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05.06.2018

Hamburg wirbt um FinTechs und InsurTechs

Als drittgrößter Versicherungsstandort in Deutschland hat Hamburg nun auch den Wettbewerb um die begehrten Startups der Branche aufgenommen. Unter der Schirmherrschaft von Finanzplatz e.V. hatte die HSBA als Hochschule der Hamburger Wirtschaft am 29.05.2018 zum 1. Hamburg Insurance Innovation Day geladen. Mehr als 300 Teilnehmer konnten in der Handelskammer verschiedene Experten zum Thema Innovation hören und sich auf vier Slots verteilt die Geschäftsmodelle von 19 Insur- und FinTechs erläutern lassen.

Warum Hamburg als Innovationsstandort?

Wer auf die Geschichte Hamburgs schaut - mit ältester deutscher Börse und ältester Versicherung der Welt - oder den aktuellen FinTech-Monitor betrachtet, der erkenne sehr schnell: Die Hansestadt war und ist innovativ. Mit diesem vergleichenden Blick zurück und auf das "Hier und Jetzt" begrüßte Eberhard Sautter (Vorstand Finanzplatz Hamburg e.V.) das Auditorium im Albert-Schäfer-Saal und machte den Wunsch deutlich, dass sich der Hamburg Insurance Innovation Day in der Branche etabliert und über die Grenzen hinausstrahlt. Es gehe bei der Veranstaltung darum, die (Hamburger) Unternehmen mit den Startups zu vernetzen und Kooperationen zu fördern, so wie es beispielsweise schon im Think & Work Tank der InsurTech Werft gelebt werde. Die "Alten Hasen" könnten den Insur- und FinTechs mit dem bereits aufgebauten Vertrauen und der von Kunden geschätzten Beständigkeit einen wichtigen Wettbewerbsvorteil verschaffen, so Sautter. Die Aufbruchsstimmung in der Branche wolle sinnvoll genutzt werden.

Dem konnte anschließend Dr. Norbert Rollinger (Vorstandsvorsitzender der R+V Versicherung AG) nur zustimmen. Allerdings sei in dieser Veränderung Kreativität gefragt. Die Daten der Kunden müssten im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten genutzt werden. Das etablierte B2B-Geschäft müsse sich stärker ins B2C-Geschäft wandeln. Das habe große Auswirkungen auf das Produktangebot bzw. die damit verbundenen Systeme, die heute vor allem von Profis bedient werden. Die Produkte seien komplex, da sie von Experten verkauft und im Rahmen der Beratung individuell ausgewählt werden. Der Trend gehe aber jetzt zur Selbstbedienung. Es gehe um Vereinfachung und die Auslegung der Systeme hin zum Kunden, fasste Rollinger zusammen.

Die R+V sei von diesem Wandel gleich doppelt betroffen. So werde der Bankenvertrieb im Vergleich zur Versicherungsbranche noch viel stärker angegriffen - nehme man beispielsweise die Erfolgsgeschichte von Paypal. Paydirekt habe als Antwort bisher nur schwindendgeringe Marktanteile. Hinzukomme, dass derzeit jeden Tag eine Filiale schließe, was den Verlust von wichtigen Vertriebskontakten bedeute. Aber genau um diese Vertriebskontakte gehe es, erklärt der Vorstandsvorsitzende. Man wolle den Kunden in den Mittelpunkt stellen. Der Kunde müsse in allen Kanälen zufriedengestellt werden, es dürfe also keinen Unterschied zwischen persönlichem Kontakt und Direktversicherung geben. Uns als Versicherer oder Finanzdienstleister gehe es darum, auch gerade die Kunden im Blick zu behalten, die kein Smartphone haben, bzw. auch die Interessen der Makler und Vertriebspartner einzubeziehen. Das Ziel bestehe also darin, eine Balance aus klassischem Geschäft und neuer Welt zu schaffen. Für die R+V läge die Stärke ganz klar in den 8,4 Mio. Bestandskunden. "Die müssen wir dazu bringen, mit uns in die digitale Welt zu gehen", sagte Rollinger.

Der Mensch als wichtiger Baustein

Ob der Wandel in einem Unternehmen wie der R+V gelingen kann, entscheide aber nicht nur das eingesetzte IT-System oder die Softwarelösung, gab Rollinger zu bedenken. Jeden Tag kommen neue Ideen, ein Unternehmen müsse priorisieren und hinterfragen, wo Stärken genutzt werden können, um besser zu sein als der Wettbewerb. Es gehe nicht darum, den hundertsten Direktversicherer zu kreieren. Es gehe bei Innovation zunächst einmal um völlig neue Formen der Zusammenarbeit und deshalb müssten sich auch Führungskräfte neu erfinden. Der wichtigste Baustein in Transformationsprozessen sei der Mensch. Mitarbeiter müssten dafür sensibilisiert werden, Veränderungen mitzugehen und die Innovationen umzusetzen.

Die Zuhörer konnten durch Rollinger beispielhaft in verschiedene Innovations-Projekte des Versicherers eintauchen. So habe die R+V den Kundenkontakt mittlerweile hybrid ausgebaut. Der Kundenkontakt erfolge digital und persönlich. 500 Außenmitarbeiter seien darin geschult worden, Beratungsgespräche per Video durchzuführen. Und die Auswertungen der 1.000 bereits durchgeführten Videoberatungen würden Mut machen, bilanzierte der Referent. Denn in 49 % der Videoberatungen sei es zum Vertragsabschluss gekommen, in 45 % der digitalen Erstberatungen wurde ein weiterer Termin vereinbart und 92 % der Beratenden habe es als angenehm und hilfreich empfunden, online beraten worden zu sein. Weitere digitale Schritte habe die R+V aber auch mit einem bAV-Portal und der Kooperation zu OptioPay gemacht, die eine interessante Variation der Schadenauszahlung möglich machen. Mit dem Projekt "GO" am Frankfurter Flughafen will die auf Bus-Versicherung spezialisierte KRAVAG zudem das Thema "autonomes Fahren" ergründen. Und natürlich habe die R+V auch sein eigenes InnoLab gegründet. Seit September 2016 widmen sich sechs Mitarbeiter vom Wiesbadener MO14 ausschließlich dem Thema Innovation und versuchen, ihre Ideen sowie den Kulturwandel und Spirit in den Gesamtkonzern zurückzuspielen.

Die Schnelligkeit nicht unterschätzen

Wenn es um Innovation geht, darf auch der Marktführer Allianz nicht fehlen. Holger Köckritz (Head of Strategy & Digital Transformation Office, Allianz SE) widmete sich in seinem Beitrag vor allem der Fragestellung: Was tut sich am Markt und was sind wichtigsten Themen im Zusammenhang mit der digitalen Transformation der Geschäftsmodelle? Mit einem Slide zu den großen Playern wie Google, Facebook und Co machte Köckritz darauf aufmerksam, dass solche Unternehmen heutzutage innerhalb von nur wenigen Sekunden wahnsinnige Mengen an Kundendaten sammeln. Man dürfe die Schnelligkeit der digitalen Welt nicht unterschätzen. Beim Thema Daten gehe es aber um den richtigen Umgang damit als um ein bloßes Sammeln.

Wie sich der Markt und vor allem das Verhalten der Menschen verändert haben, verdeutlichte Köckritz anhand zweier Bilder vom Petersplatz in Rom. Das eine Bild entstand im Jahr 2005 nach dem Tod von Papst Johannes Paul II, das andere zeigt die wartende Zuschauermenge bei der Papstwahl 2013. Im älteren Foto wird kaum eine Kamera oder ein Smartphone hochgehalten, um den Augenblick festzuhalten. 2013 leuchten hingegen tausende Displays. Der Spiegel hatte 2013 darüber berichtet.

Die Strategien der Großen

Und wie lassen sich Transformationsprozesse gestalten? Diese Frage beantwortete Köckritz anhand der Allianz-Strategie. Seit 01.04.2018 habe die Allianz SE einen völlig neuen Vorstandsbereich geschaffen, der Unternehmensbereiche dabei unterstützen soll, die Chancen zu nutzen, die sich aus digitalen Versicherungs- und Investmentlösungen ergeben - getreu dem Motto: optimieren, transformieren, neu erfinden. "Sie brauchen eine Vision und müssen die Strategie in die Fläche hinaustragen", fügte Köckritz hinzu. Das erfordere Änderungen in der Führung. Die Chefs von heute müssten lernen, den Mitarbeitern mehr an Kompetenz zuzutrauen und zu geben. Im Unternehmen müsse eine Kultur entstehen, in der sich jeder Einzelne danach sehnt, Chancen zu nutzen und in der jeder auch Angst davor hat, diese Chancen zu verpassen.

Mit der Global Digital Factory verfolgt die Allianz seit 2016 international das Thema Innovation an. Aus 30 Allianz-Unternehmen wurden weltweit innovative Köpfe ausgewählt, die zusammen neue Wege ausloten. Dabei schaue sich der Marktführer auch Ideen an, die nicht morgen schon Umsatz bringen, aber an die das Unternehmen fest glaubt, sagte Köckritz. Die Digital Agenda aus 2016 fokussiere sich vor allem auf fünf Bereiche: Mobilität, Health, InsurTechs, Connected Home sowie Data Intelligence & Cyber-Sicherheit. Bei allen Innovationen handele es sich um eine Kombination aus einem Produktelement der alten Allianz-Welt, angereichert mit neuen Services und Dienstleistungen, die Kunden ein besseres Erlebnis geben. Mit sogenannten MVPs, also Produkten mit minimalen Anforderungen, würden erste Tests am Markt unternommen, diese analysiert, weiterentwickelt und im besten Fall wird das Produkt herausgebracht. Wenn Tests nicht erfolgreich verlaufen, suche das Team nach neuen Wegen. "Es ist wichtig, in diese digitalen neuen Ökosysteme hineinzuwachsen", meint Köckritz. Um das zu erreichen, benötige es Partnerschaften. Und die ist die Allianz in der Vergangenheit schon mehrfach eingegangen - hier nur ein paar Namen: Lemonade, N26, moneyfarm, simplesurance.

Plattform werden und Touchpoints finden

Um "digitale Kooperationsformen" ging es auch im dritten und letzten Impulsvortrag, in dem Dr. Stephan G. Hans (Geschäftsführender Direktor SDA SE) zunächst aber auf die zukünftige Bedeutung von Plattformen einging. Versicherer und Finanzdienstleister müssten heute ein bisschen selbst zur Plattform werden, um ein Ökosystem aufzubauen. Am Beispiel von Spotify werde deutlich, um was es bei Plattformen gehe. Sie stellen den Gebrauchsnutzen nach oben und orchestrieren die Services. Also auf Spotify angewendet: Das Produkt Musik wird von seinem ursprünglichen Ort genommen, veredelt und in einer anderen Erscheinungsform online oder sogar bei einer Fahrt mit Uber individuell bereitgestellt.

Heutzutage seien vor allem Angriffsmuster zu beobachten, die auf einen Wow-Effect, auf ein aggressives Besetzen der Kundenschnittstelle gehen, Daten staubsaugen und damit den Markt erobern. Für ein eindrucksvolles Beispiel entführte Hans das Auditorium kurz in die Welt von Apple. Mit einem der letzten Updates von IOS wurde auf alle iPhones Apple Health Record ausgerollt. Zudem habe das Unternehmen mit dem Research Kit und Care Kit das Umfeld für weitere neue Entwicklungen vorbereitet. Und auch ein Blick in die Amazon Web Services zeige, dass der große Player längst nicht nur Buchhändler sei.

Aber was müssen Unternehmen heute tun, um mithalten zu können? Hans fasste es am Ende seines Vortrages mit diesen Schlagworten zusammen: selbst Plattform werden, Gegeninitiative & Kooperation. Unternehmen müssten Touchpoints finden, ihr Wissen und Know-how und ihre Beziehungen nutzen sowie unbedingt die eigenen Daten behalten.

Ein Podium - verschiedene Meinungen

Am Nachmittag nutzte dann Prof. Dr. Florian Elert von der HSBA die Podiumsdiskussion, um Vertriebsvorstände und Geschäftsführer verschiedener Marktteilnehmer zur digitalen Transformation zu befragen. Auf die erste Frage "Wo stehen wir?" antwortete zunächst Dirk Weske (Vorstand Bereich Versicherung PPI AG). Es sei deutlich komplexer als "get digital or die". Viele Projekte würden schon im Prototyp-Stadium stecken bleiben, in der Praxistauglichkeit sei heute vieles noch nicht abschließend entwickelt. Das eigentliche Problem sieht Eric Bussert (Vertriebsvorstand HanseMerkur Versicherungsgruppe) eher bei den Rahmenbedingungen, um auf Digitalisierung ausreichend reagieren zu können. Allein beim Thema Datentransfer hätten Unternehmen durch die DSGVO nicht annähernd so viele Möglichkeiten wie Player außerhalb der EU. Dem widersprach Martin Pluschke (Vorsitzender der Geschäftsführung CodeCamp:N GmbH). Es gehe nicht nur um das Datensammeln, sondern vielmehr darum, dass die Versicherung verlässlich bleiben müsse. Und wenn von Disruption die Rede sei, so sei doch zu beobachten, dass sich bisher noch kein Startup ans Kernprodukt Versicherung getraut habe, nur der Weg dahin habe sich wahnsinnig vielseitig verändert. Lars Drückhammer (Geschäftsführer blau direkt GmbH) sieht den Ist-Zustand der Branche ähnlich. Vieles habe sich schon gebessert, die Versicherungs- und Finanzwirtschaft sei aber noch weit davon entfernt, was mit Digitalisierung erreicht werden könne. Denn noch heute gäbe es sicherlich auch unter den Teilnehmern der Veranstaltung Unternehmen, die ohne BIPRO-Standard agieren.

Drückhammers Antwort brachte Prof. Elert gleich zur nächsten Frage: "Was können wir denn noch erreichen? Was kann beispielsweise künstliche Intelligenz für Auswirkungen haben?" Wieder durfte Weske antworten. Seiner Meinung nach müsse zunächst die Definition von KI geklärt werden. Aber wenn KI so verstanden werde, dass die Fähigkeiten, die Menschen gut können, künftig Maschinen übernehmen, dann seien Underwriter oder Statistiker optimale Vorbilder für KI-Entwicklungen. Elert verfeinerte noch einmal seine Fragestellung und wollte von Pluschke wissen, welche nächste Welle die Branche erreicht, habe man doch schon vor Jahren eine erste Welle mit den digitalen Versicherungsordnern erlebt und aktuell eine zweite Welle mit digitalen Versicherern. Nach Ansicht von Pluschke würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Papieranträge & Co in fünf Jahren komplett verschwunden sein. Aber eine wirkliche "Welle" gäbe es durch Voice-Steuerung und Procurement Bot.

Nein zu Alexa, Ja zum Makler

"Wir werden Alexa nicht einsetzen", erklärte daraufhin Drückhammer für sein Unternehmen. Blau direkt werde auch zukünftig den personellen Vertrieb haben. Der einzelne Versicherungsmakler müsse natürlich effizienter arbeiten, sodass die Aufgabe von Pools und Verbänden dahin gehe müsse, Versicherungsmakler technisch zu unterstützen. Da sind wir dann wieder beim Thema Touchpoints, erklärte der Geschäftsführer, also dass Kunden automatisiert angeschrieben werden und eine Technik mit gewissen Automatismen dafür sorgt, dass sich der Makler auf das konzentrieren kann, was wichtig ist und nicht von Technik übernommen werden kann, etwa die Emotionalisierung der Kunden.

Eine wirkliche Revolution und echte Disruption kann sich Weske nach dem Vorbild Airbnb vorstellen, also dass sich private Netzwerke zusammenschließen, um Versicherungen anzubieten, ohne den störenden und kostenaufwändigen Verwaltungsapparat. Pluschke meint hingegen, dass vor allem die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD II den Markt aufwirbeln wird. Dadurch könnten Banken Drittanbieter nunmehr für den Zahlungsvorgang dazwischenschalten und Einblick in Kontobewegungen verschaffen. Das mache richtig Spaß. Der Markt werde hier in Kürze explodieren, freute sich der CodeCamp:N-Geschäftsführer.

Für den Versicherer HanseMerkur gehöre eHealth zu einem entscheidenden Zukunftsthema. Schon heute gäbe es Lösungen für permanentes Blutzuckermessen. Das bringe die Menschen weiter. Deshalb habe HanseMerkur die Telemedizin eingeführt und andere Wettbewerber seien hier schon nachgezogen, erklärte Bussert. Drückhammer sieht den Fokus in nächster Zeit auf Mehrleistungen um das eigentliche Produkt drum herum.

Zum Ende griff Elert noch einmal den Faktor Mensch auf und fragte die Diskussionsteilnehmer, ob die Branche Probleme beim Recruiting bekommen werde, da sie in der Öffentlichkeit als unattraktiv gelte? Bussert stellte hier zunächst klar, dass Versicherer Mitarbeiter im eigenen Haus haben, die geschult werden könnten. Aber wenn erforderlich, würde man es schaffen, neue Menschen für die Branche zu begeistern, zeigte sich der Vertriebsvorstand zuversichtlich. Eine andere Meinung hatte dazu Weske aufgrund seiner Erfahrungen mit dem Recruiting von guten Fachkräften für PPI. Die Versicherer müssten sich darauf einstellen, dass sich ihre IT-Abteilungen in Zukunft verändern werden. Pluschke betonte in diesem Zusammenhang noch einmal die Bedeutung von Kooperationen. Mit Blick auf Amazon würde es gut tun, wenn in der Branche noch kollaborativer zusammengearbeitet werde, so sein klares Statement.

Wir dürfen uns also jetzt schon auf einen neuen Blick in die Branche im Rahmen des 2. Hamburg Insurance Innovation Day im Jahr 2019 freuen.

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Dieser Beitrag wurde erstellt von Yvonne Becker.