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25.09.2017

Arzthaftung: Symptome eines Kompartmentsyndroms übersehen

Die Arzthaftung ist ein weites Feld - auch für die Haftpflichtversicherer, die sich mit Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüchen Geschädigter auseinandersetzen müssen.

Das OLG Hamm hat mit Urteil vom 13.06.2017 - 26 U 59/16 in einem Fall Folgendes entschieden: Zeigen sich nach einer unfallbedingten Gipsschienenbehandlung bei einem Patienten Symptome eines Kompartmentsyndroms (Anm.: wenn erhöhter Gewebedruck zur Verminderung der Gewebedurchblutung führt), muss der mit der Nachsorge betraute Hausarzt diese abklären lassen. Versäumt er dies, ist von einem groben Behandlungsfehler auszugehen. Dem Patienten, der infolge des Arztfehlers seinen rechten Unterarm verliert, steht dann ein Schmerzensgeld von 50.000 EUR zu.

Der Fall

Der Kläger hatte bei einem Unfall ein Anpralltrauma am rechten Unterarm erlitten. Nach der Diagnose einer Prellung des rechten Unterarms/Ellenbogens und der rechten Hand wurden diese durch eine Gipsschiene ruhiggestellt. Im Rahmen der Nachsorge durch die beklagten Hausärzte zeigten sich ca. eine Woche nach dem Unfall am rechten Unterarm eine deutliche Schwellung, ein Hämatom und eine Bewegungsminderung. Zudem berichtete der Kläger über massive Schmerzen.

Der behandelnde Arzt ließ seine Gipsschiene erneuern und verordnete ein Schmerzmittel. Drei Tage später suchte der Kläger die Praxis erneut auf, weil sein rechter Arm dick geschwollen und insgesamt druckempfindlich war. Er wurde daraufhin an einen niedergelassenen Chirurgen und von diesem noch am selben Tage in eine Klinik überwiesen, wo ein fortgeschrittenes Kompartmentsyndrom am rechten Unterarm diagnostiziert wurde. Im Verlauf der sich anschließenden Behandlung musste der rechte Unterarm des Klägers amputiert werden.

Mit der Begründung, die beklagten Hausärzte hätten die Möglichkeit eines Kompartmentsyndroms behandlungsfehlerhaft zu spät in Betracht gezogen, verlangte Kläger Schadenersatz, u.a. ein Schmerzensgeld in Höhe von 50.000 EUR.

Die Entscheidung

Das OLG Hamm stellte nach sachverständiger Beratung einen groben Behandlungsfehler auf Seiten der Beklagten fest.

Der den Kläger behandelnde Hausarzt hätte im Rahmen der Nachsorge ca. eine Woche nach dem Unfall die Möglichkeit eines Kompartmentsyndroms abklären lassen müssen. Zu diesem Zeitpunkt habe sich beim Kläger erstmals ein Hämatom gebildet und er habe unter massiven Schmerzen gelitten. Sein rechter Arm sei geschwollen und seine Beweglichkeit eingeschränkt gewesen.

Bei dieser Situation hätte der Arzt den Kläger auf ein Kompartmentsyndrom befunden und ihn gegebenenfalls umgehend in chirurgische Behandlung überweisen müssen.

Dieses Versäumnis bewertete das OLG als groben Behandlungsfehler. Ein Kompartmentsyndrom sei eine schwerwiegende Erkrankung, die zum Verlust von Gliedmaßen führen könne.

Aufgrund des groben Behandlungsfehlers komme dem Kläger eine Beweislastumkehr zugute. Deswegen sei davon auszugehen, dass die weiteren schwerwiegenden Behandlungsfolgen, insbesondere die Notwendigkeit zur Amputation des rechten Unterarms, auf die fehlerhaft zu späte Behandlung des Kompartmentsyndroms zurückzuführen seien.

Der Höhe nach hielt das OLG ein Schmerzensgeld von 50.000 EUR für angemessen, da der Kläger sein Leben lang mit den aus der Amputation resultierenden Beeinträchtigungen leben müsse.