Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Frank Rottenbacher, Vorstandsmitglied des AfW Bundesverband Finanzdienstleitung

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Ziele setzen statt Aktionismus

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Am 20. Dezember ist die Versicherungsvermittlerverordnung in Kraft getreten. Sie ergänzt die Umsetzung der EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie (IDD) in deutsches Recht, die seit dem 23. Februar 2018 gilt. Mit Frank Rottenbacher, Vorstandsmitglied des AfW Bundesverband Finanzdienstleitung, sprach die Versicherungspraxis24 darüber, was diese gesetzlichen Regularien für die Vermittler bedeuten.

Herr Rottenbacher, der AfW hat vor kurzem weitere Ergebnisse des 11. Vermittlerbarometers bekanntgegeben, bei denen es um die Einschätzung der Vermittler zum Nutzen der gewerberechtlichen Regulierungen ging. Danach bewertet nur knapp die Hälfte die IDD-Umsetzung, die im Februar 2018 in Kraft trat, positiv. Teilen Sie diese Einschätzung?

Rottenbacher: Ein grundsätzliches Problem bei der Gesetzgebung im Vermittlerbereich ist, dass sie unscharf ist. Es wird versäumt, Parameter zu formulieren, mit denen man feststellen kann, ob das Gesetz die intendierten Ziele erreicht hat, beispielsweise geringere Stornoquoten oder wie eine gestiegene Beratungsqualität gemessen werden kann. Dazu müssten Kriterien definiert werden, an denen das gemessen werden kann. Das ist das Gleiche beim LVRG 1 – es sollten die Provisionskosten gesenkt werden, aber es wurden weder Berechnungsmethoden noch ein konkretes Ziel genannt. Und nun sagt die BaFin, dass das Ergebnis nicht ausreiche. Es wäre besser, nach einem vorher festlegten längeren Zeitraum zu prüfen, ob die Ziele erreicht werden und dann eventuelle Korrekturen vorzunehmen. Faktisch wird aber immer nur draufgesattelt – auch bei Evaluierungen kommt es nicht vor, dass mal etwas wieder weggenommen wird. Alles, was draufgesattelt wird, halte ich für kritisch. Ich kann diese Kritik der Befragten also grundsätzlich verstehen – viele sagen, dass sie endlich einmal ins Tun kommen wollen und dass diese ständigen Richtlinienumsetzungen viel Zeit kosten. In der Summe ist das belastend und es ist fraglich, ob das zu einer höheren Beratungsqualität führt und ob es das alles Wert war.

Am 20. Dezember ist nun auch die Versicherungsvermittlerrichtlinie in Kraft getreten. Erwarten Sie sich davon eine Verbesserung der Stimmung unter den Vermittlern?

Rottenbacher: Nein, durch das Inkrafttreten der VersVermV wird sich die Stimmung nicht aufhellen. Aber nun wissen wir wenigstens, was der Gesetzgeber von uns verlangt.  Die wichtigsten Änderungen sind die Verpflichtung zur Weiterbildung, die Änderung der Erstinformation und das Beschwerdemanagement. Hier liegen nun die Karten auf dem Tisch.

Wie unterscheiden oder ergänzen sich die beiden gewerberechtlichen Regulierungen?

Rottenbacher: Die IDD war die Umsetzung einer EU-Richtlinie in nationales Recht, die Vermittlerverordnung gibt die konkreten Weisungen dazu. So war zwar bekannt, dass jeder, der als Vermittler oder im Versicherungsvertrieb arbeitet, mindestens 15 Stunden Weiterbildung pro Jahr nachweisen muss. Aber darüber hinaus gab es keine Details. Dies wurde jetzt endlich geregelt. Aktuell werden noch Anwendungshinweise festgelegt, damit es möglichst einheitliche Entscheidungen bei den IHKs gibt . Es wäre natürlich sinnvoll gewesen, wenn dies gleich mit dem Inkrafttreten der IDD im Februar 2018 geklärt worden wäre.

Wie haben denn die Vermittler diese Zeit der Ungewissheit überstanden? Sie mussten ja schon für das Jahr 2018 den Nachweis der Weiterbildung erbringen.

Rottenbacher: Faktisch sind das ja nur zwei Tage pro Jahr. Die meisten Makler erfüllen diese Stundenzahl letztlich bereits seit Jahren durch den Besuch von Vorträgen auf Messen usw., auf die sie ohnehin gehen. Neu ist, dass auch die Mitarbeiter in der Vertragsabteilung zum Beispiel sich weiterbilden müssen, die weniger auf Messen gehen. Für die bieten sich eLearning Angebote an.

Bei der eingangs zitierten Umfrage waren nur 78 Prozent der Befragten vom Nutzen der Weiterbildung überzeugt – müssten es nicht 100 Prozent sein?

Rottenbacher: Immerhin waren das drei von vier Befragten und bei den AfW-Mitgliedern lag der Wert sogar bei 87 Prozent. Es gibt natürlich immer einige, die den Weg des geringsten Widerstands gehen wollen und denen kann man nur sagen, "Leute, werdet euch eurer Verantwortung bei der Beratung bewusst." Die 15 Stunden sind eine Minimalanforderung, die man gut nutzen kann, wenn man zu Jahresbeginn einen Plan macht, was man anstrebt und wie man sie für dieses Ziel optimal einsetzen kann. So könnte Ziel der Unternehmenspolitik zum Beispiel sein, sich ein Stück weit vom LV-Geschäft unabhängig zu machen und sich stärker im Fondsgeschäft zu engagieren. Entsprechend sollte die Weiterbildung darauf angelegt sein, hier Fachwissen zu erwerben und dabei sollte man auch alle betroffenen Mitarbeiter mitnehmen. Auch diejenigen, die im Backoffice arbeiten, müssen sich darauf einstellen, mit anderen Fragen als bisher von den Kunden konfrontiert zu werden. Deshalb müssen auch sie gezielt weitergebildet werden.

Der AfW ist ja auch Mitinitiator der im letzten Herbst gegründeten Initiative "Zukunft für Finanzberatung". Was versprechen Sie sich davon?

Rottenbacher: Es geht bei der Initiative nicht um politische Lobbyarbeit, sondern darum, das Bild der Finanzberatung in der Öffentlichkeit zu korrigieren. In Deutschland haben wir ja eigentlich kein Beratungsproblem – die Skandale und Probleme, die es in der Vergangenheit gab, bezogen sich immer auf die Produktseite, sogar unter BaFin-Aufsicht, nicht auf die Beratung. Wenn man mit den Leuten spricht, sagen sie häufig, dass sie zu ihrem Makler Vertrauen haben und ihn schätzen. Das Ansehen der gesamten Branche ist aber ganz unten und somit ganz anders als in der Mikrowahrnehmung. In einem ersten Schritt soll ein Online-Portal geschaffen werden, wo Vermittler detailliert zeigen sollen, was sie für ihre Kunden tun. Das können zum Beispiel Beiträge über schnelle Schadenregulierungen oder erfolgreich realisierte Anlagestrategien sein.  Die Initiative will daher im ersten Schritt über die sozialen Medien deutlich machen, wieviel Arbeit ein Makler in die Vor- und Nachbereitung steckt und dass er seine Provision eben nicht "nur für eine Stunde Arbeit" bekommt. Diese Beispiele können Makler auch mit ihrer eigenen Webseite verlinken oder über ihre eigenen Social-Media-Kanäle teilen und somit die Reichweite deutlich erhöhen. Außerdem will das Portal über Möglichkeiten für Berufsanfänger informieren und so etwas zur Nachwuchsgewinnung beitragen.

Gibt es über diese Absichtserklärungen hinaus bereits konkrete Ergebnisse dieser Initiative?

Rottenbacher: Aktuell geht es zunächst auch darum, weitere Förderer zu gewinnen, um weitere ideelle und finanzielle Unterstützung zu erhalten. Die bisherigen Gespräche stimmen mich hier sehr positiv.