Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Armin Bauer, Mitgründer und CTO von IDnow

Sichere Identifizierung vom Sofa aus

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die Corona-Pandemie hat das Interesse an digitalen Angeboten in allen Bereichen verstärkt. Dazu gehört auch die Verifizierung von Verträgen bei Banken und Versicherungen, für die Neukunden bisher in der Regel zur nächsten Postfiliale gehen mussten, um ihre Identität überprüfen zu lassen.  Mittlerweile kann man sich diesen Weg sparen und dieses Verfahren gemütlich auf dem Sofa sitzend durchführen. Einer der Anbieter ist das 2014 gegründete Start-up IDnow. Mit Armin Bauer, Mitgründer und CTO, sprach Versicherungspraxis24 darüber, wie das funktioniert und wie sich die Corona-Krise auf sein Unternehmen auswirkt.

Identifizierungsverfahren bei Versicherungsverträgen gibt es ja schon lange - wie unterscheidet sich Ihr Verfahren von der herkömmlichen Methode?

Bauer: Die klassische Methode war ja bisher, dass der Kunde entweder zu einer Postfiliale oder in die Niederlassung des Versicherers ging und sich dort ausgewiesen hat. Heute ist es aber mehr und mehr üblich, dafür sein Smartphone zu nutzen. Deshalb geht der Trend ganz klar dahin, dass die Kunden nicht mehr in der Filiale, sondern von zu Hause aus per Smartphone sich identifizieren lassen. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend zu mehr digitalen Aktivitäten, bei denen man das Haus nicht verlassen muss, natürlich deutlich verstärkt. Als wir anfingen, nutzten 15 Prozent digitale Verfahren per Smartphone, mittlerweile sind es 70 Prozent. Der Lockdown ist in dieser Hinsicht natürlich ein Riesentreiber und die Nachfrage nach unserem Angebot ist stark gestiegen.

Wer sind denn Ihre Kunden?

Bauer: Sie kommen aus vielen Bereichen, vor allem Banken und Versicherungen, Telekommunikationsunternehmen und Betreiber von Mobilitätslösungen, also alles rund ums Auto. Auch die gesetzlichen Krankenkassen sind verstärkt daran interessiert, da sie ja mittlerweile eine elektronische Patientenakte verpflichtend anbieten müssen. Die privaten Krankenversicherer sind auch daran interessiert, wenn auch auf freiwilliger Basis.

Wie funktioniert Ihr Angebot denn konkret?

Bauer: Nachdem der Vermittler dem Kunden die Vertragsunterlagen übermittelt hat, setzt dieser sich zu Hause hin und hält sein Ausweisdokument vor die Kamera seines Smartphones. Unsere Software erfasst dies in Echtzeit, liest die Daten aus und macht eine Aufnahme von der Person vor der Kamera. Dann erfolgt eine Überprüfung, ob die erfassten Ausweismerkmale korrekt sind und das Ausweisbild zu dem Foto passt. Wenn das stimmig ist, ist der Prozess abgeschlossen und das Ergebnis wird direkt an den Versicherer übermittelt, der dann über den Vermittler die weiteren vertraglichen Schritte einleitet.

Gab es dieses Verfahren denn nicht immer schon?

Bauer: Sie meinen wahrscheinlich das Video-Ident-Verfahren, bei dem der Kunde online mit einem Mitarbeiter Kontakt aufgenommen hat und von diesem überprüft wurde. IDnow bietet unterschiedliche Produkte zur Verifizierung an – unter anderem auch AutoIdent, wo der Identifizierungsprozess über eine KI-basierte Software funktioniert. Eine Software ist allen Erfahrungen nach besser und zuverlässiger als ein Mensch und vor allem den biometrischen Gesichtsabgleich führt sie verlässlicher durch.

Ich erinnere mich daran, dass ich das Video-Ident-Verfahren öfter mal abgebrochen habe, weil es nicht funktionierte - kommt das bei Ihren heutigen Verfahren auch vor?

Bauer: Generell kann man sagen, dass die Software (also AutoIdent) sicherer und stabiler durch den Prozess führt und die Identifizierung in Echtzeit möglich ist, ohne dass der Kunde darauf warten muss, dass ein Mitarbeiter Zeit für ihn hat.

Aber das heißt auch, dass durch diese Form der Digitalisierung Arbeitsplätze wegfallen?

Bauer: Im Gegenteil - wir wachsen. Unser Unternehmen hat jetzt rund 500 Mitarbeiter und wir suchen weiter nach qualifizierten Mitarbeitern für die Qualitätskontrolle sowie für die Video-Chats. Für den Finanzsektor in Deutschland ist dies regulatorisch nach wie vor der einzige Prozess.

Und wie sieht es mit der Datensicherheit aus? Was geschieht mit den Daten, welche die Kunden Ihnen übermitteln?

Bauer: Unser Prozess ist selbstverständlich nach EIDAS, also den Sicherheitsanforderungen auf EU-Ebene, zertifiziert und wir beachten natürlich auch die Regeln der Datenschutzgrundverordnung. Bevor wir überhaupt die Zulassung bekommen haben, mussten wir nachweisen, dass die Daten bei uns sicher sind und nach der Übermittlung an den Versicherer oder andere Unternehmen vernichtet werden.

Interessieren sich die Kunden überhaupt für diese Frage?

Bauer: Das ist ein Riesenthema für sie, die meisten fragen danach.

Und wie sieht der Vermittler Ihre Arbeit?

Bauer: Für ihn wird die Arbeit deutlich einfacher und das erkennt er in der Regel auch an. Er kann sich auf die reinen Versicherungstätigkeiten konzentrieren, was ja auch seiner Qualifikation entspricht, und wird entlastet. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz ist für ihn eine echte Hilfe.

In einem anderen Interview haben Sie gesagt, Ihr Unternehmen könnte sieben Milliarden Menschen überprüfen, also die gesamte Menschheit. Wie sehen denn Ihre Expansionspläne konkret aus?

Bauer: Unserer Technologie kann weltweit eingesetzt werden und ist in der Lage, Ausweisdokumente von sieben Milliarden Menschen zu erkennen. Was unsere Geschäftskunden angeht konzentrieren wir uns jedoch erst einmal auf Europa, wir haben Dependancen in Großbritannien und Frankreich. 

Reichen dafür Ihre finanziellen Mittel aus? Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind aktuell ja nicht gerade besser geworden und Berichten zufolge hat sich 2019 Ihr Fehlbetrag auf 7,8 Millionen Euro verdoppelt?

Bauer: Wir sind aktuell noch in der Wachstumsphase und investieren deshalb viel in unsere Technologie und werden dabei von unseren Investoren Corsair Capital, BayBG, Seventure Partner, G+D Ventures und Jet A sowie einem Konsortium aus namhaften Business Angels unterstützt.