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07.09.2015

Lebensversicherung und Zinsanstieg: Was rate ich meinem Kunden?

Ein von der Deutschen Bundesbank veröffentlichtes "Diskussionspapier" ist der Auslöser einer aktuellen Branchendiskussion, die Berater und Vermittler von Lebensversicherungen nicht kalt lassen sollte - aber auch nicht unbedingt zu schlaflosen Nächten führen muss...

Hintergrund

Am plakativsten formuliert es wohl "fondsprofessionell online" unter dem 10.08.2015 mit der Artikelüberschrift "Bundesbank warnt: Zinsanstieg könnte Lebensversicherer ruinieren". Es geht um ein Diskussionspapier, das ausdrücklich nicht zwingend die Meinung der Deutschen Bundesbank widerspiegelt, jedoch unter der Nr. 12/2015 von der Bundesbank veröffentlicht wurde. Der Titel des von Mark Feodoria von der Uni Kiel und Till Förstemann von der Deutschen Bundesbank verfassten Textes "Lethal lapses - how a positive interest rate shock might stress German life insurers" weist darauf hin, dass hier ein weiterer Beitrag zur Branchendiskussion über die Folgen wieder steigender Zinsen für die deutschen Lebensversicherungen geleistet wird.

Untersucht wurde, wie weit das allgemeine Zinsniveau ansteigen müsste, bis "finanzrational" verhaltende Versicherte ihre Verträge kündigen würden, um in andere lukrativere Anlageformen zu wechseln und damit die Lebensversicherungsgesellschaften existenzbedrohend gefährden würden. Nach den Ergebnissen, der auf den Verhältnissen von 2013 basierenden Untersuchung der Autoren wäre dies bei einem plötzlichen Anstieg des allgemeinen Zinsniveaus um 2,1 % der Fall.

Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass wieder höhere Zinsen den Versicherern helfen würden, die Garantieversprechen einzulösen. Die Autoren führen jedoch ins Feld, dass bei wieder steigenden Zinsen viele Versicherte sich "finanzrational" verhalten könnten, indem sie ihre in den letzten Jahren abgeschlossenen Verträge wieder kündigen. Es könnte dann den Versicherern an Kapital fehlen, um die hohen Garantien der älteren Verträge (im Durchschnitt sollen es um die 3 % sein) erfüllen zu können. Da die Versicherer vorzugsweise in Festverzinslichen angelegt haben, würden zudem bei einem Zinsanstieg die Anleihen aus dem Bestand an Wert verlieren. Damit würde der Kapitalpuffer der Versicherer reduziert.

Theorie und Praxis

Von deutschen Lebensversicherten ist bislang nicht bekannt, dass sie sich "finanzrational" verhalten. Der seit vielen Jahrzehnten anhaltende Erfolg dieser Absicherungs- und Anlageform ist dann doch eher auf das enorme Vertrauen zurückzuführen, das deutsche Anleger den Lebensversicherungen und Lebensversicherungsgesellschaften entgegenbringen. Deshalb sind die Ergebnisse dieses "Diskussionspapiers" auch nicht direkt in die Praxis zu übertragen. Dennoch, irgendwann im Zeitverlauf eines eventuellen Zinsanstiegs könnte das Vertrauen aufgebraucht sein und die Versicherten veranlassen, sich mit der Bitte um einen Ratschlag an ihren Versicherungsvermittler zu wenden.

Aus einer Ecke, die Lebensversicherungen und Lebensversicherungsgesellschaften eher kritisch gegenübersteht, kommt eine geradezu flammende Gegenrede zu den Thesen des Diskussionspapiers der Bundesbank: "Panikmache der Bundesbank geht an Realität vorbei" lautet die Überschrift der Pressemitteilung des "Bund der Versicherten e. V.", in der dann der Vorstandssprecher Axel Kleinlein die in dem Papier zugrunde gelegte Finanzrationalität so kommentiert: "Würden Verbraucher stets so rational handeln wie in der Studie unterstellt, dann gäbe es die Lebensversicherung erst gar nicht".

Was soll der Versicherungsvermittler raten?

Die Frage ist also, wozu soll der Versicherungsvermittler in einer Situation, in der bei wieder gestiegenem Zinsniveau die zu erwartenden Erträge aus der Lebensversicherung auf absehbare Zeit sehr gering bleiben könnten, raten, wenn ihn sein Kunde fragt, ob er seinen Vertrag verkaufen bzw. kündigen oder ob er weiter seine Prämien bezahlen soll? Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach: Rät der Vermittler zur Fortsetzung des Vertrages, könnten seinem Kunden höhere Erträge aus alternativen Anlagen entgehen. Rät er zur Kündigung bzw. zum Verkauf des Vertrages, muss sich die entsprechende alternative Anlage, die in der Regel der gleiche Vermittler empfiehlt, am Ergebnis der Lebensversicherung messen lassen, wobei die Kosten bzw. Nachteile der Kündigung bzw. des Verkaufes in den Vergleich mit einfließen müssen. Das ist mit sicherheitsorientierten Anlageformen nicht leicht zu bewerkstelligen.

Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass zum Zeitpunkt der Empfehlung der Vermittler allenfalls eine grobe Vorstellung davon haben kann, wie es mit den Erträgen aus der Lebensversicherung weitergeht. Schließlich ist dafür nicht nur der eigentliche Zinsanstieg maßgebend sondern auch die Frage, in welchem Zeitraum er stattfindet, wie weit die Zinsen steigen, usw.

Wie oben bereits angedeutet, geht es auch um die Sicherheit der alternativen Anlage. Bekanntermaßen wurden die meisten Lebensversicherungsverträge wegen ihres hohen Sicherheitsstandards abgeschlossen und dienen meist auch einem höchst sicherheitsrelevanten Anlageziel, der Altersvorsorge. Die Versicherten werden meist erwarten, dass die alternative Anlage einen mindestens ähnlichen Sicherheitsstandard aufweist.

Letztendlich sollte das entsprechende Beratungsgespräch alle Für und Wider enthalten, die - ganz wichtig - dann auch penibel dokumentiert werden sollten.

Zusammenfassung

Welcher Rat der Richtige ist, entscheidet sich dann auch an den individuellen Verhältnissen beim jeweiligen Versicherten, aber auch daran, wie die Medien mit diesem Sachverhalt umgehen. Eine Massenflucht aus Lebensversicherungsverträgen würde vermutlich allen Versicherten schaden. Dass irgendwann Lebensversicherungen nicht mehr zu einer ausgewogenen Altersvorsorgestrategie gehören, ist kaum denkbar. Für das Neugeschäft sind weiter die Versicherungsgesellschaften gefragt, die zukunftsfähige Produkte entwickeln müssen, die die Folgen der Niedrigzinsperiode nicht der Versichertengemeinschaft aufbürden.