert Vorstandschef Ulrich Leitermann, wie sein Unternehmen damit umgeht.

Sie haben vor längerer Zeit berichtet, dass die Mitarbeiter der Signal Iduna im Rahmen ihrer Fortbildung bei der Start-up-Plattform „Open Studios“ mitarbeiten können, um so eine ganz andere Arbeitswelt als die, die sie gewohnt sind, kennenzulernen. Wie gut wird das angenommen?

Leitermann: Die signals Open Studios gehen mittlerweile in ihr drittes Jahr und wurden schon von über 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Signal Iduna in der einen oder anderen Weise genutzt.

Versicherungspraxis24: Hat das auch einen konkreten Nutzen für ihre normale Tätigkeit?

Leitermann: Die Studios sind Workshop-Raum, Co-Working Space, Veranstaltungsfläche und unser Tor zu den Berliner Start-ups. In den dort stattfindenden Formaten wie „Future of Work“ lernen die Teilnehmer, wie Zusammenarbeit in Zukunft aussehen kann und wie sie schneller auf Veränderungen reagieren können. Hier entstehen aber auch neue Produkte und Partnerschaften. Dabei lernen wir viel für unsere angestammten Flächen in Dortmund und Hamburg: So haben wir die Open Boxes, die in unseren Hauptverwaltungen zum kreativen Arbeiten einladen, nach dem Vorbild der Open Studios gestaltet. Auch haben wir begonnen, die Büroflächen schrittweise für moderne Arbeitsformen umzugestalten.

Seit mehreren Jahren arbeitet Ihr Unternehmen an einem Transformationsprozess. Wie weit sind Sie inzwischen damit gekommen?

Leitermann: Mit dem 2018 gestarteten Transformationsprogramm „Vision2023“ richten wir uns auf die veränderten Kundenwünsche und Herausforderungen im Markt aus. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung, sondern um den gesamten Umbruch im Markt: die Veränderungen bei den Ansprüchen der Kunden, der Einsatz neuer Technologien und die Bedeutung von Daten. Bei Signal Iduna haben wir einen klaren Weg, mit diesen Veränderungen umzugehen. Unsere Mitarbeiter, das zeigen regelmäßige Umfragen, unterstützen diesen Weg. Denn wir gestalten ihn als Chance für unser Unternehmen und damit auch alle Mitarbeiter. „Gemeinsam mehr Lebensqualität schaffen!“ ist unser Anspruch und unser Versprechen an die Kunden, an dem wir uns messen lassen. „Vision2023“ ist auch ein Wachstumsprogramm.

Sie haben immer betont, dass Ihr Unternehmen darauf setzt, die Mitarbeiter bei Veränderungen mitzunehmen. Ist Ihnen das gelungen?

Leitermann: All das bedeutet auch, dass wir unsere Art zu arbeiten verändern. Deshalb heißt einer der vier Bausteine unserer „Vision2023“ „Mehr Wir“, bei dem es um die Entwicklung der Mitarbeiter geht. Weniger Hierarchien, dafür mehr Teamarbeit und Eigenverantwortung. Um das zu erreichen, entwickeln wir neue, agile Arbeitsweisen. Mit dem Projekt „Arbeitswelt der Zukunft“ modernisieren wir zudem an allen Standorten die Büros. Immer mehr Mitarbeiter arbeiten bereits in Journeys und Projekten nach agilen Methoden. Von ihnen erhalten wir sehr positives Feedback. Ich spüre im Unternehmen eine positive Aufbruchsstimmung, die wir schrittweise ins gesamte Unternehmen tragen.

Generell muss die Signal Iduna ja den Spagat schaffen, der für viele insbesondere mittelständische Unternehmen in der Versicherungsbranche eine Herausforderung ist – auf der einen Seite die eher konservativen Tugenden eines „ehrbaren Kaufmanns“ bewahren und das bewährte Know-how langjähriger Mitarbeiter nutzen, auf der anderen Seite sich den Veränderungen durch die Digitalisierung stellen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Leitermann: Für mich ist das kein Widerspruch. Die von Ihnen erwähnten Tugenden – Verlässlichkeit, Fairness im Umgang mit dem Kunden, Empathie und eine nachhaltige Kundenbeziehung – sind heute top-modern. Schauen Sie auf die jüngsten Datenskandale, auf die Unsicherheit vieler Menschen, wenn es um den Schutz ihrer Privatsphäre im Digitalen geht. Ich bin überzeugt davon, dass diese Tugenden – man kann auch von Werten sprechen – gerade in der digitalen Welt wichtig sind. Das ist übrigens auch unser Ansatz bei der Digitalisierung. Es geht nicht darum, alles Alte über Bord zu werfen. Im Gegenteil: Wir wollen unsere Stärken – dazu gehören auch unsere Unternehmenswerte – in die digitale Welt übertragen. Nicht weniger, sondern mehr Kundenzufriedenheit lautet das Ziel. Ich bin überzeugt, dass unsere Werte uns dabei helfen.

Eine weitere Herausforderung, die verstärkt von außen an Sie herangetragen wird, ist die Reaktion auf die Veränderungen durch den Klimawandel. In Ihrem Blog wurde im letzten Herbst beschrieben, dass Umweltschutz im Kleinen anfängt und wie das konkret bei der Signal Iduna aussieht. Reicht das wirklich aus?

Leitermann: Die Beispiele im Blog – Förderung des Radfahrens, eigene Bienen und grüne Dächer – sind in der Tat als kleine Maßnahmen zu verstehen. Wir wollen zeigen, dass jeder zu mehr Klimaschutz beitragen kann und die Mitarbeiter dazu motivieren. Wir haben aber Anfang 2020 einen ganzheitlichen Aktionsplan verabschiedet, der die Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in die Produktpolitik sowie die Kapitalanlage gewährleisten wird. Wir orientieren uns dabei an den Sustainable Development Goals (SDG's) der UN.

Ein wesentlicher Hebel liegt bei uns in der Kapitalanlage. Wir verwalten mehr als 80 Milliarden Euro Kundengelder. Unser oberstes Ziel ist die Erfüllung der Verträge unserer Kunden. Wir berücksichtigen aber neben Renditenerwartungen auch Umwelt- und Sozialaspekte bei den Anlageentscheidungen. So investieren wir verstärkt in erneuerbare Energien, insbesondere in Wind- und Solarenergie. Im Zuge des schrittweisen Portfolioaufbaus wurden in den letzten Jahren u.a. mehrere größere On-Shore-Windparkportfolien in Deutschland und Photovoltaikparks in Spanien erworben. Im Bereich der Fremdkapitalfinanzierung sind zwei Beispiele die anteilige Finanzierung der Offshore-Windparks Godewind 1 und Riffgrund 2, welche in der deutschen Nordseeküste zusammen rund 800 Megawatt Nennleistung aufweisen. Bei Neuinvestments im Immobilienbereich achten wir zunehmend auf eine Zertifizierung nach internationalen Standards. Im Segment der Baufinanzierungen prüfen wir derzeit zudem die Einführung eines speziellen Hypothekentarifes für eigengenutzten Wohnraum mit hoher Energieeffizienz.

Auch unsere Hauptverwaltungen werden zunehmend klimafreundlicher. In Hamburg in der City Nord (Kapstadtring 5) wurde ein sanierungsbedürftiges und energetisch ineffizientes Gebäude aus dem Jahr 1979 abgerissen. 2022 soll an dieser Stelle ein LEED-zertifiziertes Gebäude zur Eigennutzung der Signal-Iduna-Gruppe fertiggestellt werden. Weitere Maßnahmen zur mehr Energieeffizienz und Ressourcenschonung sowie Kompensation in unseren Hauptverwaltungen in Dortmund und Hamburg werden zurzeit erarbeitet.

Bisher sind es ja eher die „großen Player“ in der Branche, welche die Diskussion über ein Engagement für mehr Klimaschutz bestimmen und es wurde die These vertreten, dass mittelständische Unternehmen zu wenig Marktmacht haben, um hier etwas zu bewirken. Sehen Sie das auch so?

Leitermann: Ich bleibe gerne bei dem Blog-Beispiel: Jeder Schritt, jede Maßnahme zählen, auch wenn diese klein oder vermeintlich klein sind. Mit unserem Aktionsplan Nachhaltigkeit verfolgen wir einen integrativen Ansatz, beim dem wir über mehrere Jahre unsere Nachhaltigkeitsziele in die „DNA“ der Signal Iduna verankern wollen. Wir haben dafür ein eigenes Nachhaltigkeitskomitee gegründet, in dem neben mir auch der Vertriebs- sowie der Finanzvorstand vertreten sind. Unser Strategieprojekt „Vision2023“ mit dem Ziel „Mehr Lebensqualität“ bietet für unseren integrativen Ansatz die ideale Voraussetzung.

Bei dem diesjährigen Wirtschaftsgipfel in Davos war das Thema Klimaschutz von zentraler Bedeutung. Glauben Sie, dass diese zunehmende Diskussion in der Versicherungsbranche zu konkreten Veränderungen führen könnte?

Leitermann: In Davos, aber auch beim Welt-Wirtschaftsgipfel des Hauses Springer in Berlin war der Klimawandel ein beherrschendes Thema und zeigt die hohe Relevanz und Betroffenheit. Von solchen Veranstaltungen gehen wichtige Signale aus. Trotzdem werden nicht vorrangig die Diskussionen in Davos oder Berlin zu konkreten Veränderungen in unserer Branche führen, sondern die Erwartungen aus der Mitte der Gesellschaft.

Könnten davon auch Impulse für ganz neue Angebote und Ansätze bei Versicherungs- und Finanzprodukten ausgehen oder glauben Sie, dass die Nachfrage danach zu wenig dauerhaft fundiert ist?

Leitermann: Ich gehe davon aus, dass Impulse für neue Angebote und Beratungsansätze von der derzeitigen gesellschaftlichen Diskussion ausgehen werden. Seit 2010 ist der Anteil von Personen, die sich für nachhaltige Geldanlagen interessieren, nur leicht gestiegen. Es ist kein Peak im Interesse der Verbraucher in den letzten Jahren zu verzeichnen, eher ein langsam wachsendes Fundament beim Nachhaltigkeitsbewusstsein. Wir bereiten uns aber darauf vor, dass diese Entwicklung sich beschleunigen und ausweiten wird.