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14.03.2016

Arzthaftpflicht: Schmerzensgeld wegen zu später Erkennung von Hautkrebs

Ein Hautarzt, der aufgrund eines als grob zu bewertenden Behandlungsfehlers die Hautkrebserkrankung einer Patientin nicht rechtzeitig erkennt, muss sich u.U. eine bis zum Tod führende Verschlechterung des Gesundheitszustands der Patientin zurechnen lassen. Im konkreten Fall hielt das Oberlandesgericht Hamm deshalb die Zahlung eines Schmerzensgeldes von 100.000 EUR für rechtens (OLG Hamm, 27.10.2015 - 26 U 63/15). Diese Entscheidung unterstreicht auch die Bedeutung einer Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte.

Der Fall

Die Patientin hatte eine Hautarztgemeinschaftspraxis aufgesucht, um die Verfärbung eines Zehennagels nach einer Stoßverletzung abklären zu lassen. Dort riet man ihr wegen des Verdachts eines Nagelhämatoms, eine Nagelprobe einzureichen, die histologisch untersucht wurde. Nachdem die Untersuchung lediglich einen bakteriell infizierten Nagel ausgewiesen hatte und die Patientin hierüber von einem der Beklagten telefonisch in Kenntnis gesetzt worden war, unterblieb ihre weitere dermatologische Behandlung.

Weil sich die Verfärbung des Zehennagels im folgenden Jahr nicht zurückgebildet hatte, suchte die Patientin erneut einen Hautarzt auf. Dieser äußerte den Verdacht einer Krebserkrankung, die sich bei weiteren Untersuchungen bestätigte. Nach dem Befall von Lunge und Lymphknoten mit Metastasen erlag die Patientin den Folgen ihrer Krebserkrankung. In einem noch von der Patientin gegen die Beklagten wegen ärztlicher Behandlungsfehler begonnenen Prozess verlangte nunmehr ihr Ehemann Schadenersatz, u.a. ein Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 EUR.

Die Entscheidung

Die Klage des Ehemannes war erfolgreich. Der Beklagte hatte es aus nach Meinung des Gerichts versäumt, eine ausreichende histologische Untersuchung zum Ausschluss eines Melanoms sicherzustellen. Auch wenn die Patientin von einem Stoßereignis und damit einer naheliegenden Ursache für ein Hämatom berichtet habe, hätte der Beklagte mittels einer umfassenden Differenzialdiagnostik eine - ohne rechtzeitige Behandlung tödlich verlaufende - Hautkrebserkrankung sicher abklären müssen. Die vom Beklagten veranlasste histologische Untersuchung sei unzureichend gewesen, weil sie nicht durch eine im Bereich des möglichen Melanoms entnommene Nagelprobe vorbereitet worden sei. Vielmehr habe der Beklagte es der Patientin überlassen, den Ort der Probe festzulegen und sie dort zu entnehmen. Darüber hinaus sei den Beklagten vorzuwerfen, der Patientin nach der telefonischen Übermittlung des histologischen Befundes nicht hinreichend deutlich gemacht zu haben, dass sie sich zur weiteren Befundung in der Praxis alsbald wieder vorstellen solle.

Das Fehlverhalten der Beklagten sei jedenfalls in der Gesamtheit als grob behandlungsfehlerhaft zu beurteilen und führe zu einer Beweislastumkehr hinsichtlich der zurechenbaren Folgen. Bei ordnungsgemäßer Befundung hätte das bei der Patientin zum Zeitpunkt ihrer Behandlung durch die Beklagte bereits vorhandene Melanom festgestellt werden müssen.

Abgesehen von der auch in diesem Fall notwendigen Amputation des Zehengrundgliedes sei den Beklagten der sich weiter verschlechternde Gesundheitszustand der Klägerin und ihr durch die Krebserkrankung bedingter Tod zuzurechnen. Mit dem Sachverständigen ging das OLG dabei davon aus, dass die Patientin nach der Amputation eine hypothetische Chance auf eine vollständige Heilung gehabt habe. Die den Beklagten zuzurechnenden Umstände rechtfertigten mithin ein Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 EUR.