Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

Eric Bussert, Vorstandsmitglied der HanseMerkur

 

Mehr Flexibilität bei der Arbeitsgestaltung

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Bereits Ende Januar ahnte der Vorstand der HanseMerkur, dass das damals hierzulande noch unbekannte Virus, das in China grassierte, bald Auswirkungen auch auf den eigenen Geschäftsbetrieb haben könnte, wie Vorstandschef Eberhard Sautter auf der Bilanzpressekonferenz vor kurzem erläuterte. Deshalb wurde das ganze Unternehmen konsequent auf Heimarbeitsfähigkeit umgestellt - nicht zwingend notwendige Dienstreisen und interne Meetings wurden abgesagt und umfangreiche Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter ergriffen. Schließlich arbeiteten mehr als 900 von ihnen zuhause, wo sie sich in ein Zeiterfassungssystem einwählen konnten, 100 vor Ort. Mittlerweile sind wieder 300 Mitarbeiter ständig an ihrem Arbeitsplatz. Mit Vorstandsmitglied Eric Bussert sprach Versicherungspraxis24 darüber, wie die Rückkehr zur Normalität aussieht und wie sich die Erfahrungen, die Unternehmen und Mitarbeiter während der Pandemie gemacht haben, zukünftig auf die Gestaltung der Arbeitswelt auswirken könnten.

Bei der Bilanz-Pressekonferenz der HanseMerkur wurde erwähnt, dass Ihr Unternehmen sich bereits ab Ende Januar auf die Pandemie und die Umstellung auf Home-Office vorbereitet hat. Wie haben die Mitarbeiter diese Zeit empfunden?

Bussert: Wir haben die Mitarbeiter mittels eines Fragebogens intensiv befragt und alleine an der 90-prozentigen Beteiligungsquote gesehen, dass das Thema eine extrem hohe Relevanz für sie hat. Insgesamt beurteilen sie das Verhalten des Unternehmens sehr positiv und fühlen sich wertgeschätzt. Und als klares Ergebnis möchten sie auch weiterhin flexibel arbeiten können, wir haben ja ursprünglich auch Samstag und Sonntag in die mögliche Arbeitszeit einbezogen und auch jetzt kann man weiterhin samstags arbeiten. Es zeigte sich außerdem, dass ein deutlicher Wunsch nach Flexibilisierung des Arbeitsortes besteht, die meisten wollen auch zukünftig stärker Home-Office integrieren können.

Glauben Sie, dass Sie das jedem anbieten können, der lieber von zu Hause aus arbeitet?

Bussert: Das wird funktionsabhängig sein. Wir haben festgestellt, dass bei vielen Mitarbeitern die Produktivität sogar höher war als am bisherigen Arbeitsplatz. Das lag sicher auch daran, dass die Zeit für den Hin- und Rückweg zur Arbeit entfiel und sie zumindest einen Teil der Zeitersparnis in mehr Einsatz für das Unternehmen umgesetzt haben. Wer das Arbeiten zuhause gut organisiert hat, hat sicher davon profitiert, dass es weniger Ablenkung z.B. durch Pausengespräche gab. Aber wir haben auch festgestellt, dass nicht jeder mit Home-Office umgehen kann. Deshalb werden wir sicher nicht großzügig mit der Gießkanne darüber gehen können, in dem Sinne, dass grundsätzlich jeder Mitarbeiter einen Anspruch darauf hat. Es muss schon in irgendeiner Form eine Leistungskontrolle geben, aber jede Führungskraft wird aufgrund ihrer Erfahrung wissen, wie sie ihre Mitarbeiter einzuschätzen hat. Generell bin ich aber der Überzeugung, dass man jedem eine Chance dazu geben sollte, ein generelles Recht darauf zu haben finde ich dagegen sehr schwierig. Vorstellbar ist aber, dass grundsätzlich jeder zwei bis drei Tage pro Woche Home-Office machen kann.

Aber wie sieht es aus, wenn eine Mitarbeiterin ausschließlich aus persönlichen Gründen lieber zuhause arbeiten möchte, weil sie beispielsweise eine alleinerziehende Mutter ist?

Bussert: In diesem Fall ist eine größere Flexibilisierung der Arbeit und Home-Office an drei bis vier Tagen sicher sehr sinnvoll und für die Mitarbeiterin eine große Erleichterung. Und auch für das Unternehmen kann das zu mehr Produktivität führen.

Wollen die Mitarbeiter eigentlich wirklich alle im Home-Office arbeiten oder haben zumindest einige ihre Kontakte und Kollegen so vermisst, dass sie gar nicht mehr zuhause bleiben wollen?

Bussert: Sowohl als auch. Die meisten wollen am liebsten ein temporäres Home-Office, also einen Teil der Arbeitszeit zuhause, einen Teil im Unternehmen verbringen.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen den Jobs in der Verwaltung und im Vertrieb – kann Versicherungsvermittlung überhaupt im Home Office, also digital, funktionieren?

Bussert: Wir haben in den letzten Monaten davon profitiert, dass wir in den letzten Jahren bereits erhebliche Mittel in die Digitalisierung investiert haben. Dadurch können unsere Vermittler die verschiedenen Kommunikationskanäle nutzen und beispielsweise im B2B oder B2C-Bereich auch Videoberatung machen. Deshalb sind wir nach der sehr schweren Zeit im April/Mai insgesamt auch relativ gut durchgekommen. Nach unseren Erfahrungen haben auch die Kunden das Bedürfnis nach hybrider Beratung und Unterstützung.

Es heißt ja mitunter, dass die Corona-Pandemie der Digitalisierung einen Schub verpassen werde - wie sehen Sie das?

Bussert: Man kann schon sagen, dass es durch Corona eine Zwangsdigitalisierung gegeben hat - für viele war das unproblematisch, für andere eine dringende Aufforderung, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wir haben zum Beispiel bei der Ausschließlichkeitsorganisation in den letzten Jahren auf die Digitalisierung der Beratung gesetzt, sodass die Vermittler jetzt generell den gesamten Beratungsprozess bis hin zur digitalen Unterschrift ohne Medienbruch anbieten können, begleitet von einer Videoplattform.

Wie sieht es mit der Digitalisierung bei Dienstreisen und Meetings aus? Werden Sie die zukünftig durch virtuelle Meetings ersetzen?

Bussert: Ich komme ja von einem Großunternehmen und bin von daher bereits Videokonferenzen gewohnt - in einer großen Organisation ist das ohne Alternative, wenn Sie nicht jeden Tag im Flieger sitzen wollen. Aber natürlich ist nicht jedes Thema dafür geeignet, um per Video durchgeführt zu werden, die persönlichen Kontakte sind grundsätzlich unersetzbar. Per Video kann man vieles machen, aber Gestik und Mimik des Gegenübers vermitteln sich darüber nur bedingt und ich als Vertriebsmann lege sehr viel Wert auf die persönliche Begegnung. Aber die Pandemie  hat vieles verändert. Vor einem Jahr hätte man das noch anders gesehen, wenn man aber einen Sprung von 2019 nach 2021 macht, wird man sehen, dass der Anteil der Kommunikation durch Videokonferenzen zunehmen und die Zeit für Reisen abnehmen wird. Generell glaube ich aber, dass man auch hier keine allgemeingültige Regelung treffen kann. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Videokonferenzen persönliche Begegnungen ersetzen können und ganz viel dazwischen. Aber ein Vorteil wird sicher sein, dass man viele Themen nicht mehr auf die lange Bank schieben wird, weil ein virtuelles Meeting einfach schneller und leichter zu organisieren ist.

Andere Versicherungsunternehmen wie Axa oder Signal-Iduna haben in den letzten Jahren im Zuge der Digitalisierung ihre Büros zu Open-Space-Räumen ohne feste Arbeitsplätze umgerüstet. Planen Sie ähnliches bzw. wird ein Trend zu mehr Home-Office dem Vorschub leisten?

Bussert: Wir haben das im Unternehmen bereits früher einmal diskutiert. Ich könnte mir denken, dass wir das als Pilotprojekt im kleinen Kreis einmal ausprobieren, übergreifend auf alle Arbeitsplätze ist das meiner Einschätzung nach nicht vorstellbar. Aber natürlich braucht man weniger Büroräume, wenn zum Beispiel 40 Prozent der Belegschaft durchschnittlich im Home-Office sind, da wäre es schon sinnvoll, einmal mit einem Pilotprojekt Erfahrungen zu sammeln. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Mitarbeiter auch eine emotionale Beziehung zu ihrem Arbeitsplatz haben und man sie dabei mitnehmen muss - es ist wichtig, dass sie ein gutes Gefühl dabei haben.