Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

 

Dr. Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der BaFin

 

 

 

 

BaFin: Verbraucherinteressen im Auge behalten

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat ein gewichtiges Wort bei allen Veränderungen in der Finanzdientleistungsbranche mitzusprechen. Für alles, was mit der Solvenz der Versicherungsunternehmen und dem Schutz der Versicherungsnehmer zu tun hat, ist die Versicherungsaufsicht zuständig, die seit 2015 von Dr. Frank Grund als Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht geleitet wird. Im Gespräch mit „VersicherungsPraxis24“ zieht er eine Bilanz des jetzt zu Ende gehenden Jahres und gibt einen Ausblick auf wichtige Themen im kommenden Jahr.

Herr Dr. Grund, wenn Sie auf 2017 zurückblicken, war sicher die Kontrolle der Umsetzung von Solvency II ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit – wie beurteilen Sie die Ergebnisse?

Grund: Unter dem Strich sind wir zufrieden. Es war beispielsweise das erste Mal, dass alle Unternehmen, die unter Solvency II fallen, ihre SFCR-Berichte, also die Solvabilitäts- und Finanzberichte, veröffentlichen mussten mit dem Ziel, eine erhöhte Transparenz herzustellen. Die Versicherungsunternehmen haben das für das erste Mal gut gemacht. Allerdings muss man einschränken, dass dabei keine Transparenz für den Endverbraucher, sondern nur für Experten geschaffen wurde, aber angesichts der komplexen Materie halte ich das grundsätzlich für richtig.

Ein wichtiges Thema 2017 war der Run-off in der Lebensversicherung – wird er das auch in Zukunft noch sein, nachdem ja gerade ein großer Versicherer seine diesbezüglichen Pläne aufgegeben hat?

Grund: Zunächst möchte ich klarstellen, dass es den sog. Run-off, also die Abwicklung eines Bestandes, in der Lebensversicherung schon länger gibt, beispielsweise wenn ein Versicherer nach einem Unternehmenszusammenschluss kein Neugeschäft mehr zeichen will. In den letzten zwei Jahren ist dies stärker thematisiert worden, weil Versicherungsbestände erstmals auf externe Plattformen übertragen wurden. Das wurde von der BaFin nach intensiver Prüfung in drei Fällen genehmigt. Voraussetzung für eine Übertragung ist, dass die Belange der Versicherten gewahrt bleiben. Die Verträge werden dabei selbstverständlich nicht angetastet und es muss gewährleistet sein, dass die langfristigen Verpflichtungen des Vertrages auch von dem aufnehmenden Unternehmen erfüllt werden können. Das aktuelle Interesse am Thema Run-off wird davon getrieben, dass Deutschland als Markt für dieses Geschäftsmodell interessant geworden ist, wobei nur der Bereich Lebensversicherung aufgrund der angesprochenen langfristigen Garantien kritisch ist. Ich gehe davon aus, dass dieses Interesse am deutschen Markt auch in Zukunft gegeben sein wird, zurzeit liegen diesbezüglich aber keine Anträge bei uns im Haus vor.

Im neuen Jahr tritt am 3. Januar die MiFID II in Kraft. Welche Auswirkungen hat das für die Versicherungswirtschaft und die Versicherungsvermittler?

Grund: Versicherungsvermittler sind nur dann davon betroffen, wenn sie eine Zulassung als Finanzanlagenvermittler nach § 34f GewO haben. Für den eigentlichen Versicherungsvermittler hat die MiFID also keine Bedeutung. Es gibt aber Parallelen zwischen der MiFID II und der IDD: Beide stärken das Element Verbraucherschutz, der Kunde steht im Mittelpunkt, nicht das Produkt. Die Kernidee ist, dass in allen Vertragsstadien das Interesse des Kunden das Ziel sein muss.

Am 23. Februar soll ja dann die IDD-Richtlinie in Kraft treten – bleibt es bei diesem Termin?

Grund: Ich persönlich gehe davon aus, dass die Anwendbarkeit der IDD auf europäischer Ebene auf den 1. Oktober 2018 verschoben wird, aber die Änderungen auf nationaler Ebene werden planmäßig am 23. Februar 2018 in Kraft treten. Ich gehe nicht davon aus, dass es hier noch einmal Veränderungen geben wird. Alle Parteien wären also gut beraten, sich nicht zu viel Zeit bei der Umsetzung zu lassen.

Welches sind für die Versicherungswirtschaft die wichtigsten Veränderungen im Rahmen der Umsetzung der IDD?

Grund: Neu eingeführt wird, dass nun auch der Direktvertrieb den vertrieblichen Anforderungen unterliegt. Der Produktentwicklungsprozess wird sehr klar geregelt, das Unternehmen muss sich dabei immer überlegen, für wen ein Produkt von Nutzen ist. Außerdem wird der Versicherungsberater gestärkt, indem er in Zukunft nicht nur gegen Honorar beraten, sondern auch Verträge vermitteln darf.

Das heißt, dass er doppelt vergütet wird – mit Honorar und Provision?

Grund: Nein, er bekommt unverändert nur sein vereinbartes Honorar. Aber da der Gesetzgeber den Versicherern nicht vorschreiben wollte, dass sie nur noch Nettotarife anbieten dürfen, müssen sie 80 % der Kosten der Versicherungsvermittlung, also faktisch die Provision, dem Versicherten über eine Reduzierung der Prämien gutschreiben. Mit dieser Regelung will der Gesetzgeber die Honorarberatung stärken.

Wie sieht es bei den anderen Vertriebswegen aus – kann es da ein Nebeneinander von Honorar und Provision auch bei Privatkunden geben und erwarten Sie mögliche Konfliktsituationen?

Grund: Für Versicherungsmakler wird es neben ihrer Vermittlungstätigkeit weiterhin die Möglichkeit geben, auf Honorarbasis im gewerblichen und industriellen Bereich beratend tätig zu werden. Verbraucher dürfen also von einem Versicherungsmakler nicht gegen Honorar beraten werden. Auch in Zukunft ist aber die sogenannte unechte Honorarberatung im Prinzip erlaubt. Das bedeutet, dass Versicherungsvermittler, die auf Provisionsbasis tätig werden, auch auf Honorarbasis Versicherungsverträge vermitteln dürfen. Dabei müssen sie aber die Vorgaben der Rechtsprechung einhalten. Insbesondere müssen sie ihre Kunden deutlich auf die Bedeutung der Honorarabrede hinweisen. Für den Kunden ist mit einer solchen Honorarvereinbarung der große Nachteil verbunden, dass er auch bei einer frühzeitigen Kündigung des vermittelten Versicherungsvertrages das Honorar weiterhin bezahlen muss – meist fünf Jahre lang.

Sehen Sie die Versicherungswirtschaft für die Umsetzung der IDD auch in Bezug auf die IT gerüstet?

Grund: Inzwischen arbeiten ja alle Versicherungsunternehmen an der Digitalisierung mit dem Ziel, die eigenen Prozesse zu optimieren, den Zugang zu den Kunden zu verbessern oder Schutz vor Hackern, also mehr Cybersicherheit, zu gewährleisten. Jeder hat zwar andere Schwerpunkte, aber die Digitalisierung ist in der Kommunikation und im Vertrieb nicht mehr wegzudenken. Gerade im Vertrieb gibt es eine Vielzahl von Apps und ein hohes Maß an Kreativität. Bei den Versicherungsunternehmen geht es vor allem darum, die eigenen Verwaltungsprozesse, die zurzeit in die Jahre gekommen sind, schlanker zu machen und aufzurüsten.

Sehen Sie hier Vorteile für die FinTechs, die diesen Ballast ja nicht haben?

Grund: Wir haben in diesem Jahr den ersten beiden Digitalversicherern aus den Bereichen Krankenversicherung und Schaden-Unfall-Versicherung die Zulassung erteilt. Es mag sein, dass diese Unternehmen mit ihren Abläufen junge Kunden besser ansprechen, auf die sie ja vor allem setzen. Ansonsten sind FinTechs in der Regel Maklerunternehmen, die nicht von der BaFin, sondern von der IHK zugelassen werden.

Mittlerweile sind die ersten FinTechs bereits wieder verschwunden – sehen Sie darin ein Alarmzeichen?

Grund: Das ist aus meiner Sicht normal und es gehört auch dazu, dass Startups immer mal wieder neue Finanzierungsrunden benötigen. Das wird es bei den zugelassenen Versicherungsunternehmen aber nicht geben – hier sind die Hürden und die regulatorischen Anforderungen viel höher und wir schauen sehr genau hin, ob langfristig ausreichend Finanzmittel vorhanden sind.

Die BaFin hat dem Vernehmen nach eine Evaluierung des Lebensversicherungs-Reformgesetzes durchgeführt – gibt es bereits erste Ergebnisse?

Grund: Im Gesetzgebungsverfahren wurde festgelegt, dass das Gesetz zum 1. Januar 2018 zu evaluieren ist, diesen Auftrag hat das Bundesministerium der Finanzen vom Parlament erhalten und die BaFin ist dabei beteiligt. Im Laufe des Jahres 2018 werden die Ergebnisse veröffentlicht.

Es heißt, dass Sie eine Aufteilung der Provision in eine im Vergleich zur heutigen Abschlussprovision niedrigeren Grundprovision und eine höhere Zusatzprovision empfehlen?

Grund: Das ist Teil der Umsetzung der IDD. Die BaFin erarbeitet hierzu derzeit ein Rundschreiben zur öffentlichen Konsultation. Es muss sichergestellt werden, dass die Vertriebsvergütung keine unangemessenen Anreize bietet. Deshalb reicht es nicht aus, wenn nur ein Teil der Provision gesenkt, ein anderer Teil jedoch erhöht wird und sich die Höhe insgesamt nicht ändert. Entscheidend ist die Frage, wie das aus Sicht der Kunden zu bewerten ist. Denkbar wäre, dass Teile der Provision von bestimmten qualitativen Kriterien abhängig gemacht werden.

Sie haben schon öfters davor gewarnt, dass die Versicherungswirtschaft den Brexit nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte – was erwarten Sie konkret und was raten Sie der Branche?

Grund: Jedes Versicherungsunternehmen, das Verträge mit Kunden in UK hat, muss sich fragen, wie es damit umgeht, wenn es im Frühjahr 2019 tatsächlich zu einem harten Brexit kommt und damit die Rechtsgrundlage für das UK-Geschäft wegfällt. Es ist wichtig, dass die Unternehmen rechtzeitig geeignete Maßnahmen ergreifen, beispielsweise indem sie vor Ort eine Tochtergesellschaft gründen oder ihren Bestand auf ein anderes Unternehmen übertragen. Nichtstun ist jedenfalls der schlechteste Weg und die Folgen sind nicht trivial. Die BaFin steht im regelmäßigen Kontakt mit den betroffenen Versicherern und im engen Austausch mit EIOPA und der britischen Finanzaufsichtsbehörde PRA.

Wichtige Themen, die das Jahr 2017 bestimmt haben, waren außerdem die Niedrigzinsphase und die Digitalisierung. Werden diese Themen auch 2018 unverändert wichtig sein?

Grund: An die Niedrigzinsphase haben wir uns leider schon gewöhnen müssen. Ich sehe derzeit keine Anzeichen für steigende Zinsen und daher drängen wir darauf, dass die Versicherer auch weiterhin erhöhte Anstrengungen unternehmen. Speziell mit den Unternehmen, die bei uns unter intensivierter Aufsicht stehen, bleiben wir im Gespräch, beispielsweise was die Überschussbeteiligung oder die Erhöhung des Eigenkapitals angeht. Die Digitalisierung ist meiner Einschätzung nach gar nicht aufzuhalten. Sie birgt große Chancen und Risiken – einerseits ermöglicht sie eine gezieltere Kundenansprache, andererseits wird die Abhängigkeit von der Funktionalität und Sicherheit der IT-Systeme größer. Man muss die Chancen nutzen und die Risiken im Auge behalten.