Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Claudia Tüscher, bAV-Expertin des Maklerpools Maxpool

Erleichterter Zugang zur betrieblichen Altersvorsorge

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Vor gut einem Jahr trat das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) inkraft. In der breiteren Öffentlichkeit wurde vor allem das darin enthaltene Sozialpartner-Modell diskutiert. Weniger im Gespräch war dagegen, dass das Gesetz darüber hinaus einige einschneidende Neuerungen enthält, die sich auch auf das Alltagsgeschäft der Vermittler auswirken. Mit  Claudia Tüscher, der bAV-Expertin des Maklerpools Maxpool, sprach die Versicherungspraxis24 darüber, wie ihre bisherigen Erfahrungen mit den Auswirkungen des BRSG sind.

Frau Tüscher, das Betriebsrentenstärkungsgesetz ist jetzt seit gut einem Jahr inkraft – hat es schon irgendwelche sichtbaren Auswirkungen und Vor- oder Nachteile?

Tüscher: Ja. Es hat bewirkt, dass sich jetzt jeder Arbeitgeber mit dem Thema betriebliche Altersversorgung beschäftigen muss. Bisher war es ja eine freiwillige Leistung, aber durch die Zuschussregelung muss nun jeder Betrieb etwas in dieser Hinsicht anbieten. Und viele Arbeitgeber machen das auch gerne, weil sie für ihre Arbeitnehmer etwas Gutes tun wollen.

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Maklerpool aus?

Tüscher: Für uns bedeutet das ganz viel Arbeit, aber es ist auch wesentlich angenehmer, weil es deutlich einfacher ist, einen Termin für ein Beratungsgespräch bei den Arbeitgebern zu bekommen und man dadurch die Chance hat, sie über die Möglichkeiten der betrieblichen Altersversorgung aufzuklären.

Und wie sieht es mit der Beratung der Arbeitnehmer aus?

Tüscher: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Vor allem für diejenigen, die wenig Lohn bekommen oder noch sehr jung sind, steht das Thema Altersvorsorge nicht unbedingt im Fokus – für einen 18-jährigen Azubi ist das noch nicht interessant. Aber wir sind ja noch in der Umsetzungsphase des Gesetzes, es wird sich schon noch herumsprechen, dass es Vorteile gibt, die sich lohnen.

Welche Vorteile sind aus Ihrer Sicht am wichtigsten?

Tüscher: Wenn der Arbeitgeber eine betriebliche Altersversorgung anbietet, würde ich ihm einen Gruppenvertrag empfehlen, den er exklusiv seinen Arbeitnehmern anbietet. Dann muss er sich nicht mit den vielen unterschiedlichen Angeboten der einzelnen Versicherer herumschlagen und seine Mitarbeiter profitieren von den  Gruppenkonditionen – in Zeiten von Niedrigzinsen sind die Kosten umso wichtiger. Versicherungen sind ja nicht gerade das Hobby von vielen Menschen und der Arbeitgeber nimmt ihnen damit viele Entscheidungen ab. Unschlagbar ist auch der Brutto-Netto-Vorteil, das heißt, die Versteuerung im Rentenalter, wenn das Einkommen meist geringer ist. Eine aktuelle Studie zeigt auf, dass für fast alle Arbeitnehmer – außer für Geringverdiener mit Steuerklasse 3 – sich eine betriebliche Altersvorsorge mit Arbeitgeberzuschuss immer lohnt.

Aber was ist mit Geringverdienern? Gerade die benötigen doch eigentlich eine zusätzlich Altersvorsorge, um der Altersarmut zu entgehen?

Tüscher: Für Geringverdiener mit maximal 2.200 Euro brutto Monatseinkommen sieht das BRSG eine besondere Förderung vor. Hier zahlt der Arbeitgeber den Beitrag von maximal 40 Euro ganz und bekommt dafür einen Zuschuss von 30 Prozent. Allerdings ist die Nachfrage danach regional unterschiedlich und hängt davon ab, wie das Lohnniveau in der Region aussieht. Hier warten wir auch noch darauf, dass dies im Rahmen von Tarifverhandlungen verpflichtend vorgeschrieben wird. Wichtig im Kampf gegen die Altersarmut ist, dass wir die Arbeitgeber mit ins Boot holen.

Hat sich das BRSG insbesondere auch auf die Arbeit der Makler ausgewirkt und ihnen das Geschäft mit der betrieblichen Altersversorgung erleichtert?

Tüscher: Es gibt jetzt viele Firmen, die auf die Makler zukommen und beraten werden wollen und ich kann für mich sagen, dass ich noch nie so viel unterwegs war wie in den letzten Monaten. Viele Arbeitgeber haben durchaus das Bedürfnis, aus einem sozialen Gedanken heraus ihren Mitarbeitern etwas anzubieten und geben mehr als die vorgeschriebenen 15 Prozent – in der Regel ist alles bis 20 Prozent durch die Einsparung von Sozialversicherungsbeiträgen kostenneutral. Das alles hat das bAV-Geschäft natürlich angekurbelt.

Ein wichtiger Bestandteil des BRSG ist ja das Sozialpartner-Modell. Wie sieht es hier mit den Fortschritten bei der Umsetzung aus?

Tüscher: Das Sozialpartner-Modell schreibt ja vor, dass dies von den Tarifvertragsparteien eingerichtet und beaufsichtigt werden soll. Somit werden unterschiedliche Branchen unterschiedliche Lösungen einrichten. Aus Sicht der Arbeitnehmer ist dies nach meiner Beratererfahrung nicht so attraktiv, weil es kein Kapitalwahlrecht und keine Garantien gibt – dahinter steht natürlich, dass so bessere Anlagemöglichkeiten geschaffen werden sollen. Aber ich kann verstehen, dass das bei den Arbeitnehmern nicht ankommt. Konkret gibt es noch in keiner Branche eine Regelung, einige sind zwar interessiert, halten sich aber zurück. Ich erwarte, dass es vielleicht Mitte 2019 eine erste Lösung geben wird. Wir als Vermittler sind dabei nach meinem aktuellen Stand weniger beteiligt, eine Provisionsregelung ist nicht generell vorgesehen, sondern höchstens ein Beratungshonorar, welches der Arbeitgeber zahlen müsste. Maxpool ist mit seiner mehr als 100-jährigen Geschichte ein eher konservatives Haus, deshalb halten wir uns dabei eher zurück, warten ab, was kommt und sehen dann weiter, wie wir es beurteilen.

Gibt es denn für die Arbeitgeber Vorteile beim Sozialpartner-Modell?

Tüscher: Für sie ist vor allem der Wegfall des Haftungsrisikos nach der Devise „pay and forget“ günstig. Das können sie aber auch mit sorgfältiger Einrichtung mit den bisherigen Durchführungswegen, wie der Direktversicherung, haben, wenn auch die Haftung immer noch auf dem Papier steht. Aber viel wichtiger als die Einführung des Sozialpartner-Modells wäre es, wenn die Politik wirklich ernsthaft daran geht, die volle Verbeitragung der Krankenversicherungsbeiträge bei den Betriebsrenten um die Hälfte zu reduzieren, um so von den hohen Belastungen der betrieblichen Altersversorgung in der Auszahlung wegzukommen.

Zum Jahresbeginn gab es ja einige weitere Änderungen des BRSG – wie wirken die sich aus?

Tüscher: Das sind im Wesentlichen Regelungen, die bereits im Gesetz angelegt waren, als es vor einem Jahr inkraft trat, wie die, dass der Arbeitgeberzuschuss jetzt seit dem 1. Januar 2019 verpflichtend ist. Es handelt sich also nicht um ein neu verhandeltes BRSG II.

Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung des BRSG und der betrieblichen Altersvorsorge? Sehen Sie weiteren Handlungsbedarf des Gesetzgebers?

Tüscher: Die Anpassung des Beitragssatzes zur Krankenversicherung wäre ganz wichtig, um die Attraktivität der betrieblichen Altersvorsorge zu erhöhen. Wenn dieser Weitwurf glücken würde, würde das den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. In der Presse wird eigentlich jede Form der Altersvorsorge immer wieder kritisch betrachtet. Wenn man sich einig wäre, das eine bAV super ist, würde das sehr, sehr helfen. Wenn man aber nichts tut und das Thema Altersarmut immer brisanter wird, könnte das dazu führen, dass eine betriebliche Altersvorsorge irgendwann obligatorisch wird und das wollen wir alle nicht. Aber vorläufig erwarte ich keine wesentlichen gesetzlichen Änderungen mehr.