Interview des Monats

Die VersicherungsPraxis24 im Gespräch mit:

 

Jon Gallop, Leiter nachhaltige Investments bei der HM Trust AG

 

Heinz-Gerhard Wilkens, Leiter Unternehmenskommunikation und Nachhaltigkeitsberichterstattung Hansemerkur

Eine Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

Seit dem Geschäftsjahr 2017 sind auch die Versicherungsunternehmen dazu verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht vorzulegen. Zu den Unternehmen, die das mit großem Engagement betreiben, gehört die Hansemerkur, die seit 40 Jahren mit der jährlichen Verleihung des Kinderschutzpreises zeigt, dass ihr gesellschaftliches Engagement wichtig und nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Mit Heinz-Gerhard Wilkens, Leiter Unternehmenskommunikation und Nachhaltigkeitsberichterstattung, und Jon Gallop, Leiter nachhaltige Investments bei der HM Trust AG, sprach die Versicherungspraxis24 darüber, inwieweit diese neu hinzugekommene Aufgabe mehr ist als nur eine lästige zusätzliche Pflicht und welche Chancen sie auch dem Vermittler bietet.

In Ihrem letzten Geschäftsbericht nimmt die Nachhaltigkeitsberichterstattung einen breiten Raum aus. Machen Sie das in erster Linie, weil das im Rahmen der Umsetzung einer EU-Richtlinie jetzt Vorschrift ist oder erwarten Sie sich davon einen Nutzen für Ihr Unternehmen?

Wilkens: Die Anforderung ergab sich zunächst natürlich aus dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz, beginnend ab dem Geschäftsjahr 2017. Gleichwohl haben wir schon im ersten nichtfinanziellen Bericht geschrieben: „Wir gestalten den Prozess chancenorientiert, da er die Möglichkeit bietet, perspektivisch aus der Pflicht eine Kür zu machen.“ Und so wie unser Personalrecruiting davon profitiert, dass sich Bewerber für die Hansemerkur entscheiden, weil wir seit fast vier Jahrzehnten den ältesten Sozialpreis Deutschlands im Kinder- und Jugendschutz verleihen, so werden auch zunehmend Verbraucher der Generation Z ihre Kaufentscheidung nach dem nachhaltigen Wirtschaften ihres Versicherers ausrichten. Nachprüfbare Glaubwürdigkeit und Reputation als Good Corporate Citizen beeinflussen insofern zunehmend die Positionierung im Wettbewerb.

Wie haben die Vermittler auf dieses Thema reagiert? Viele sind doch eher genervt, wenn sie an die vielen EU-Richtlinien und deren Folgen denken, die ihnen das Arbeiten eher bürokratischer machen und erschweren?

Wilkens: Vermittler sind wohl eher mit den Themen IDD und DSGVO befasst als direkt mit der CSR-Berichterstattung. Gleichwohl gibt die Vertriebsführung und –steuerung aus der Hauptverwaltung schon die Rahmenwerke für eine fortlaufende Qualifizierung und Weiterbildung für unseren Ausschließlichkeitsvertrieb sowie für faire, verständliche und transparente Beratung vor, die das Kundenwohl vor dem Provisionsinteresse in den Fokus nimmt. Unsere digitale Verkaufshilfe Navigator erfüllte schon lange vor der verpflichtenden Nachhaltigkeitsberichterstattung die Vorgaben des Bundes der Versicherten für eine transparente Kundenberatung. Alles Maßnahmen, die den Vermittlern das Arbeiten erleichtern und die Gegenstand der CSR-Berichterstattung sind.

In dem Bericht weisen Sie auch auf Ihre Verantwortung als nachhaltiger Versicherer bei der Kapitalanlage und Produktgestaltung hin. Können Sie das als mittelgroßer Versicherer, der sich auf dem Markt behaupten muss, überhaupt durchhalten?

Gallop: Das stimmt, wir sind ein mittelgroßer Player, der sich auf dem Markt behaupten will! Und genau deshalb nehmen wir unsere Verantwortung als nachhaltiger Versicherer auch bei der Kapitalanlage ernst. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass für Unternehmen das Gleiche gilt wie für Menschen: Wer sich verantwortungsvoll verhält, erfährt dafür auch Wertschätzung

In unserem hart umkämpften Markt geht es nur um Konditionen. Völlig richtig. Aber Konditionen sind doch mehr als Prämien und Garantiezinsen. Es geht um das gesamte Wie des Umgangs, denn nichts anderes bedeutet das lateinische Wort conditio. Es geht immer um Geld, aber es geht immer um mehr: um Service, um Kulanz und um Partnerschaft. Zur Glaubhaftigkeit gegenüber dem Kunden gehört deshalb auch unser verantwortungsvoller Umgang mit den uns anvertrauten Geldern. Wir sind Treuhänder des Kunden. Und gleichzeitig sind wir Menschen alle gemeinsam Treuhänder des Planeten. Für uns schließt sich das nicht aus, sondern es schließt sich ein. Nach so großen Tönen ist uns wichtig zu betonen: Selbstverständlich sind wir in dieser Hinsicht alles andere als perfekt. Wir haben uns auf den Weg der Nachhaltigkeit begeben, stehen heute sehr am Anfang, aber haben noch viel vor.

Wirkt sich das konkret auch auf die Produktgestaltung aus?

Gallop: In der Produktgestaltung hat sich die Hansemerkur seit 1992 mit Tarifen, die erstmals die Option der Inanspruchnahme schul- oder komplementärmedizinischer Leistungen ermöglichten, als innovativer Krankenversicherer positioniert. Heute können wir Nachhaltigkeit in der Produktgestaltung auf vielen Ebenen darstellen: ob mit Tarifen, die über ein einzigartiges Konzept zur Beitragssicherheit im Alter auch Prävention belohnen oder mit Zusatzbausteinen, die es Versicherten ermöglichen, kostenlos eine Vorsorge-, Betreuungs- und Patientenverfügung zu erstellen. Dazu kommt der Zugang zu innovativen eHealth-Lösungen, die von einem telemedizinischen kardiologischen Bereitschaftsdienst bis zur Videotelefonie-Beratung mit Ärzten aller Fachrichtungen reichen.  

In den letzten Jahrzehnten wurde das Thema Nachfrage nach sozial und ökologisch verträglichen nachhaltigen Investments immer wieder diskutiert. Dabei waren die Ergebnisse zwiespältig – gut sein und gut leben war meist nicht identisch, d.h., die Kunden waren letzten Endes doch mehr an guten Erträgen und niedrigen Prämien interessiert?

Gallop: Gerade ein Kunde, der an guten Erträgen interessiert ist, muss ein Interesse an nachhaltigen Investments haben. Zahlreiche deutsche und internationale Studien belegen immer wieder, dass Nachhaltigkeit nicht zulasten der Rendite geht. Nachhaltigkeit ist erweitertes Risikomanagement. Das bedeutet, der nachhaltige Investor betrachtet aus betriebswirtschaftlichem Interesse – zusätzlich zu anderen Risiken - auch diejenigen, die sich aus ökologischen, sozialen oder Governance-Aspekten für das Investment ergeben. Die Carbon Bubble verdeutlicht den Zusammenhang: Wer heute in die Kohleindustrie investiert, muss mit Abschreibungen auf die Wertansätze in den Bilanzen rechnen, weil durch politische Vorgaben (Stichwort Kohlekompromiss) schon heute klar ist, dass die bewerteten Bestände nicht vollständig verstromt werden dürfen. Dieses Beispiel zeigt, dass „nachhaltiges Investieren“ die langfristigen Renditeinteressen des Kunden besser verfolgt als es nicht-nachhaltiges Investieren kann.

Aber es gibt ja auch durchaus sozial engagierte Experten, die die Ansicht vertreten, man solle in erster Linie renditeorientiert investieren und mit dem Gewinn etwas Gutes tun, so wie die Hansemerkur es ja auch mit dem Kinderschutzpreis hält. Wie sehen Sie das?

Gallop: Manche traditionell geprägten Stiftungen arbeiten heute noch so. Das hat aber weniger mit verantwortlichem Investieren zu tun, sondern ist Philanthropie alten Stils. Aus unserer Sicht ist der Nachhaltigkeit dann substanziell gedient, wenn bereits das Investment selbst verantwortlich orientiert ist, nicht erst die Gewinnverwendung daraus. So würden wir stets nur die selbst verursachten Wunden heilen und kämen mit der Nachhaltigkeit nicht voran. Wir formulieren hier einen hohen Anspruch und werden ihm heute bei weitem nicht gerecht. Konkret: Wir haben uns bisher nicht aus allen Investments in fossile Energieträger verabschiedet und werden Zeit benötigen, unsere selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Aber auch diese weite Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Sie haben aktuell eine Stakeholder-Umfrage gestartet, mit der Sie herausfinden wollen, welche Nachhaltigkeitsthemen am relevantesten für die Hansemerkur als Versicherungsunternehmen sind. Haben Sie schon eine Vorstellung, wie Sie die Nachhaltigkeits- und nichtfinanzielle Berichterstattung in Zukunft so gestalten wollen, dass sie möglichst viele Adressaten anspricht?

Wilkens: Nur glaubwürdige, transparente Kommunikation kann das erreichen. Wir haben uns jetzt auf eine Reise gemacht und gehen den Prozess step-by-step an. Dazu gehört auch, dass wir mit den relevanten Stakeholdern transparent kommunizieren und uns spiegeln lassen, wo Handlungsbedarf besteht bzw. wo wir besser werden müssen. Darüber werden wir auch berichten. Wir werden uns neue Ziele setzen und noch im laufenden Jahr eine Nachhaltigkeitsstrategie für die Hansemerkur-Gruppe als Teil der Unternehmensstrategie entwickeln. Oberstes Gebot: Für Greenwashing stehen wir nicht zur Verfügung! Wir sprechen über unsere Stärken, aber auch über die Herausforderungen für die Hansemerkur in den kommenden Jahren.

Die wichtigsten Multiplikatoren sind ja sicher Ihre Mitarbeiter und die Vermittler. Was tun Sie, um sie für dieses Thema zu interessieren?

Wilkens: Wir nutzen alle Kommunikationskanäle für eine fortlaufende Berichterstattung. Zentral sind unser Unternehmensmagazin „Report“ sowie  unser CSR-Blog, in den wir täglich Beiträge  u.a. zu den Themen „Umwelt & Nachhaltigkeit“ sowie „Ethik & Gesellschaft“ einstellen. Erstmalig haben wir auch – zusammen mit der uns beratenden Corporate Responsibility-Agentur Schlange & Co. – eine große, unternehmensübergreifende Auftaktveranstaltung zur CSR-Berichterstattung 2018 durchgeführt, um für das Thema zu sensibilisieren und im Vorwege relevante Fragen zu klären. Das kommt uns im laufenden Berichtsprozess derzeit sehr zugute. Unser zweiter Nachhaltigkeitsbericht zu den Themen Umwelt, Mitarbeiter, Produktverantwortung, Governance & Compliance sowie zu unserem breiten gesellschaftlichen Engagement wird erstmals als eigenständiges Druckwerk erscheinen und ab Juli 2019 auch online verfügbar sein: mit belastbaren Informationen etwa für CSR-Experten, Vermittler, Mitarbeiter, Kunden und potenzielle Bewerber.