Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Rainald Meyer, Geschäftsführer der Funk Versorgungsberatung und der Funk Pensionsmanagement GmbH


Der Kapitalmarkt bestimmt die Entwicklung

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die Niedrigzinsphase beeinflusst nun auch die kapitalmarktnäheren Rentenversicherungen. Ende letzten Jahres kam die Meldung, dass die Allianz und die Zurich bei einigen ihrer fondsgebundenen Rentenversicherungen den Garantiezins senken wollen. Die Kunden sollen in diesen Tagen Genaueres erfahren. Mit Rainald Meyer, dem Geschäftsführer der Funk Vorsorgeberatung und der Funk Pensionsmanagement GmbH, sprach VersicherungsPraxis24 darüber, wie dies einzuordnen ist und welche weiteren Auswirkungen dieser Schritt haben kann.

Herr Meyer, die Allianz und die Zurich wollen bei bestimmten fondsgebundenen Rentenversicherungen den Rentenfaktor senken. Was bedeutet das konkret?

Meyer: Den Rentenfaktor gibt es bei fondsgebundenen Produkten, er spielt bei der Umwandlung des angesparten Kapitals in die Rente eine Rolle. Ein Rentenfaktor 35 beispielsweise bedeutet, dass bei einer Rentenversicherung mit 10.000 EUR Kapital eine Rente von 35 EUR gezahlt wird. Grundlage für die Festlegung des Rentenfaktors durch die Versicherer sind die Sterbetafeln und der Kapitalmarkt, der den Rechnungszins bestimmt. Dabei gehen die Versicherer von einer bestimmten Kapitalmarktentwicklung aus. Wenn sie feststellen, dass sie sie heute nicht mehr vorfinden, muss der Rentenfaktor korrigiert werden.

Um welche Versicherungsprodukte handelt es sich im aktuellen Fall?

Meyer: Die Allianz ändert den Rentenfaktor für alle fondsgebundenen Rentenversicherungen, die bis 2011 abgeschlossen wurden. Der dem Faktor zugrunde liegende Rechnungszins wird auf 1,75 % abgesenkt, was je nach Tarifgeneration und Vertragsdauer zu Reduktionen bis zu 15 % führt. Konkret wird das für die Versicherten aber erst mal gar keine Auswirkung haben, denn die Höhe der Rente wird erst zu Rentenbeginn festgelegt. Die Frage ist, was für einen Zins wir beispielsweise  in 20 Jahren haben werden. Der Kapitalmarkt kann sich bis dahin ja wieder verändern, nach oben oder nach unten. Entsprechend wird sich der Rentenfaktor bewegen.

Wird das Ihrer Erwartung nach Schule machen in der Branche?

Meyer: In Wirklichkeit hat es schon Schule gemacht, als Vorläufer hat u.a. die Axa den Rentenfaktor schon vor einem Jahr für die Pensionskasse gesenkt. Grundsätzlich gilt, dass alle in der Branche denselben Kapitalmarkt haben. Für den Versicherungsnehmer hat somit die Garantie des Rentenfaktors einen gewissen Wert. Es hängt vom Produkt ab, ob und in welcher Höhe ein Rentenfaktor garantiert wird, z.B. gibt es Produkte, bei denen 100 % oder 80 % der Beiträge garantiert werden. Je volatiler der Kapitalmarkt ist, umso schwieriger wird es für die Produkte, Garantien darzustellen.

Bedeutet das, dass die Verbraucher nach der klassischen Lebensversicherung nun auch kapitalmarktnahe Produkte besser nicht zur Altersvorsorge nutzen sollten?

Meyer: Nein, es heißt nur, dass es zurzeit extrem schwierig ist, Garantien zu geben. Kapitalmarktnahe Rentenprodukte haben trotzdem Vorteile, weil sie garantieren, dass man zu Rentenbeginn auf jeden Fall eine Rente bekommt. Außerdem kann der Versicherer nicht einfach machen, was er möchte. Die Veränderung des Rentenfaktors wird von einem Treuhänder überprüft und der Rentenfaktor entwickelt sich so wie der Kapitalmarkt. Das heißt, woanders gibt es auch keine besseren Angebote. Und viele Rentenprodukte haben den Vorteil, dass sie das Risiko der Langlebigkeit auffangen.

Welche Alternativen hätten sie denn überhaupt noch für eine private Vorsorge?

Meyer: Die private Absicherung oder die betriebliche Altersvorsorge sind eine notwendige Ergänzung zur gesetzlichen Rente. Es gibt aktuell ja die Diskussion in der Politik, dass die gesetzliche Rentenversicherung, d.h. das Umlageverfahren, viel besser als die kapitalgedeckte Altersversorgung sei. Fakt ist aber, dass sie alleine nicht ausreicht und aktuell nur auf Grund der Leistungskürzungen der letzten Jahre und des gut laufenden Arbeitsmarktes so stabil erscheint. Die Menschen werden immer älter und belasten damit die gesetzliche Rentenversicherung immer mehr, deshalb ist es besser, wenn die Rente auf drei Standbeine gestellt wird. Die Frage ist dabei, ob man eine Versicherungslösung wählt oder andere Produkte nimmt. Eine gesunde Mischung ist dabei nie falsch. Das Langlebigkeitsrisiko wird dabei nur durch eine Versicherung abgedeckt, deshalb sollte sie immer im Portfolio enthalten sein.

Die Kürzung des Rentenfaktors erstreckt sich den Meldungen zufolge auch auf die betriebliche Altersversorgung. Erwarten Sie, dass sich der andauernde Niedrigzins generell auf die bAV auswirken wird?

Meyer: Ja, natürlich. Am Ende des Tages ist die Rentenhöhe nicht abhängig vom Durchführungsweg, sondern vom Kapitalmarkt. Das gilt weltweit.

Und wie sieht es mit der Subsidiärhaftung des Arbeitgebers aus?

Meyer: Das hängt ein Stück weit davon ab, wie das jeweilige Produkt gestaltet ist. Wenn der Versicherer eine Mindestrente garantiert, haftet auch dieser hierfür, unabhängig vom Rentenfaktor. In diesem Fall ist der Arbeitgeber aus der Haftung. Wenn also beispielsweise bei einem Rentenfaktor von 40 eine Mindestrente von 400 EUR bei 100.000 EUR Kapital vereinbart ist, zahlt der Versicherer diese Mindestrente, selbst wenn der Rentenfaktor auf 30 gesenkt wird. Wurde zum Rentenbeginn ein Kapital von 130.000 EUR erwirtschaftet, bleibt es dann aufgrund des Rentenfaktors trotzdem bei einer Mindestrente von 400 EUR. Ein Problem mit der Subsidiärhaftung gibt es also maximal dann, wenn die Mindestrente nicht garantiert wird. Bei modernen, gut designten Produkten ist die Subsidiaritätshaftung nur ein theoretisches Problem, aber bei älteren Produkten könnte dies im Einzelfall real sein. Aus diesem Grunde prüfen wir zurzeit die Auswirkungen der Rentenfaktorkürzungen.

Einer anderen Meldung zufolge plant Verdi den Aufbau eines Versorgungswerks für den Dienstleistungssektor, analog zur Metallrente. Wie schätzen Sie das ein?

Meyer: Als Gewerkschaft alleine kann Verdi kein Versorgungswerk gründen, sondern sie  muss die Arbeitgeberseite mit dazu holen.

Spielt bei diesen Überlegungen vielleicht der Entwurf des Betriebsrentenstärkungsgesetzes eine Rolle, der Ende Dezember vom Bundeskabinett verabschiedet wurde?

Meyer: Ja, ich gehe davon aus, dass Verdi die Vorteile der Enthaftung und der Zuzahlungen des Arbeitgebers nutzen will. Wenn das Versorgungswerk im Rahmen des Sozialpartnermodells etabliert werden soll, so ist das allerdings eine deutliche Abkehr von einer langjährigen Position. Gerade Verdi stand ja in der Vergangenheit Produkten ohne Garantien nicht positiv gegenüber. Die Idee des Sozialpartnermodells ist ja die, dass ein Verzicht auf Garantien zu einer höheren Rendite und damit einer besseren Versorgung führt. Das Risiko, dass die Rente dann geringer als benötigt ausfällt, steigt aber dann und trägt der einzelne Arbeitnehmer.

Wie beurteilen Sie den Gesetzentwurf?

Meyer: Bis der Entwurf zum Gesetz wird, ist es noch ein langer Weg und er enthält sowohl Licht als auch Schatten. Positiv ist, dass grundsätzlich die Frage der Absicherung von Geringverdienern angegangen und sogar eine kleine Förderung eingebaut wurde. Die Erhöhung des steuerfreien Förderrahmens von bisher 4 % plus 1.800 EUR auf bis zu 8 % der Beitragsbemessungsgrenze ist kein großer Sprung, aber gut. Schade, dass die Beitragsbefreiung in der Sozialversicherung weiterhin bei 4 % gedeckelt ist. Unfair ist, dass nur für die bAV mit einem Riestervertrag bei einem Rentenbezug keine Sozialversicherungsbeiträge anfallen, die bei allen anderen Formen gezahlt werden müssen.

Die Einführung des Sozialpartnermodells ist für das Bundesarbeitsministerium wesentlich. Das Ministerium möchte mit dem Modell insbesondere die Gefahr steigender Altersarmut angehen und strebt branchenweite Lösungen an. Dabei wird aber übersehen, dass die betriebliche Altersversorgung für die Personalverantwortlichen ein Teil des Personalmarketings ist. Deswegen sollte die Art und Weise der Durchführung der bAV jedem Betrieb selbst überlassen bleiben. Ich halte den Weg eines zwanghaften Sozialpartnermodells für falsch.

Eine Alternative wäre eine generelle Enthaftung des Arbeitgebers in der betrieblichen Altersversorgung, wenn er ein Versorgungswerk nutzt, welches zusätzlich zu allen aufsichtsrechtlichen Absicherungen noch durch Protektor gesichert ist. Das würde auch einem Großteil der Arbeitnehmer von kleinen und mittelständischen Unternehmen zu Gute kommen, da die Arbeitgeber ohne diese Haftung sich eher zu einem eigenen, individuellen bAV-Angebot entschließen könnten.