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10.11.2015

Sind geschlossene Fonds wirklich "Sachwertanlagen"?

Fast brancheneinheitlich wird von Beratern, Anbietern und Medien der Begriff "Sachwertanlagen" in Zusammenhang mit geschlossenen Fonds benutzt. Viele Anleger geben einem entsprechenden Investment deshalb einen Vertrauensvorschuss, weil sie davon ausgehen, dass sie so direkt in Sachwerte investieren, statt, wie bei Aktien "über die Börse".

Hintergrund

Für geschlossene Fonds den Begriff Sachwertanlagen zu nutzen, war lange Zeit ein cleverer Schachzug der Branche. Gerade für unerfahrene Anleger entstand so eine deutliche Abgrenzung zur Aktienanlage. Das in Deutschland weit verbreitete negative Vorurteil gegenüber Aktienanlagen wurde verkäuferisch nutzbar.

Um aber genau zu sein: Weder geschlossene Fonds noch Aktienanlagen sind Sachwerte. Es handelt sich in beiden Fällen um Kapitalbeteiligungen. Zwar ist es möglich, dass das Beteiligungsunternehmen, also die geschlossene Fondsgesellschaft oder die Aktiengesellschaft, über Sachwerte verfügt. Sicher ist das jedoch nicht. Aber auch im positiven Fall wird daraus immer noch keine Sachwertanlage.

Geschlossene Fondsgesellschaften und Aktiengesellschaften können auch ausschließlich Geldwerte, Forderungsrechte oder - wie z.B. bei Private Equity Fonds - Unternehmensbeteiligungen besitzen. Und auch gewerbliche Immobilieninvestitionen, die, wie bei den meisten geschlossenen Immobilienfonds in erheblichem Umfang fremdfinanziert sind, entsprächen kaum dem Sachwertbegriff im Verständnis der Mehrheit der Anleger, wenn diese korrekt aufgeklärt würden.

Was der Anleger versteht

Die meisten Anleger gehen davon aus, dass sie über geschlossene Fonds viel mehr als bei Aktien und unmittelbarer an den entsprechenden Investitionsgütern (Immobilien usw.) beteiligt sind. Der im Kapitalanlagerecht erfahrene Rechtsanwalt Norbert Müller aus Freiburg meint zu diesem Thema: "In vielen (von ihm geführten d. Red.) Prozessen im Kapitalanlagerecht wurde den jeweiligen Anlegern die Investition in einen geschlossenen Immobilienfonds dadurch schmackhaft gemacht, dass seitens der Vermittler/Berater oder gar seitens des Initiators der falsche Eindruck erweckt wurde, die Anleger würden Miteigentum an den Immobilien erwerben."

Was soll's - die Sachwert-Begrifflichkeit ist doch längst Standard

Der Einwand ist richtig und auch wieder falsch. Für Berater und Vermittler könnte die Sachwertargumentation durchaus ein existenzielles Problem darstellen. Richter sind schließlich Juristen, die für die brancheneinheitlich ungenaue Bezeichnung wenig Verständnis aufbringen dürften, wenn dies z.B. in Schadenersatzprozessen eine Rolle spielt.

Wenn z.B. der Begriff Sachwert abschlussentscheidend ist und es später dann Probleme mit dem geschlossenen Fonds gibt, dann könnte sich an dieser Begrifflichkeit das Schicksal des Beraters entscheiden. Rechtsanwalt Müller meint dazu: "Dass es dazu noch keine höchstrichterlichen Entscheidungen gibt, liegt vor allem daran, dass das Sachwertargument bei geschlossenen Fonds insbesondere seit der Finanzkrise 2008 genutzt wird. Zwar sind viele der damals als krisenresistent angepriesenen geschlossenen Fonds längst in Problemen und/oder insolvent. Die daraus resultierenden Schadenersatzprozesse haben die höchsten Gerichte jedoch vielfach noch nicht erreicht."

Fazit

Wenn mit ungenauen oder nicht zutreffenden Begriffen Anleger getäuscht werden und damit Umsatz gemacht wird, dann ist das im Zweifel nicht nur ein Problem des Anlegers sondern auch des Beraters, der sich irgendwann eventuell dafür rechtfertigen muss. Es ist auch ein Problem der gesamten Produktlinie, die ihr miserables Image so kaum wird korrigieren können.

Ungenaue Begrifflichkeiten mit dem Potenzial zur Anlegertäuschung gibt es in Zusammenhang mit geschlossenen Fonds noch mehr. Man denke nur an den Begriff "Fonds", dessen Verwendung in diesem Zusammenhang die Abgrenzung zu den sich gravierend von den geschlossenen Fonds unterscheidenden Investmentfonds verhindert und deshalb häufig zur Anlegertäuschung beiträgt.

In einer Zeit, in der immer mehr Anleger, die Geld verloren haben, dank Rechtsschutzversicherung einen Anwalt mandatieren, ist die Verwendung des Begriffs "Sachwertanlagen" bei der Finanzberatung zu geschlossenen Fonds auch im verkäuferischen Sinne schon lange kein cleverer Schachzug mehr.