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14.07.2017

Argumente für den Berateralltag: Crowdinvesting ist selten eine Lösung

Netaffine Anlegergruppen, meist jüngerer Jahrgänge, sind bereit, ihr mehr oder weniger sauer Erspartes in risikoreiche Crowdinvesting-Angebote zu stecken. Sowohl in puncto Intransparenz als auch Risikolevel übertreffen viele dieser Angebote sogar manche Graumarktangebote um Längen. Wenn es im Kundengespräch um Crowdinvesting geht, sollte der Berater überzeugend argumentieren können.

Der Markt für Crowdinvesting

Mit den Worten "unübersichtlich" und "unkontrolliert" ist die Marktsituation bei Crowdinvesting wohl zutreffend beschrieben. Aber die Begeisterung der vorwiegend jungen Investorengruppe ist natürlich mit Verlustmeldungen nicht zu bremsen.

Die Argumente der Investoren

Bei Mindesteinsätzen in Höhe von meist 500 - 1.000 EUR pro Investitionsangebot mag es sich gut anhören, wenn der begeisterte Investor Hinweise auf das Risiko locker kontert: "Ich investiere in viele Start-ups und nie mehr als 500 EUR. Dadurch habe ich eine breite Risikostreuung."

Diesem Argument können Sie nur mit dem Taschenrechner begegnen. Wenn in diesem Fall von zehn Investitionen zwei schiefgehen, dann sind 20 % der Einlage futsch. Die restlichen 4.000 Euro Investition müssen das mit einem Plus von 25 % ausgleichen und dann ist noch kein Euro verdient. Angesichts des hohen Risikos wäre eine Rendite von mindestens 10 % auf die Gesamtinvestition angemessen. Die muss von den 4.000 EUR, die (hoffentlich) noch "leben" für die gesamten 5.000 EUR verdient werden. Das bedeutet, dass die 4.000 EUR 12,5 % erzielen müssen, um die Gesamtrendite von 10 % auf die gesamten EUR 5.000 einheimsen zu können. Viel Glück!

Kontrolle Fehlanzeige

Dabei gibt es in Deutschland nach wie vor keine sinnvolle Kontrolle von Crowdinvesting. Die bei dieser Investitionsform vorwiegend genutzten gesellschaftsrechtlichen Vehikel "stille Beteiligungen", "partiarische Darlehn" und "Genussrechte" klingen für Eingeweihte wie das Triumvirat des Schreckens der Finanzbranche. Sie unterliegen so gut wie keinerlei öffentlicher Kontrolle. Über sie werden derzeit bereits jährlich Milliardenschäden bei Normalanlegern "produziert".

Das "Handelsblatt" hat in einem Beitrag vom 23.05. zehn Pleite-Crowdinvesting-Angebote von "Bestandsleep" bis "Freygeist" und von "Viberwrite" bis "Protonet" veröffentlicht, mit denen ein paar tausend gläubige Investoren knapp 10 Mio. EUR verloren haben. Kommentatoren halten das nur für die (negative) Spitze des Eisbergs.

Eignung

Crowdinvesting ist natürlich nicht allgemein zu verurteilen. Schließlich ist es eine Investitionsform, mit der sich schnell viel Geld einsammeln lässt. Das kann für die Entwicklung unserer Volkswirtschaft durchaus wichtig werden.

Wer aktuell Investitionen in diesem Bereich unternimmt, der ist angesichts der meist weitgehendend fehlenden Basisinformationen und der fehlenden öffentlichen Kontrolle dennoch eher als Spieler, denn als Anleger zu bezeichnen. Ob dabei die Chancen höher sind als beim Lotto, ist nur im Einzelfall abzuschätzen.

Ganz bestimmt eignet sich das Crowdinvesting für Start-ups, die nach Investoren suchen. Die Bedingungen sind derzeit geradezu paradiesisch: Basisinformationen wie einen Geschäftsplan kann man sich schenken bzw. kreativer ausgestalten. Wie, ob und wo das Geld der Investoren investiert wird, prüft zunächst mal niemand. Zum Erfolg braucht es nicht mehr als eine "coole" Homepage.

Dokumentation

Anzuraten ist es, die Stellungnahme des Beraters zum Crowdinvesting gegebenenfalls in die Beratungsdokumentation einfließen zu lassen. Dabei sollte klar formuliert sein, dass der Berater zum einzelnen Angebot sich weder positiv noch negativ geäußert, sich also auf die Darstellung der Bedingungen an diesem Markt beschränkt hat.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Helmut Kapferer.