Aktuelles

03.12.2015

Assekuranz muss sich digital neu erfinden

Wie aktuell und existenziell das Thema digitale Transformation für die Versicherungsbranche ist, zeigen die Diskussion auf dem Versicherungstag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) letzte Woche in Berlin ebenso wie Studien.

Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft, forderte die Branche auf dem Versicherungstag auf, die Herausforderungen der digitalen Revolution anzunehmen und sich nicht nur mit den Folgen der Niedrigzinsphase zu befassen. "In den nächsten fünf Jahren wird mehr passieren als in den vergangenen fünf Jahrzehnten", prophezeite er. Wer sich nicht darauf vorbereite, sehe schweren Zeiten entgegen. Als mahnendes Beispiel nannte er die Medienbranche, die von der Digitalisierung überrollt wurde. "Wir reden heute immer von Industrie 4.0. Doch es geht um Wirtschaft 4.0 und dazu gehören eben auch die Versicherer", so Oettinger.

Branche muss attraktiv sein für Digital Natives

Wie vielfältig das Thema Digitalisierung und Innovationsfreudigkeit ist, zeigen einige Beispiele. Es gehe um neue Angebote wie für die vernetzte Industrie, das Smart Home oder autonomes Fahren. Dabei riet Oettinger stets den Kunden im Blick zu behalten. "Lassen sie niemanden zwischen sich und den Kunden." Die Digitalisierung werfe jedoch auch neue Fragen auf, die erst noch gelöst werden müssten. Das gelte etwa für die Frage nach der Datenhoheit. Oettinger rief die Branche auf, sich an der Diskussion über ein neues Datennutzungsrecht zu beteiligen. GDV-Präsident Alexander Erdland erinnerte z.B. daran, dass auch ein Wandel in der Unternehmenskultur nötig sei, um die Möglichkeiten der Digitalisierung effektiv nutzen zu können: "Wir brauchen mehr Eigeninitiative, Kreativität und Teamarbeit." Dabei gehe es nicht nur um mehr Innovationen, sondern auch darum, neue Mitarbeiter zu finden. "Wir müssen eine Branche sein, die attraktiv ist für die Digital Natives." Auch Google-Manager Frederik Pferdt ermunterte die Versicherer, eine Kultur zu schaffen, die mehr Innovationen zulässt. "Kreativität lässt sich nicht verordnen. Dafür braucht es Offenheit und Optimismus."

Unsicherheit und Wissensdefizite hemmen digitale Entwicklung

Mit dem Thema Digitalisierung tue sich die Branche nach wie vor schwer, schätzt der Gesamtverband ein. Zwar gehören Datennutzung und Big Data zum Kerngeschäft der Versicherung, da von jeher Daten gesammelt und ausgewertet würden, um Prognosen machen zu können. Aber die Veränderung des gesamten Geschäftsmodells einschließlich Vertrieb, Marketing, Produktgestaltung, Datenschutz und Datensicherheit sei doch sehr radikal und erzeuge Unsicherheit.

Diese Unsicherheit identifiziert eine Studie der Unternehmensberatung Odgers Berndtson als den größten Bremsklotz auf dem Weg in die digitale Zukunft, wie versicherungsjournal.de unlängst berichtete. Von den 200 befragten Vorständen deutscher Versicherer aller Rechtsformen antworteten nur 40 und zeigten in ihren Antworten viel Unwissenheit und Skepsis. Zwar sind 60 % der Vorstände davon überzeugt, dass sich mit digitalen Geschäftsprozessen die Umsätze steigern lassen, fast jeder achte (78 %) sieht darin große Potenziale zur Kostenreduktion. Aber nur ein Drittel (36 %) traut dem eigenen Unternehmen zu, die Chancen etwa durch neue Produkte auch nutzen zu können. Bei der Etablierung eins Multi-Access-Vertriebs, den 87 % für notwendig erachten, liegt diese Zahl bei 42 %.